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04.03.2009 - Biologie

Das eigene Gesicht als unbewusster Standard

Menschen erkennen als potenzielle Verwandte, wer ihnen selbst am ähnlichsten sieht

Nicht die vertrauten Gesichter von Familienmitgliedern, sondern das eigene Aussehen ist der wichtigste Standard im Umgang mit anderen: Je mehr ein anderer der eigenen Erscheinung ähnelt, desto eher ist man bereit, ihm zu helfen, haben zwei italienische Forscher gezeigt. Diese Neigung gilt als Überbleibsel der frühen Menschheit, als es sich als vorteilhaft erwies, Verwandte zu unterstützen. Die Selbstreferenz ist dennoch erstaunlich, vor allem, weil es über weite Strecken der menschlichen Entwicklungsgeschichte kaum Möglichkeiten gab, das eigene Aussehen genau zu inspizieren. Bislang war daher angenommen worden, dass sich der interne Standard für das Erkennen potenzieller Verwandten vor allem aus den Gesichtern von Geschwistern und Eltern zusammensetzt.

Zwillinge können sich auf Bildern zum Teil selbst nicht auseinanderhalten. Sie helfen trotzdem tendenziell eher Menschen die ihnen selbst ähnlicher sind. Foto: Paola Bressan
In den frühen Jäger- und Sammlerkulturen gab es keine Spiegel und damit auch keine Möglichkeit, das eigene Gesicht mit allen seinen Feinheiten zu studieren. Trotzdem ist bis heute die Tendenz verbreitet, ähnlich aussehende Menschen und damit potenzielle Verwandte anders zu behandeln als andere Mitmenschen. Das Erkennen dieser Verwandten erfolgt dabei laut gängiger Theorie durch die Suche nach Ähnlichkeiten in deren Erscheinungsbild mit einer internen Referenz – denn wer ähnlich aussieht, ist auch mit einer hohen Wahrscheinlichkeit irgendwie verwandt. Wie das Bezugsbild zustande kommt und ob die Referenz das eigene Gesicht ist oder das Aussehen derjenigen, mit denen man in der Kindheit zusammenlebt, ist bislang unklar.

Um das genauer zu untersuchen, ließen Bressan und Zucchi nun 17 eineiige und 18 zweieiige Zwillingspaare jeweils zwei Bilder danach beurteilen, ob sie der gezeigten Person helfen würden oder ob sie sie ihrem Zwilling als Ehepartner ans Herz legen würden. Der Trick: Die Bilder waren am Computer aus einem Modellgesicht erzeugt worden, das mit einem Foto der Probanden verschmolzen wurde, so dass das Resultat zu 35 Prozent aus dem Gesicht der Probanden und zu 65 Prozent aus dem Modellgesicht bestand. Gezeigt wurde jedem Teilnehmer das eigene veränderte Gesicht und das seines Zwillings.

In 63 beziehungsweise 64 Prozent der Fälle bevorzugten die Teilnehmer das aus dem eigenen Gesicht entstandene Bild – selbst dann, wenn es sich bei dem anderen um das nur geringfügig abweichende Gesicht des eineiigen Zwillings handelte. Die Forscher folgern daraus, dass der interne Standard tatsächlich vor allem vom Selbstbild geprägt wird. Zwar greift das Gehirn für die Erzeugung der Referenz wohl auch auf visuelle Informationen über enge Verwandte zurück. Sobald aber Daten über das eigene Aussehen zur Verfügung stehen, wird der Entwurf durch eine verfeinerte Version ersetzt. Nur so könne eine zuverlässige Referenz sowohl für die Verwandten mütterlicherseits als auch für die väterlicherseits entstehen – schließlich könne man bei Geschwistern nie sicher sein, dass sie tatsächlich denselben Vater haben.

Paola Bressan und Guendalina Zucchi (Universität in Padua): Biology Letters, DOI: 10.1098/rsbl.2008.0789

ddp/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel

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