Krebszellen klammern sich mit Tentakeln fest
Winzige Membranausstülpungen helfen dem Brustkrebs bei der Metastasenbildung
Brustkrebszellen können auch dank einer ungewöhnlichen Fähigkeit in anderen Organen Metastasen bilden: Sobald sie sich vom Haupttumor gelöst haben, lassen sie winzige Tentakel aus ihrer Hülle herauswachsen, mit denen sie sich beispielsweise an Blutgefäßwänden festhalten und so längere Zeit überleben können. Das haben US-Forscher bei Krebszellen von 102 Brustkrebspatientinnen beobachtet. Interessanterweise scheint dabei der Befehl zum Ausfahren der Mikro-Tentakel von einem bereits bekannten Eiweißmolekül zu kommen: dem Tau-Protein, das vor allem durch seine Beteiligung an der Alzheimer-Krankheit zu zweifelhafter Berühmtheit gelangt ist. Speziell diese Entdeckung lässt die Wissenschaftler nun hoffen, bald ein schlagkräftiges Mittel gegen die Metastasenbildung bei Brustkrebs zur Verfügung zu haben – in ersten Tests hat eine Blockade des Tau-Proteins nämlich bereits dazu geführt, dass die Tentakel in sich zusammenfielen.
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Die Zellen der meisten Organe sterben, sobald sie die schützende Hülle ihres Heimatorgans verlassen und in den Blutstrom gelangen. Krebszellen hingegen können Wochen oder Monate, manchmal sogar Jahre, im Blutkreislauf überleben. Einer der Gründe dafür könnten die jetzt entdeckten Mikro-Tentakel sein, glauben , Michael Matrone und seine Kollegen von der University of Maryland: Die winzigen Membranausstülpungen ermöglichen es den Zellen, sich beispielsweise in den kleinen Blutgefäßen der Lunge festzukrallen und dort abzuwarten, bis sich eine Chance auftut, in andere Organe zu gelangen.
Ausgelöst wird die Tentakelbildung offenbar durch die Produktion von Tau innerhalb der Krebszellen. Es sei zwar bereits bekannt gewesen, dass Tau in manchen Fällen von Brustkrebs in den Zellen zu finden ist und dass diese Tumoren meist nicht oder nur schlecht auf eine Chemotherapie ansprechen, erläutert Studienleiter Stuart Martin. Ob das Protein jedoch auch eine Rolle bei der Ausbreitung des Krebses spielt, sei bisher nicht untersucht worden.
Zumindest in manchen Fällen scheint Tau via Tentakelbildung zur Metastasierung beizutragen, zeigen nun die neuen Ergebnisse. So fanden die Forscher das Protein, das normalerweise vor allem in Nervenzellen gebildet wird, in immerhin 52 Prozent der untersuchten Tumorproben. Noch bezeichnender sei gewesen, dass Tau in gut einem Fünftel der Fälle zwar in den Metastasen nachweisbar war, nicht jedoch im Primärtumor. Diese Funde gäben Anlass zu Hoffnung, dass eine Reduktion der Tau-Produktion auch die Metastasenbildung unterdrücken könnte, so die Wissenschaftler.
Eher beunruhigend ist hingegen eine andere Entdeckung, die die Forscher bei der Untersuchung von bestimmten Chemotherapeutika gemacht haben: Wirkstoffe, die darauf abzielen, die Zellteilung der Krebszellen zu stoppen, scheinen das Wachstum der Tentakel zu fördern – und tragen so möglicherweise sogar zur Metastasenbildung bei. Dieses Phänomen wollen die Wissenschaftler nun intensiv untersuchen, damit potenzielle Gefahren so schnell wie möglich identifiziert werden können.
Michael Matrone (University of Maryland) et al.: Oncogene, Band 29, Ausgabe 10
ddp/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel

















