Erleichterung durch Ergonomie
Gute Arbeitsplatz-Gestaltung mildert chronische Rückenschmerzen
Bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen halbieren sich die Fehlzeiten am Arbeitsplatz, wenn Mediziner und Spezialisten für eine körpergerechte Arbeitsplatzgestaltung zusammenarbeiten. Das hat ein internationales Forscherteam bei einer repräsentativen klinischen Studie mit 134 Patienten im Alter zwischen 18 und 65 festgestellt. Statt einer reinen Schmerzbehandlung unterzog sich ein Teil der Patienten über zwölf Monate einer integrierten Therapie, bei der ihr Verhalten am Arbeitsplatz und im Privatleben analysiert wurde. Durch Schonung erzeugende Verhaltensprinzipien und Trainingseinheiten gingen sie im Durchschnitt 120 Tage früher wieder einer regelmäßigen Arbeit nach als die Mitglieder einer Vergleichsgruppe. Diese wurde traditionell mit Medikamenten und Physiotherapie behandelt.
ANZEIGE
Ein Viertel der Menschen mit chronischen Rückenschmerzen in der westlichen Welt ist langfristig arbeitsunfähig. Allein in Deutschland fehlen nach Angaben der Techniker Krankenkasse durchschnittlich 93.000 Beschäftigte pro Tag wegen Rückenschmerzen an ihrem Arbeitsplatz: Es ist sogar der häufigste Grund für Krankmeldungen. Die Patienten haben meist verschiedene Behandlungen mit Medikamenten hinter sich und enden oft in der reinen Schmerzlinderung sowie Dauerbehandlung durch Physiotherapeuten.
Ein Wissenschaftlerteam aus den Niederlanden und Kanada hat nun eine Therapie zusammengestellt, die aus drei Maßnahmen besteht: In der ersten Woche stellen Klinikärzte mit weiteren Gesundheitsexperten einen Behandlungsplan auf. Von der dritten bis zur zwölften Woche wird der Patient am Arbeitsplatz beobachtet, wobei ein Ergonomie-Beauftragter sofort alle Hindernisse beseitigt, die einer schmerzfreien Arbeit entgegenstehen. Ab der zweiten Woche bis zum endgültig konstanten Erscheinen am Arbeitsplatz durchläuft der Kranke 26 Übungseinheiten, in denen er sich kritische Bewegungsabläufe abtrainiert und gleichzeitig verstärkt körperlich aktiv wird.
Für den Vergleichstest wählten die Wissenschaftler repräsentativ für die Bevölkerung 134 Erwachsene aus, von denen 66 mit der neuen Therapie behandelt wurden und 68 herkömmlich, also mit schmerzmindernder Physiotherapie und ohne Berücksichtigung der Arbeitsplatzbedingungen. Nach zwölf Monaten wurde Bilanz gezogen: Die integriert behandelten Patienten standen im Schnitt nach 88 Tagen wieder ausdauernd im Beruf, wobei sich eine Bandbreite von 55 bis 164 Tagen ergab. Die Vergleichsgruppe brauchte im Durchschnitt für die volle Herstellung der Arbeitskraft 208 Tage – die Schnellsten traten ihren Dienst nach 99 Tagen wieder an, einige brauchten ein ganzes Jahr. Von der Therapie mit Berücksichtigung der Arbeitsplatzergonomie profitierte auch das Privatleben der Patienten, denn sie waren auch körperlich fitter. Der Schmerz allerdings schwächte sich bei beiden Behandlungsmethoden in gleichem Maße ab.
Willem van Mechelen (VU University Medical Center, Amsterdam) et al.: British Medical Journal, doi:10.1136/bmj.c1035
ddp/wissenschaft.de – Rochus Rademacher

















