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Allgemein

22 Monate Nervenkitzel

Nicole Ebinger-Rist, Chef-Restauratorin und Grabungsleiterin, erlebt seit der Entdeckung des Fürstinnengrabs eine abenteuerliche Zeit. Ein Grabungs-Tagebuch.

Es sollte eine routinemässige Prüfung eines angehenden Grabungstechnikers werden. Doch der Prüfling zog im Spätsommer 2010 mit seinem Bohrwerkzeug einen Kern aus altem Holz aus dem Acker – und damit die Aufmerksamkeit der Archäologen auf den Ort. Dass sich Holz über Jahrtausende erhält, ist selten und macht es wertvoll. Aber niemand rechnete damit, dass hier, in der „ Bettelbühl-Nekropole“, ein unberaubtes Prunkgrab liegen könnte. Die großen Keltengräber um die nahe gelegene Heuneburg sind längst geplündert. Als auch noch Gold und Bronze auftauchten, wurde die Sache brisant – und zur Angelegenheit von Nicole Ebinger-Rist, die seit 2008 am Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg die Archäologische Restaurierung leitet.

14. September 2010

Ebinger-Rist wird das erste Mal zum Grab gerufen, um Bronzereste in einem kleinen Block zu heben. Doch sie stellt fest: „Hier sind mehrere Lagen übereinander erhalten. Da kann ich nichts so ohne Weiteres herausholen.“

11. Oktober 2010

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Während Ebinger-Rist auf einer Konferenz in Charleston, South Carolina, ist, kommt im Bettelbühl die erste Goldkugel zum Vorschein. Kaum in Stuttgart gelandet, sitzt die Restauratorin schon im Auto bei ihrem Kollegen, dem Landesarchäologen Dirk Krausse, auf dem direkten Weg zur Grabung. Auch einen Schädel haben die Experten inzwischen entdeckt – und sind zu der Erkenntnis gelangt: Das Grab ist nicht ausgeraubt. Was tun? Die Entscheidung fällt, es als Block zu bergen.

2. November 2010

Die Restauratorin begibt sich auf ungewohntes Terrain: Sie holt Angebote von Schwertransport- und Tiefbau-Firmen ein. Eine davon wirbt mit „kreativen Lösungen“ – eine gute Voraussetzung für diesen Spezialauftrag.

30. November 2010

Alle Vorarbeiten sind abgeschlossen. Der Block soll noch vor Weihnachten gehoben werden, doch dann fällt der erste Schnee und das Thermometer zeigt minus zwölf Grad. Eine Baugrube lässt sich neben dem Grab zwar ausheben, doch der Beton für das Fundament wird bei der Kälte nicht hart.

Ebinger-Rist staunt: „Hier wird so viel Beton verbaut wie für ein Einfamilienhaus.“ Angesichts der wachsenden Verantwortung fragt sich die 37-Jährige: Tun wir das Richtige?

7. Dezember 2010

Tauwetter. Der Kies rieselt den Bauleuten entgegen, als sie versuchen, das erste von 14 Rohren – 8 Meter lang und 40 Zentimeter im Durchmesser – mit einer Bohrschnecke unter die Grabkammer zu treiben. Die Rohre sollen den Block von unten stützen, doch jetzt droht er abzusacken. Die Arbeiten verzögern sich.

21. Dezember 2010

Am Abend sind endlich alle Rohre verlegt. Jetzt sollen direkt um die Grabkammer Stahlwände eingezogen werden. Der Schweißer schuftet im Scheinwerferlicht der Lkws. Mystisch steigen Rauchschwaden in die winterliche Dunkelheit auf. Nicole Ebinger-Rist sitzt wie auf heißen Kohlen: Heute ist ihr Hochzeitstag, sie ist mit ihrem Mann verabredet. Am Ende reicht es immerhin für eine Currywurst nachts um halb zwei.

23. Dezember 2010

Jeder Tag läuft anders als geplant – auch dieser: Die Pressestelle des Regierungspräsidiums Stuttgart hatte eine Mitteilung über die Bergung mit Sperrfrist 28.12. herausgegeben. Doch eine lokale Zeitung hält nicht dicht, sodass plötzlich Schaulustige mitten in der Baustelle stehen. Die Grube muss mit Bauzäunen gesichert werden. Mit der „Mission incognito“ ist es nun vorbei.

Weihnachten 2010

Alle Helfer wollen die Feiertage zu Hause verbringen. Eine Sicherheitsfirma wird beauftragt, das Grab rund um die Uhr zu bewachen – teuer, aber sinnvoll. Die Stelle entwickelt sich förmlich zum Wallfahrtsort. „Das war mein schlimmstes Weihnachten“ , erinnert sich Ebinger-Rist. „Klar ist man gerne bei der Familie. Wäre der Block nur schon in Sicherheit gewesen!“

27. Dezember 2010

Ein Lkw-Tross aus Sattelschleppern, Transportern, Versorgungsfahrzeugen und einem Schwerlastkran rückt an. „Da ist mir nochmal die Dimension des Ganzen klar geworden.“ Doch wo ist der zweite Kran zum Heben des Blocks? Bei der Kälte ausgefallen. Ersatz kommt erst am nächsten Morgen.

28. Dezember 2010

Es ist der Tag der Bergung plus Pressekonferenz auf der Heuneburg. Morgens um sieben läuft im Auto von Nicole Ebinger-Rist das Radio. Auf allen Kanälen ist die Hauptnachricht: „Heute Großbergung eines keltischen Grabes.“ Anhalten, Luftholen. „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die Nachricht so einschlagen würde.“ Doch den Pressetermin mit „erschreckend vielen Fernsehkameras“ übersteht sie gut.

Die beiden Kräne haben je 40 Tonnen Grab am Haken und hieven sie auf den Schwertransporter. Dann das: Schnee. Der Tross kann nicht losfahren. Bis Mitternacht harrt Ebinger-Rist bei den Lkws aus. Dann fährt sie zu einem örtlichen Hotel, bedient die Nachtglocke, bekommt ein Zimmer und die nötigen Utensilien für eine spontane Übernachtung.

29. Dezember 2010

Um zwölf Uhr mittags erhält der Schwertransport unerwartet die Freigabe, obwohl eigentlich nur Nachtfahrten gestattet sind. Als der Tross nach Herbertingen einfährt – Nicole Ebinger-Rist im Begleitfahrzeug – und die ersten Straßenschilder abmontiert werden müssen, damit der 80-Tonnen-Quader passieren kann, erschrickt die Restauratorin vor der gewaltigen Größe.

Die abenteuerliche Fahrt ins 120 Kilometer entfernte Ludwigsburg dauert achteinhalb Stunden. Es geht zunächst Richtung Bayern um Ulm herum, über rote Ampeln und durch enge Kurven. Leute stehen an den Straßen und winken. Alle 12 bis 30 Kilometer muss die Kolonne stoppen, damit die Polizeistreifen wechseln können.

Dann geht es auf die Autobahn. Im Radio hört die Restauratorin: Die A8 ist wegen eines Schwertransports gesperrt. „ Mensch, das sind ja wir!“ Die leere Autobahn, die großen Maschinen, die vielen Blaulichter: Der Transport wird für Nicole Ebinger-Rist zum Highlight der Aktion.

Abends Ankunft in Ludwigsburg: Der Schwertransporter muss vor dem zu schmalen Tor des Geländes auf Parkposition gehen. Versorgung und Sicherheitschecks dauern noch bis in die frühen Morgenstunden.

Dann endlich: Feierabend! Ein Nachtwächter übernimmt. Durchgefroren findet Ebinger-Rist Unterschlupf bei einer Freundin im Stuttgarter Norden. Tee und Dusche wärmen von innen und außen.

30. Dezember 2010

Ein kurzer Schlaf unterbricht den Dauereinsatz. Alle Kräfte werden mobilisiert, da aufgrund der Weihnachtszeit kaum eine Firma arbeitet. Auch Nicole Ebinger-Rists Mann packt jetzt mit an: Er hilft, das Tor zum Gelände wegzuflexen und es nach dem Abladen des Blocks wieder anzuschweißen. Provisorisch geben Rundbogenzelte der Grabkammer Schutz. Von der Firma, die jetzt ein ordentliches Industriezelt aufbauen soll, bekommt die Restauratorin eine Abfuhr: Weihnachtsferien – vor dem 12. Januar passiert gar nichts.

Das Team entfernt die Schutzgitter und Isolierplatten. Dann kommt der Moment der Wahrheit – und des Aufatmens: Das Grab ist intakt geblieben.

1. März 2011

Nach langwierigen Vorbereitungen: der erste Grabungstag. Restauratoren und Grabungstechniker liegen auf beweglichen Arbeitsbühnen direkt über der Grabungsfläche. Nach sechs Stunden mit dem Kopf nach unten schwellen die Augen an und „man sieht übel aus“, findet Ebinger-Rist.

16. Mai 2011

Der erste Schlüsselfund der Grabung: die zweite Goldkugel. Sie ist das Pendant zu dem Stück, das bereits auf dem Feld geborgen wurde – und das inzwischen zum Symbol für die gesamte Grabung geworden ist.

26. Juli 2011

Eine goldene Fibel beglückt die Ausgräber. Ebinger-Rist weiß: „ Wo eine solche Brosche auftaucht, muss es auch eine zweite geben. Die wurden als Paar an der Kleidung getragen.“

5. Oktober 2011

Es ist nicht immer Gold, was das Herz der Profi-Schatzsucher höher schlagen lässt. Die Restauratorin stößt zu ihrer Freude auf ein Geflecht aus Pflanzenfasern – möglicherweise Hanf. „ Organische Reste, die für uns jetzt gerade noch erkennbar sind, wären in zehn Jahren verschwunden gewesen.“ Ebinger-Rist spekuliert: „Vielleicht war in dem groben Gewebe etwas eingewickelt, oder es war Teil eines Wandbehangs.“ Noch ein seltener Glücksfall: Ein Stück Fell im Grab – Tierart noch unbekannt.

12. Dezember 2011

Kurz vor Weihnachten kommen die Goldkugeln Nummer drei und vier aus der Erde: „Christbaumkugeln“ werden sie getauft. Zusammen mit diversen Röhrenperlen aus Gold und Bernstein setzt sich langsam ein schmückendes Collier zusammen. Es ist wie ein 3D-Puzzle: „Jeder Zentimeter zählt für das Gesamtbild.“

11. Januar 2012

Ein fulminanter Jahresauftakt: Die zweite goldene Gewandspange wird gefunden – und bestätigt die Annahme vom Fibel-Paar.

6. März 2012

Restauratoren im Glück: Ein 28 Zentimeter langes verziertes Band aus Gold taucht in der Grabkammer auf. Das war einst ein Ohrring. Sein goldperliger Anhänger baumelt in einer Lücke zwischen zwei Holzbalken. Nicole Ebinger-Rist: „Das ist der Wahnsinn!“

22. Mai 2012

Zimmermänner sägen die Eichendielen aus dem Grabkammerboden heraus, auf denen die Fürstin liegt, und heben sie aus dem Schacht.

19. Juni 2012

Termin in Schwäbisch Gmünd: Die Bohlen mit den Überresten der Keltenfürstin sind eingegipst und werden im industriellen Computertomografen am Forschungsinstitut für Edelmetalle und Metallchemie durchleuchtet. Jetzt heißt es: Geduld und Warten auf die Ergebnisse! ■

von Cornelia Varwig

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