Wenn Farben "Reise nach Jerusalem" spielen
Das Gehirn verarbeitet die Färbung von Objekten getrennt von anderen Eigenschaften
Farben sind für das Gehirn nicht unbedingt an Objekte gebunden, haben US-Forscher gezeigt: Sie werden wie andere Eigenschaften von Dingen – beispielsweise die Form oder die Geschwindigkeit, mit der sich der Gegenstand bewegt – einzeln und getrennt vom Objekt selbst verarbeitet. Wenn dabei das Objekt verloren geht, kann die Farbe unter Umständen noch präsent sein und wird dann einfach auf einen anderen Gegenstand übertragen. Das haben die Wissenschaftler in Experimenten gezeigt, bei denen Versuchsteilnehmern auf beiden Augen unterschiedliche Bilder gezeigt wurden. Ihr Gehirn konnte dabei nicht alle Informationen gleichermaßen verarbeiten, was dazu führte, dass die Probanden Farbeindrücke von Objekten hatten, die ihnen so gar nicht gezeigt worden waren.
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Die Wissenschaftler bedienten sich einem Phänomen namens binokulare Rivalität. Gemeint ist damit der Zweikampf, den sich die beiden Augen liefern, wenn sie nicht genau dasselbe sehen. Im Gehirn entsteht nur ein einziger visueller Gesamteindruck, das heißt, es unterdrückt abwechselnd die Informationen, die nur von einem Auge wahrgenommen werden. Die Forscher untersuchten diesen Prozess nun genauer, indem sie den Versuchsteilnehmern auf dem linken Auge grüne Querbalken präsentierten und auf dem rechten rote Längsbalken. Überraschendes Ergebnis: Anstatt des erwarteten zweifarbigen Gitternetzes meinten die Versuchspersonen, grüne Querstreifen vor rotem Hintergrund zu sehen.
„Wenn die Signale beider Augen nicht übereinstimmen, gerät das Gehirn in Schwierigkeiten“, erklärt Shevell. Es kann nur ein Objekt – oder Muster – bewusst wahrnehmen, sieht aber dennoch zwei Farben. Es sei ähnlich wie bei dem beliebten Spiel der „Reise nach Jerusalem“: Es bleibt nur noch ein Stuhl respektive Objekt übrig, aber zwei Leute – Farben –, die sich beide gerne setzten würden. Das Gehirn wählt dann eine Art Kompromisslösung. „Die körperlose rote Farbe heftet sich an Teile des mit dem anderen Auge wahrgenommenen Quermusters“, erläutert der Forscher weiter. Das beweise, dass das Gehirn in einem aktiven Prozess Farben Objekten zuweisen würde.
Die Wissenschaftler nennen diesen Prozess „neuronales Zusammenleimen“. Farbe, Bewegung, Form, Größe und andere Eigenschaften eines Objekts würden im Gehirn in unterschiedlichen Arealen verarbeitet und erst durch das Zusammenleimen entstehe der bewusste Gesamteindruck. „Wie das Gehirn unterschiedliche Aspekte eines Objektes verknüpft, ist ein sehr komplexer Prozess, den wir noch nicht komplett erklären können. Farben sind besonders kompliziert, weil sie ähnlich wie Worte erst im Gehirn mit einer Bedeutung versehen werden. Ohne diese neuronalen Prozesse könnten wir mit Farben etwa gleich viel anfangen wie mit einzelnen Worten einer fremden Sprache“, meint Shevell.
Sang Wook Hong und Steven Shevell (Universität von Chicago): Psychological Science, Bd. 20, S. 1084
ddp/wissenschaft.de - Martina Bisculm

















