Alarmierende Sinnes-Kooperation
Angstschrei und ängstliche Miene zusammen sind für das Gehirn mehr als die Summe der Teile
Wer einen angstvollen Schrei hört und gleichzeitig in ein furchtsames Gesicht blickt, treibt sein Hirn zu Höchstleistungen an: Die Wirkung der doppelt wahrgenommene Emotion ist viel stärker als die Summe der beiden einzelnen Reaktionen, haben britische Forscher jetzt gezeigt. Verantwortlich dafür scheint eine Hirnregion zwischen Seh- und Hörzentrum zu sein, die den etwas sperrigen Namen Sulcus temporalis superior, abgekürzt STS, trägt. Sie springt auf unterschwellige Signale wie Tonlage, Lautstärke, Gesichtsausdruck oder Blickrichtung an, die Gefühle und Emotionen vermitteln, und ist damit wichtig für die nicht verbale Kommunikation. Der STS könnte folglich einen interessanten Angriffspunkt für die Behandlung von Krankheiten wie Autismus oder Schizophrenie bieten, die mit einer gestörten Wahrnehmung von Emotionen einhergehen.
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Der STS ist kein Unbekannter für Forscher, die sich mit der nonverbalen Kommunikation beschäftigen. Allerdings gingen sie bislang davon aus, dass er ausschließlich für die Registrierung von Gesichtern zuständig ist – genauer gesagt, für die veränderlichen Merkmale eines Gesichts wie den Blick, die Lippenbewegungen und die Gesichtsausdrücke, die Informationen über den aktuellen emotionalen Zustand eines Menschen vermitteln. In letzter Zeit häufen sich allerdings die Hinweise, der STS könnte auch noch bei anderen Sinneseindrücken eine Rolle spielen. So scheint er besonders dann aktiv zu werden, wenn ein bestimmter Gesichtsausdruck zum Inhalt eines gleichzeitig geäußerten Satzes passt.
Cindy Hagan und ihre Kollegen vermuteten nun jedoch, dass die Aufgaben des kleinen Areals im Schläfenlappen noch umfassender sein könnten. Ihre These: Der STS ist möglicherweise für das Aufspüren von nicht verbalen emotionalen Signalen zuständig – egal, über welchen Sinn diese vermittelt werden. Um das zu testen, zeigten sie 19 Freiwilligen Bilder von Gesichtern mit einem neutralen oder einem furchtsamen Ausdruck und spielten ihnen gleichzeitig entweder ein höfliches Hüsteln oder einen angstvollen Schrei vor. Währenddessen überwachten sie die Hirnaktivität der Probanden mit Hilfe der Magnetenzephalographie, einer Methode, bei der die winzigen Magnetfelder gemessen werden, die die elektrischen Ströme im Gehirn erzeugen.
Sowohl ängstlicher Gesichtsausdruck als auch Angstschrei lösten im Gegensatz zum Hüsteln und zur neutralen Miene eine gewisse Aktivität im STS aus, zeigte die Auswertung. Traten die angstvollen Reize jedoch zusammen auf, nahm die Reaktion überdurchschnittlich stark zu: "Die Reaktion war größer als die Summe der Teile", so Hagan. Die neutralen Gesichtsausdrücke oder das Hüsteln lösten hingegen keine besondere Reaktion aus. Vermutlich, so die Interpretation des Teams, wird zuerst der akustische Reiz registriert und an den STS weitergegeben. Dort erleichtert er dann die Wahrnehmung des optischen Reizes. Zu klären bleibe nun noch, ob es diesen Mechanismus nur bei Angst gibt, einem Gefühl, das während der Evolution des Menschen eine wichtige Rollte als Warnsignal gespielt hat, oder ob er bei allen Emotionen auftritt.
Cindy Hagan (Universität in York) et al.: PNAS, doi: 10.1073/pnas.0905792106
ddp/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel

















