head

NEWS - Druckversion
drucken >>

20.10.2005 - Hirnforschung

Wo die Sinne verschmelzen

Gehirn integriert unterschiedliche Sinneswahrnehmungen schneller als erwartet

Das Gehirn verrechnet Informationen von verschiedenen Sinneswahrnehmungen früher in der Verarbeitungskette als bisher angenommen. Das haben Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut in Tübingen herausgefunden. Die Forscher um Christoph Kayser beobachteten mithilfe der Magnetresonanztomographie die Aktivität im Hirn von Rhesusaffen. Dabei stellten sie fest, dass die Aktivität im Hörzentrum zunahm, wenn der Affe außer einem gehörten Reiz auch einen Tastreiz der Hand verarbeitete.

Das Hörzentrum in Aktion: Die farbigen Punkte zeigen Regionen, die mit starker Aktivierung auf den jeweiligen Reiz reagieren. Bild A: taktile Stimulation der Hand, Bild B: auditorische Stimulation, Bild C: gleichzeitige taktile und auditorische Stimulation
Bild: Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik
Das Zusammenspiel der Sinne erlaubt es dem Menschen, viele komplizierte Tätigkeiten auszuführen. Allein um im aufrechten Gang die Balance zu halten, verarbeitet das Gehirn Informationen von vier Sinnen: Gleichgewichtssinn, Tastsinn, Tiefenwahrnehmung und Sehen. Umgekehrt lassen sich die Sinne auch leicht täuschen: Ein Bauchredner zum Beispiel erzeugt den Eindruck, dass das Gesagte aus dem bewegten Mund einer Puppe kommt.

Die Frage nach der Integration von Sinneswahrnehmungen im Gehirn beschäftigt Forscher seit längerem. Bisher hatten die Wissenschaftler angenommen, das Verschmelzen der Sinne finde in höheren Gehirnregionen statt, dem so genannten Assoziationskortex. In ihrer Studie mit Rhesusaffen haben die Tübinger Forscher nun jedoch herausgefunden, dass das Verrechnen von gehörten und ertasteten Informationen bereits im Hörzentrum des Gehirns stattfindet – und damit früher als angenommen.

Weshalb die Sinnesinformationen so früh im Gehirn verarbeitet werden, ist den Wissenschaftlern noch nicht klar. Sie vermuten, dass das Gehirn auf diesem Weg möglicherweise fehlerhafte Bilder schnell aussortiert, also Eindrücke, die zwar zu einer Sinneswahrnehmung passen, aber nicht mit einer anderen vereinbar sind. Allerdings müssten solche Spekulationen erst noch weiter untersucht werden.

Christoph Kayser (Max-Planck-Institut in Tübingen) et al.: Neuron (Bd. 48, Nr. 2)

ddp/wissenschaft.de – Christina Schallenberg Sinne

© wissenschaft.de, Konradin Relations GmbH 2006