Seltsame Blumen ohne Nektar
Für Bienen sind menschliche Gesichter merkwürdig geformte Blüten
Trotz ihres einfach aufgebauten Gehirns können Bienen Gesichter erkennen. Sie benutzen dazu sogar ein ähnliches Mustererkennungsprinzip wie der Mensch mit seinem erheblich komplexeren Denkorgan, hat ein französisch-australisches Biologenteam jetzt gezeigt. Genau wie Menschen erfassen die Insekten nämlich nicht nur die einzelnen Merkmale eines Gesichts wie Augen, Nase und Mund, auch deren Position und ihre Beziehung untereinander müssen stimmen. Steht ein Gesicht beispielsweise auf dem Kopf oder sind Mund und Nase vertauscht, nehmen die Bienen es nicht mehr als Gesicht wahr. Entstanden ist diese Fähigkeit allerdings vermutlich nicht für die Gesichtserkennung. Sie dient wohl eher dazu, auch die merkwürdigsten Blüten als solche erkennen zu können.
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Menschen und andere Primaten sind Experten im Erkennen von Gesichtern – und vor allem deswegen, weil sie eine auf Gesichter spezialisierte Hirnregion besitzen. Bienen hingegen müssen mit einem winzigen, sehr einfach aufgebauten Gehirn auskommen, in der es keine derartige Arbeitsteilung gibt. Trotzdem schaffen sie es, eine Tulpenblüte genauso als potenzielle Futterquelle zu identifizieren wie die Blüte eines Apfelbaums oder eine Rose. Zudem sind die Tiere, wie bereits frühere Studien gezeigt hatten, in der Lage, individuelle Gesichter wiederzuerkennen, wenn sie zuvor gelernt haben, diese mit einem Tropfen Zuckerwasser in Verbindung zu bringen.
Avargues-Weber und ihre Kollegen wollten nun genauer wissen, wie weit die Gesichtserkennungsfähigkeiten der Honigsammler tatsächlich reichen, und entwarfen einige Experimente. Dabei wurden Bienen, wiederum mit Hilfe von Zuckerwasser, darauf trainiert, verschiedene Bilder wiederzuerkennen. Zum Teil handelte es sich um reine Strichzeichnungen von Augen, Mund und Nase, zum Teil aber auch um Fotos von echten Gesichtern. Das Fazit der Forscher: Die Bienen können sich nicht nur individuelle Punktmuster merken, sie erkennen auch Gemeinsamkeiten zwischen den Mustern und können dieses Prinzip auf neue Bilder übertragen. Dazu erfassen sie offensichtlich die Gesamtkonfiguration, also die absoluten Positionen der Merkmale sowie ihre Anordnung zueinander.
Für Bienen sind komplexe Muster also mehr als die Summe der Teile, schließen die Forscher. Das zeigt sich auch daran, dass ein Gesicht beim Fehlen eines Teils zwar noch erkannt wird, die Trefferquote jedoch deutlich niedriger liegt. Das System ist so allgemein angelegt, dass die Tiere eben auch menschliche Gesichter von anderen Dingen unterscheiden können, obwohl sie diese Fähigkeit in ihrem natürlichen Lebensraum nur in den seltensten Fällen benötigen. Anscheinend ist eine so starke Spezialisierung des Gehirns wie bei Mensch und Affe also nicht unbedingt nötig, man kommt auch mit weniger aufwendigen Gehirnen zum gleichen Ergebnis, so die Forscher. Für die Bienen hat das Prinzip noch einen anderen Vorteil: Ihre Aungen habe eine relativ schlechte Auflösung, daher ist es sinnvoll, sich auf die auch von weitem erkennbare prinzipielle Konfiguration eines Musters zu verlassen und nicht auf die schlechter sichtbaren Details.
Aurore Avargues-Weber (Universität Toulouse) et al.: Journal of Experimental Biology, Bd. 213, S. 593
ddp/wissenschaft.de - Ilka Lehnen-Beyel


















