head

NEWS - Druckversion
drucken >>

14.07.1998 - Psychologie

Fremdsprachen lernen gegen Legasthenie





Etwa 8-14 Prozent der Schülerinnen und Schüler im deutschen Sprachraum leiden an einer schwerwiegenden Lese-Rechtschreibschwäche, auch Legasthenie genannt. Zóltan Samu, Doktorand an der Universität Jena, schlägt in seiner Dissertation nun eine verblüffende Therapiemethode vor: Fremdsprachen lernen. Die These des aus Ungarn stammenden Sprachwissenschaftlers beruht darauf, daß man in der Fremdsprache die sprachlichen Einheiten sehr viel langsamer verarbeitet und langsamer spricht. Deshalb kann das Gehirn des Legasthenikers gewissermaßen üben, die einzelnen Laute der Sprache besser voneinander abzugrenzen. In Zusammenarbeit mit den Jenaer Wissenschaftlern Johannes E. Brunner (Pädagogische Psychologie), Jürg Hanson (Phoniatrie und Pädoaudologie) und Dieter Teipel (Sportwissenschaft) wurde am 2. Staatlichen Förderzentrum in Jena ein Schulversuch durchgeführt, der darin bestand, daß 15 Acht- bis Zwölfjährige aus den Klassenstufen zwei bis vier sechs Monate lang Englischunterricht erhielten. Parallel dazu gab es eine Kontrollgruppe der gleichen Altersstufe, die nicht an dem Englischunterricht telnahm. Nach Ablauf eines Jahres zeigten die 15 Schüler, die Englischunterricht hatten, deutlichere Verbesserungen in ihrer Muttersprache als die 15 Kinder ohne Englischunterricht.

“Das Training von Wahrnehmung und Verarbeitung der gesprochenen Sprache, des differenzierenden Hörens sowie der Automatisierung der Informationsverarbeitung haben zu günstigeren Resultaten in Teilbereichen der Zeichenidentifizierung, so z.B. der Wortdurchgliederung und der Worttrennschärfe, geführt", zeigt sich Samu begeistert. Allerdings verbesserten sich nicht alle Lese- und Schreibleistungen, räumt Samu ein. Doch das, was Legasthenikern besondere Schwierigkeiten bereitet, nämlich die Beziehung zwischen Lauten und Buchstaben herzustellen oder Vokale und Konsonanten zu unterscheiden, ist für die Betroffenen leichter geworden.

Doris Marszk, idw

© wissenschaft.de, Konradin Relations GmbH 2006