Hörschwäche durch Hirnschwäche
Mittelohrentzündung kann bei Kindern den Aufbau der Gehirnstruktur für das Hören beeinträchtigen
Der Grund für eine anhaltende Hörschwäche nach einer Mittelohrentzündung bei Kindern liegt in einer Fehlanpassung ihres Gehirns. Den Zusammenhang haben US-Forscher in Versuchen mit Ratten entdeckt, deren Hörfähigkeit sie künstlich einschränkten. Kinder können kurzfristig ihr Gehör verlieren, wenn sie an einer Mittelohrentzündung leiden. Aber auch lange nachdem die Infektion abgeklungen ist, bleibt in bestimmten Fällen ihre Hörschärfe weiterhin beeinträchtigt: Die Bildung grundlegender Hörmuster im Gehirn der Kinder ist durch die Entzündung nachhaltig gestört worden.
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Bei der Sehfähigkeit ist der Effekt der Fehlanpassung des Gehirns schon länger bekannt: Wenn zu einem bestimmten Zeitpunkt der kindlichen Entwicklung keine visuellen Signale zum Gehirn transportiert werden, beeinträchtigt dies die Entwicklung der Sehrinde, des Teils der Großhirnrinde, die für das Sehen zuständig ist. Infolgedessen leiden die Kinder unter Schwachsichtigkeit, im Fachjargon auch Amblyopie genannt, die bis zur Blindheit führen kann. „Analog dazu verhält sich wohl auch das Gehör“, erklärt Daniel Polley von der Vanderbilt University School of Medicine in Nashville. „Bei einer Mittelohrentzündung bildet sich eine schleimig-eitrige dickflüssige Substanz im Ohr, die akustische Signale daran hindert, bis ins Gehirn zu gelangen. Die Gehörschärfe nimmt dadurch langfristig ab.“
Für ihre Untersuchung teilten die Forscher Ratten in die Altersgruppen „Kinder“, „Jugendliche“ und „Erwachsene“ ein. Sie verschlossen jeweils ein Ohr der Tiere, so dass diese einseitig taub waren. Dann wurden die Tiere in ihren Käfigen über Lautsprecher bis zu 70 Tage lang mit Hörimpulsen versorgt. Anschließend untersuchten die Forscher, welche Auswirkung ein zeitlich begrenzter Gehörverlust auf das Hörzentrum der Ratten hat – den Teil der Großhirnrinde, der akustische Reize verarbeitet.
Die Wissenschaftler stellten fest, dass sich die auditiven Muster im Gehirn der Tiere fehlerhaft ausbildeten: Die Stelle im Gehirn, die mit dem verschlossenen Ohr verbunden war, zeigte sich unterentwickelt, während das Gehirnareal, die für das offene Ohr zuständig ist, gut ausgebildet war. Am auffälligsten zeigte sich die Fehlanpassung bei Tieren, die sich noch im "Kindesalter" befanden. Die Formbarkeit des Hörzentrums ist bei den Jungtieren noch groß, vermuten die Forscher. Es passt sich an den temporären Gehörverlust an.
Im Kindesalter entwickelt der Mensch typische Hörmuster, also Formen von Sprech- und Sprachstil, die mühelos hörend eingeordnet und wiedererkannt werden. Durch die fehlende Stimulation des Hörzentrums im Gehirn wird dieses Training gestört oder gar unterbunden. „Glücklicherweise verfügt aber auch das voll entwickelte Hörzentrum noch über Formbarkeit“, erklärt Polley. Die Wissenschaftler wollen in zukünftigen Studien untersuchen, ob Betroffene ihre Hörfähigkeit durch ein Hörtraining wieder zurückerlangen können.
Daniel Polley (Vanderbilt University School of Medicine, Nashville) et al.: Neuron, doi: 10.1016/j.neuron.2010.02.019
ddp/wissenschaft.de – Regula Brassel

















