Fantasie schärft Sinne
Übungen vor dem geistigen Auge verbessern die Wahrnehmungsfähigkeit ebenso wie echtes Training
Übung macht den Meister – selbst dann, wenn die Übung lediglich in der eigenen Vorstellung stattfindet: Wer seine Sinne schärfen möchte, kann sich die zu lösende Aufgabe ebenso gut mehrmals vor sein geistiges Auge holen wie sie tatsächlich mehrmals durchzuspielen, haben Schweizer Forscher gezeigt. Mentales Training helfe also nicht nur beim Sport beziehungsweise beim Lernen von Bewegungsabläufen, sondern auch bei Wahrnehmungsaufgaben, sagen die Wissenschaftler. Zugute kommen könnte das Prinzip beispielsweise Radiologen, die meist jahrelang üben müssen, um ungewöhnliche Signale auf Röntgen- oder MRI-Aufnahmen zu erkennen – sie könnten möglicherweise davon profitieren, sich eine bestimmte Anomalie immer wieder genau vorzustellen.
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Den Wissenschaftlern ging es in ihrer Studie um das sogenannte perzeptuelle Lernen, bei dem die Fähigkeit trainiert wird, geringe Unterschiede oder Abweichungen vom Hintergrund wahrzunehmen. Bisher gingen Psychologen davon aus, dass dazu immer wieder ein bestimmter Sinneseindruck nötig ist, der durch die ständige Wiederholung mit der Zeit die Verbindungen zwischen bestimmten Nervenzellen im Gehirn verändert.
Doch offenbar funktioniert das Prinzip auch ohne diesen Sinneseindruck, zeigt nun die neue Studie. Darin hatten Elisa Tartaglia und ihr Team Freiwilligen beigebracht, möglichst schnell auf kleine Veränderungen in einem Strichmuster zu reagieren. Eine Gruppe hatte dazu immer wieder ein Bild aus drei Linien gesehen, von denen die mittlere mal etwas näher an der rechten und mal etwas näher an der linken auftauchte. Die andere Gruppe sah hingegen nur die beiden äußeren Linien und sollte sich den dritten Strich dazwischen vorstellen. In diesem Test zeigte ein hoher oder ein tiefer Ton an, ob die Linie gedanklich eher nach rechts oder eher nach links verschoben werden sollte.
Überraschenderweise schnitten beide Gruppen nach der Trainingsphase besser ab als zuvor, berichten die Forscher. Die Verbesserung in der Gruppe mit dem echten Strich-Training war allerdings etwas größer als in der anderen. Nichtsdestotrotz half ganz offensichtlich auch das mentale Üben dabei, die Wahrnehmungsfähigkeit zu verbessern. Und noch ein weiteres Phänomen zeigte sich bei der Auswertung: In beiden Fällen umfasste der Lerneffekt nicht nur die trainierten senkrechten Linien, sondern auch zuvor nicht getestete waagerechte – ein Effekt, der beim perzeptuellen Lernen gewöhnlich nicht auftritt und den die Wissenschaftler bisher nicht erklären können.
Elisa Tartaglia (Eidgenössische Technische Hochschule, Lausanne) et al.: Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2009.10.060
ddp/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel

















