Hai beißt Wal – vor ein paar Millionen Jahren
Abdrücke auf fossilem Knochen deuten auf fehlgeschlagenen Angriff hin
Stellen Sie sich einen Ozean im heutigen Nordamerika vor drei bis vier Millionen Jahren vor: Ein hungriger Riesenhai nähert sich einem Wal, erwischt die – um ein Vielfaches größere – Beute in einem unachtsamen Moment und schlägt seine gigantischen Zähne in deren Seite. Dann jedoch scheint sich das Blatt zu wenden: Es gelingt dem Hai lediglich, ein Stück Fleisch aus der Flanke seines Opfers herauszureißen, bevor dieses entkommen kann. Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer: Die Bisswunde entzündet sich, und keine sechs Wochen nach dem Angriff stirbt der Meeressäuger. Der Clou an dieser Geschichte, die drei US-Forscher jetzt rekonstruiert haben: Die ganzen Details lassen sich an einem einzigen, lediglich handtellergroßen Knochenfragment ablesen.
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Bei dem Fundstück handelt es sich um den Überrest einer Rippe, die in einem Tagebau in der Nähe des Dörfchens Aurora im Südosten der USA entdeckt wurde. Sie gehörte ursprünglich einem Wal aus dem Erdzeitalter Pliozän, vermutlich einem Vorfahren der heutigen Blau- oder Buckelwale, und besitzt eine Besonderheit: In einem Abstand von jeweils etwa sechs Zentimetern sind drei runde Abdrücke darin zu erkennen. Sie müssen nach Ansicht der Wissenschaftler von riesigen Zähnen stammen, die mit ziemlicher Sicherheit einer sehr großen Hai-Art zuzuordnen sind – möglicherweise sogar Carcharocles megalodon, auch Megalodon genannt, der größten Hai-Art, die jemals existiert hat. Allerdings scheint es sich um einen eher kleinen Vertreter gehandelt zu haben, der "nur" vier bis acht Meter lang war.
Dieses Tier hat den Meeressäuger offenbar gebissen, und das ziemlich kräftig. Als gelungen kann man den Angriff trotzdem nicht werten, denn der Wal hat den Biss – zumindest zuerst einmal – überlebt: Fast überall auf dem Rippenfragment ist eine dünne Schicht aus sogenanntem Geflechtknochen zu erkennen. Das ist eine ziemlich weiche, unreife Form von Knochengewebe, die sich typischerweise bildet, wenn es irgendwo in unmittelbarer Nähe des Knochens eine Infektion gibt. Die Bisswunde hat demnach zwar offenbar angefangen zu heilen, scheint sich dann aber entzündet zu haben, interpretieren die Forscher diesen Befund. Diese Annahme wird auch durch typische Entzündungsmerkmale im Knochenmark gestützt.
Lange hat der Wal die Verletzung nicht überlebt – maximal zwei bis sechs Wochen, schätzen die Wissenschaftler. Hätte er länger gelebt, hätte ein Umbau des Geflechtknochens zu hartem Knochengewebe einsetzen müssen. Ob die Wunde und die Infektion allerdings tatsächlich die Todesursache waren, lässt sich heute nicht mehr sagen. Es sei durchaus möglich, dass der Wal aus einem ganz anderen Grund verendet ist, so die Forscher. Dennoch sei es bemerkenswert, wie viel der Knochen über das Verhalten der prähistorischen Tiere verrate. "Nur eine Handvoll Fossilien zeigen diese Art von Interaktion", sagt Stephen Godfrey vom Calvert Marine Museum in Solomons, der das Rippenfragment entdeckt hat. Es gebe zwar viele Bissspuren auf Fossilien, die meisten stammten jedoch von Aasfressern, die nach dem Tod des Tieres an den Knochen genagt hätten. "Dieses Fossil ist eines von sehr wenigen Beispielen mit einer Verletzung, die ganz eindeutig einem anderen Tier zugeschrieben werden kann, das aber auch klar zeigt, dass das Opfer das Ereignis überlebt hat."
Robert Kallal (Calvert Marine Museum, Solomons) et al.: International Journal of Osteoarchaeology, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1002/oa.1199
© wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel



















