Niederlage für Prothesen
Künstliche Unterschenkel verschaffen Sprintern keine Vorteile gegenüber nichtbehinderten Konkurrenten
Unterschenkelamputierte Sprinter, die mit Hilfe spezieller Karbon-Prothesen laufen, können ähnliche Zeiten erzielen wie nichtbehinderte Spitzensportler. Diese Leistung verdanken sie jedoch nicht etwa besonderen technischen Finessen der Prothesen, sondern allein hartem Training. Diesen Schluss ziehen US-Forscher aus einer Studie, in der sie Spitzensportler untersuchten, denen jeweils der rechte oder linke Unterschenkel amputiert worden war. Auf diese Weise hatten sie den direkten Vergleich zwischen dem echten Bein und der Prothese. Die Forscher studierten die Bewegungsabläufe und maßen sowohl die ausgeübten Kräfte als auch die Schrittfrequenzen. Dabei stellten Craig McGowan von der University of Texas in Austin und sein Team fest, dass behinderte Athleten trotz technisch ausgefeilter Prothesen nicht dieselbe Kraft ausüben können wie nichtbehinderten Spitzensportler. Diesen Nachteil gleichen sie jedoch aus, indem sie die Schrittfrequenz erhöhen.
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Anlass für die Studie gab die Diskussion um die Olympia-Teilnahme des südafrikanischen Sprinters Oscar Pistorius im Jahr 2008. Pistorius, dem aufgrund eines Gendefekts schon im Babyalter beide Unterschenkel amputiert worden waren, hat dank spezieller Karbon-Prothesen bereits mehrfach Gold bei den Paralympics geholt. 2008 sorgte er für Furore, weil er an der Qualifikation für die Olympischen Spiele in Peking teilnehmen wollte. Kritiker wollten ihn davon abhalten, jedoch nicht etwa, weil sie davon ausgingen, dass er seinen nichtbehinderten Konkurrenten nicht gewachsen sei – im Gegenteil: Sie vermuteten, der Sprinter könnte sich dank der Sportprothesen Vorteile gegenüber den anderen Teilnehmern verschaffen, etwa weil diese besonders gute Federeigenschaften hätten.
Das widerlegten die Forscher um Craig McGowan nun. Ihre Probanden waren sechs Sprinter, die auf einer Seite eine mit der von Pistorius ganz oder nahezu identische Unterschenkelprothese trugen. Die Wissenschaftler ließen die Sportler bei verschiedenen Geschwindigkeiten bis hin zu ihrer jeweiligen Maximalgeschwindigkeit auf einem Laufband laufen. Das Laufband maß automatisch die vom Fuß beziehungsweise der Prothese ausgeübten Kräfte. Die von der Prothese aufgebrachte Kraft war durchschnittlich um acht Prozent geringer als die des echten Beins. Hatten die Sportler ihre Höchstgeschwindigkeit erreicht, betrug der Unterschied zwischen gesundem Bein und Prothese sogar noch etwas mehr, nämlich neun Prozent. Außerdem bewegten sich die Beine der Sprinter bei niedrigeren Geschwindigkeiten leicht asynchron. Um diese Nachteile auszugleichen, hätten sich die Sportler jedoch eine deutlich höhere Schrittfrequenz angeeignet, berichten die Forscher.
Auch das Gewicht der Prothese bringt den Sprintern keine zusätzlichen Vorteil: Die Wissenschaftler hatten vermutet, dass ein höheres Prothesengewicht die Schrittfrequenz weiter beschleunigen könnte. In einem zweiten Versuch befestigten sie darum zusätzliche Gewichte von 100, 200 oder 300 Gramm an den Prothesen. Dies bewirkte jedoch lediglich eine bessere Synchronisierung der beiden Beine. Ihre rekordreifen Laufzeiten verdanken die Sportler demnach nicht technischen Raffinessen, sondern hartem Training.
Craig McGowan (University of Texas, Austin) et al.: Royal Society Journal Biology Letters, doi: 10.1098/rsbl.2009.0729
ddp/wissenschaft.de – Mascha Schacht


















