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1990: Nadelstich in die Haut der Erde

Mehr als ein Rekordversuch: Das Kontinentale Tiefbohrprogramm machte Deutschlands Bohrtechnik salonfähig.

Wer die Erdkruste erforschen will, muß tief bohren. Das haben sich in den achtziger Jahren deutsche Geowissenschaftler gesagt und mit der „Kontinentalen Tiefbohrung“, kurz KTB, ein ehrgeiziges Projekt angeschoben. In Windischeschenbach im hintersten Bayern, steckten sie rund 600 Millionen Mark in ein gewaltiges Bohrloch. Am 12. Oktober 1994, nach vier Jahren, hatte sich die diamantbesetzte Bohrkrone 9101 Meter ins harte Gestein gefressen. Nur die Hitze von fast 300 Grad Celsius vereitelte den Tiefenrekord, auf den die Grundlagenforscher hofften. Die Russen waren auf der Halbinsel Kola schon 12260 Meter tief gekommen. Auch sonst war das Loch für manche Überraschung gut: „Ziemlich alles, was man vorausgesagt hatte, war falsch“, sagt der Bochumer Seismologe Prof. Hans-Peter Harjes. Die Temperatur stieg mit der Tiefe rascher als erwartet, die Gesteinsschichten verliefen fast senkrecht statt waagrecht, sie waren gefaltet wie ein zerknülltes Taschentuch und obendrein vielfach zerbrochen statt kompakt. Eine Gesteinsformation, die Geologen in drei bis fünf Kilometer Tiefe erwartet hatten, tauchte bis zum Ende nicht auf. Die Bohrung offenbarte, wie dürftig das Wissen über den kristallinen Untergrund noch immer ist. Doch das investierte Geld ist gut angelegt. Nachdem die Geowissenschaftler in den siebziger und achtziger Jahren die Tiefsee im Visier hatten, verlagerte sich mit dem KTB ihr Interesse aufs Land. Die Meeresböden sind mit ihrem Alter von höchstens 200 Millionen Jahren nur kurzlebige Lückenbüßer zwischen den auseinanderdriftenden Kontinenten.

Seit Mitte der neunziger Jahre läuft das „Internationale Kontinentale Bohrprogramm“, woran sich deutsche Forscher dank ihren KTB-Erfahrungen federführend beteiligen. Dr. Jörn Lauterjung, ehemaliger KTB-Koordinationsassistent, bezeichnet das KTB als „Eintrittskarte“ in das weltweite wissenschaftliche Bohrgeschäft. Bohrtrupps sind bereits am Baikalsee angerückt, in einem kalifornischen Vulkangebiet und auf Hawaii. Auf dem Programm stehen noch wissenschaftliche Leckerbissen wie ein rund 180 Kilometer großer Krater an der mexikanischen Küste, den vor rund 65 Millionen Jahren ein Meteorit schlug und dabei möglicherweise die Dinosaurier auslöschte, sowie die kalifornische San-Andreas-Störung, wo zwei Platten der Erdkruste aneinander vorbeischrappen und häufig Erdbeben auslösen. Das KTB hat die deutsche Bohrindustrie an die Weltspitze katapultiert. Eine neuartige Spülflüssigkeit kam ebenso zum Einsatz wie ein automatischer „Pipehandler“, der den kilometerlangen Bohrstrang auseinanderschraubte und dadurch die Knochenarbeit beim Auswechseln verschlissener Bohrkronen erleichterte. Für Furore sorgte auch ein pfiffiges Steuersystem, das den Bohrmeißel auf Kurs hielt. Statt im Schlingerkurs in die Tiefe zu eiern, wie es bei anderen Bohrungen gang und gäbe ist, wich das bayrische Bohrloch um höchstens 15 Meter von der Lotrechten ab. Sobald der Meißel in die falsche Richtung laufen wollte, drückten ihn Hydraulikkolben wieder auf Idealkurs. Noch heute, fünf Jahre nach dem Ende der Bohrung, nutzen Wissenschaftler das Loch für Experimente. Erdbebenforscher versenken empfindliche Seismometer darin, um ein hochauflösendes räumliches Bild der Umgebung zu gewinnen. Frühestens im Jahr 2001 soll das „irdische Teleskop“ zugeschüttet werden.

Klaus Jacob

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