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Reizvolle Regionen

Ab in den Süden

Kanufahren auf dem Taubergießen

Flussabenteuer, rebenbewachsene Hänge und eine Moor- und Heidelandschaft mit Blick über den Schwarzwald – die Ortenau am südlichen Oberrhein ist eine vielseitige Urlaubsregion für Wanderlustige und Naturgenießer.

Text: Salome Berblinger / Fotos: Christoph Püschner

Ein Kreischen hallt durch die Luft, sogar das Rattern der Holzachterbahn ist zu hören. Der Europapark Rust, der größte Freizeitpark Deutschlands, ist nur wenige Fahrminuten von der Stelle entfernt, an der wir unsere Kanus zu Wasser lassen. Ob das eine gute Idee war? Doch mit jedem Paddelschlag wird es ruhiger – um uns herum und in uns drin. Während wir die Fahrgeschäfte hinter uns lassen, eröffnet sich vor uns ein Paradies: Gesäumt von Bäumen, Büschen und Wiesen verläuft ein wenige Meter breiter Wasserlauf. Silberpappeln rauschen im Wind, es klopft ein Specht. Das Kanu gleitet langsam und lautlos dahin, begleitet werden wir von einer Schar Enten. Wenn das Paddel durch die Oberfläche sticht, um die Fahrtrichtung zu korrigieren, wirbelt Wasser auf. Kurvig ist es nämlich auf der zwölf Kilometer langen Strecke durch das Naturschutzgebiet Taubergießen.
Rotalgen benetzen die Kieselsteine im Flussbett. Hier steigt kaltes, nährstoffarmes Grundwasser auf. Schwierige Bedingungen für Leben, nur wenige kleine Fische schwimmen im flachen, langsam fließenden Gewässer. Hier in Südwestdeutschland wird es Gießen genannt. Aufgrund der Fischarmut tauften Fischer das Gewässer „tauber Gießen“. Glasklar ist es heute, doch das war nicht immer so. Jahrelang wurde die Aue aufgrund der nahen Hochwasserdämme nicht überflutet und der vollständig vom Rhein abgetrennte Taubergießen verschlammte. Dank der Renaturierung entwickelt sich die Aue seit rund zehn Jahren so, wie es in den 60er Jahren charakteristisch für sie war. Hochwasser nimmt Kies auf, lagert ihn an anderer Stelle ab, Kiesbänke entstehen. Dort schwirren Gebänderte Prachtlibellen, lassen sich Flussregenpfeifer nieder. Auf dem Wasser kreuzen umgefallene Baumstämme unseren Weg.

Artenvielfalt durch Beweidung

Hinter der nächsten Kurve informieren gelbe Schilder über freilaufende Rinder und Wildpferde im Projektgebiet der sogenannten Wilden Weiden. Trittspuren an einer schlammigen Stelle am Ufer lassen auf eine Trinkstelle der Tiere schließen. Bei unserer Ankunft grast die Herde allerdings im Schatten der Bäume. Unzählige Hörner ragen gen Himmel, das rostbraune Fell der Tiere leuchtet in der Sonne. Hungrige Mäuler rupfen Gras und eins der kleinen Kälber schmatzt, während es genüsslich am Euter der Mutter saugt. Auf den ersten Blick scheinen die Tiere mit ihren imposanten Hörnern und dem stämmigen Körper etwas bedrohlich. Auf den zweiten Blick jedoch schauen ihre Augen friedlich drein. Trotzdem gilt: Besucher der Wilden Weiden müssen auf den Wegen bleiben.

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Jochen Paleit, Landschaftsarchitekt und Bürgermeister, hat die Salers-Rinder und Ponys der Rasse Konik in seine Gemeinde Kappel-Grafenhausen geholt. „Die können den ganzen Tag tun und lassen, was sie wollen. Und weil wir sie nicht steuern, entstehen hier Landschaften, die wieder natürlich sind.“ Die Rinder und Pferde werden nicht von Weide zu Weide getrieben. Es gibt keinen Stall und nur einen Zaun um das gesamte Projektgebiet. Zu sehen sind keine geometrisch angelegten Formen, sondern ineinanderfließende Landschaften: ein Wald mit Erlen und Eichen direkt neben einer Streuobstwiese mit Gräsern, die bis zu den Knien reichen.

Auf dieser Wiese finden Kleininsekten Deckung, die wiederum Nahrung für gefährdete Vogelarten wie Neuntöter, Gartenrotschwanz und Baumpieper darstellen. Durch die Beweidung entsteht ein geschlossener Nährstoffkreislauf, erklärt Regina Ostermann, Geschäftsführerin des Landschaftserhaltungsverbands Ortenaukreis. „Was hier wächst, wird gefressen, verdaut und von den Tieren wieder ausgeschieden. Es bleibt als Dung auf der Fläche.“
Ein solcher Nährstoffkreislauf ist charakteristisch für jede Art von Weide. Das Besondere hier ist jedoch, dass der größte Teil der Fläche bewaldet ist. „Wer in einen ungestörten Auenwald reinläuft, sieht rechts und links vom Weg vor lauter Dickicht nichts. Hier aber gehen die Tiere kreuz und quer. Das Unterholz ist abgefressen, runtergedrückt. Je lichter der Wald ist, desto mehr Arten kommen rein“, sagt Ostermann. Totholzbewohner wie Bockkäfer etwa. Aber auch lichtliebende Pflanzen wie der Echte Steinsame mit seinen leuchtend weißen Blüten.

Weinlese an steilen Hängen

Wir lassen die Rinder und Koniks balgend und schmatzend auf den Wilden Weiden zurück und ziehen weiter Richtung Schwarzwald, ins Winzerdorf Oberkirch zu Franz Benz. Eine Schildkappe mit dem Aufdruck „Winzer“ verdeckt seine Halbglatze, dazu trägt er eine Jeans-Latzhose. Seit Generationen betreibt seine Familie den Hof, heute ernten sie Ruländer, eine Weißweinsorte. Franz Benz drückt allen eine Rebschere in die Hand und es geht los: Blätter zur Seite schieben, Trauben greifen, Schere ansetzen und zack, liegen die Früchte schwer in der Hand. Dann ein kurzer Blick, ob sie gut sind und nicht etwa „essigfaul“. Wenn es bis in den Herbst hinein sehr warm ist, sticht die Kirschessigfliege besonders häufig zu. An diesem Tag ist Benz zufrieden. Auch Mehltau, eine Pilzkrankheit, hat die Trauben dieses Jahr kaum befallen.
Eine Handvoll Bekannte und ein Saisonarbeiter aus Rumänien unterstützen die Familie beim Herbsten. Doch Helfer zu finden und sie angemessen für ihre Arbeit zu bezahlen wird laut Benz immer schwieriger. Deshalb möchte er bald zusätzlich einen maschinellen Vollernter einsetzen. Das ist jetzt auch in Steillagen mit querverlaufenden Terrassen möglich. In der Ortenau gibt es diese Form der Bewirtschaftung seit 30 Jahren. Benz  sagt: „An den Steilhängen ist das Arbeiten dadurch viel weniger beschwerlich. Ich kann mit dem Kleinschlepper durchfahren, während der Ernte stehen wir gerade statt schräg.“ Und auch dem Weinberg tun die Terrassen gut: Bei Regen stürzt das Wasser nicht talwärts, sondern versickert und ist ein Vorrat für lange Dürrezeiten. Die Böschungen sind mit Kräutern und Gräsern bewachsen, es summt und schwirrt, ein Paradies für Insekten.

Raus aus dem sonnenverwöhnten Weingebiet, rein in den düsteren Schwarzwald, wo wir uns einer Rangerführung des Nationalparks Schwarzwald anschließen. Gleich zu Beginn rät der Führer Wolfram Hessner der Gruppe, alle Sinne auf Empfang zu stellen. „Wie bei einem Puzzle bilden erst viele Einzelteile zusammen ein großes Bild.“

Der Mummelsee im Morgenlicht

Der Mummelsee liegt wie in einem Kessel vor uns. Er grenzt an eine steile Wand, dicht bewachsen mit Nadelbäumen. Die Oberfläche ist so ruhig, dass sich der Wald im Wasser spiegelt. Hessner erklärt: „Der Mummelsee ist ein Eiszeitrelikt. Auf dem Berg waren einst große Gletscherbereiche, die aufgrund des hohen Gewichts und der Neigung zu Tal gedrückt wurden. Sie sind runtergerutscht und haben dabei eine steile Wand und ein Becken abgeschürft. Zum Ende der Eiszeit sind die Gletscher geschmolzen und es ist ein See entstanden.“ Heute speisen kleine Rinnsale aus der Felswand den See. Der Mummelsee ist damit einer von vielen sogenannten Karseen. In der Kammlage des Schwarzwalds gibt es die meisten Mitteleuropas außerhalb der Alpen.

Alle Sinne auf Empfang

Die Gruppe marschiert auf dem Schotterweg weiter. Wir passieren Felsen, die von Baumwurzeln umwachsen sind. Verwittert das Gestein, entsteht eine Höhle für verschiedene Waldtiere. Hessner bleibt plötzlich stehen und hebt seinen Zeigefinger. „Ein Zilpzalp!“, sagt der Ranger. Ein was? „Weidenlaubsänger wird er auch genannt.“ Alle halten inne und horchen. „Wer hat den Vogel gehört?“, fragt Hessner in die Runde. Die meisten melden sich. „Und wer hat ihn schon gehört, bevor ich auf ihn aufmerksam gemacht habe?“ Nur die Praktikantin hebt die Hand. Sie ist es auch, die im Naturführer die Vogelart nachschlägt und ein Bild herumzeigt. Unscheinbar sieht er aus, das olivfarbene Gefieder tarnt den kleinen Laubsänger gut.

Über einen steilen, steinigen Weg erreichen wir den waldfreien Gipfel der Hornisgrinde. Der Berg ist mit 1164 Metern der höchste im Nordschwarzwald. Hier geht es auf einem leicht erhöhten Holzpfad über das Hochmoor hinweg. „Das Moor ist ein ganz besonderer Ort, es braucht Tausende von Jahren zur Entstehung“, sagt Hessner. Nötig ist dafür viel Niederschlag. Davon gibt es genug: Abgesehen von den Alpen kommt hier mit bis zu 2200 Litern pro Quadratmeter im Jahr der meiste Niederschlag in Deutschland herunter. Laut Hessner kann Torfmoos über das 20-fache des eigenen Trockengewichts aufnehmen. Um das zu demonstrieren, greift der Ranger zu einem Bündel Moos und drückt es aus wie einen Schwamm. Das Hochmoor auf der Hornisgrinde ist mit seinen rund 7000 Jahren stellenweise bis zu sieben Meter dick. „Daher hat es auch seinen Namen“, erklärt der Ranger. „Von Hochmoor spricht man, wenn der Torf so hoch gewachsen ist, dass die Pflanzen an der Oberfläche keinen Kontakt mehr zum Grundwasser haben.“

Weiden mit Aussicht auf der Hornisgrinde

Der Übergang vom natürlichen Moor zur beweideten Bergheide ist fließend. Wir recken die Nasen in die Luft. Ein intensiver Kräuterduft zieht über die Heide, am Wegrand wachsen Bärwurz, Schafgarbe und Johanniskraut. Heidschnucken und Gebirgsziegen rupfen zufrieden daran. Sie halten die Hornisgrinde offen, wie schon die Rinder und Ziegen der Bauern im 14. Jahrhundert. Zufrieden können sie auch wirklich sein, bei dem Futter und dieser Aussicht! Die 1000 Meter tiefer gelegene Rheinebene erstreckt sich zu ihren Hufen. Bei blauem Himmel und Sonnenschein könnten sie sogar das Straßburger Münster und die Vogesen entdecken. Wenn es sie denn interessieren würde …

Moderner Urlaub auf altem Schwarzwaldhof

Sich zurückbesinnen auf alte Traditionen und trotzdem nicht die Augen vor Neuem verschließen: Dafür steht der Ramsteinerhof der Familie Müller in Fischerbach im Kinzigtal. Der alte Speicher hat noch ein Reetdach und ist vor über 400 Jahren erbaut worden, immer mehr Gebäude kamen hinzu. 1990 übernahm Müller den Hof. Gemeinsam mit seiner Frau baute er die Gebäude zu großzügigen Ferienhäusern aus. „Ich habe mich gefragt: Wo wohne ich und was kann ich damit tun?“ Die Böden rund um den Ramsteiner Hof sind karg, die Hänge steil. Landwirtschaft ist daher kaum rentabel. „Ich führe die Traditionen weiter, nur eben auf moderne Art und Weise.“ In der Praxis heißt das: Das Geld bringen die Touristen.

Der Ramsteinerhof

Zum Hof gehört auch eine Backstube. Ab nachts um vier brennt dort Licht. Draußen ist es frisch, drinnen mollig warm. Martin Schmalz ist putzmunter und portioniert den Teig für die Holzofenbrote. „Ich liebe diese Ruhe am frühen Morgen. Das ist, was viele Leute heutzutage nicht mehr kennen. Alle sind immer erreichbar“, sagt Schmalz. An diesem Morgen bekommt er Unterstützung von Darius Garbiecz. Der Pole ist schon seit vielen Jahren auf dem Hof beschäftigt. Gerade bereitet er den Ofen vor. Die Flammen züngeln, die Kohle glüht bei bis zu 800 Grad Celsius. Öffnet Garbiecz die Türen, riecht es nach Asche und Ruß, später nach frischem Brot. Rund 200 Brote, ein paar Brötchen und Zwetschgentaschen backen die beiden an diesem Morgen. Einige für die Feriengäste, die meisten für die Marktscheune in Berghaupten.
Langsam wachen auch die anderen Häuser auf. Die Gäste holen sich Eier von den Hühnern und schauen bei den grunzenden Schweinen vorbei. Auf den grünen Hügeln rund um den Hof weiden die Rinder. Sonnenlicht strömt ins Tal. Ein neuer Tag in der Ortenau beginnt.

Der vollständige Text erschien in der Ausgabe natur 6/20, welche Sie hier bestellen können.

Ziele in Wäldern und Weinbergen

Übernachten

Viele suchen es, hier ist es: das „Paradies“. Das Gästehaus der Familie Meyer nahe Bad Peterstal-Griesbach bietet einen aktiven, erholsamen Urlaub in der Ortenau. Man kann selbstgemachte Obstbrände verkosten und auf dem „Himmelssteig“ am Holchenwasserfall vorbeiwandern. Kleine Getränkestationen auf dem Weg bieten einen Schluck Erfrischung.
Premiumwanderwege: www.schwarzwälder-wandersinfonie.de

Wer bei der Traubenlese helfen und mehr über den Anbau lernen möchte, ist im September und Oktober in den Ferienwohnungen der Familie Fritsch-Grampp auf dem Busseck-Hof gut aufgehoben.

Wald und Weinberge sowie Bäckerei und Hofleben zum Mitmachen finden Urlauber auf dem Ramsteinerhof im Kinzigtal.

Ein ganz besonderes Nachtlager finden Gäste auf dem Hof der Familie Wild in Sasbachwalden, nahe der Hornisgrinde. Hier nächtigt man in einem Weinfass.

Oder möchten Sie lieber hoch hinaus? Dann übernachten Sie doch bei Familie Huber in einem der Baumhäuser mit Blick auf die steilen Weinhänge in Oberkirch.

Ausflugsziele für die ganze Familie

Original badische Küche gibt es im Elsässer Hof in Kappel-Grafenhausen. Das Gasthaus bezieht vieles auf der Speisekarte von regionalen Erzeugern. Nach Verfügbarkeit auch das Salers-Rind der Wilden Weiden im Taubergießen.

Im Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof kann man erleben, wie früher in dieser Region gewohnt und gearbeitet wurde. Handwerker demonstrieren die traditionelle Herstellung von Strohschuhen und Holzfässern.

Insgesamt 1190 Meter führt die kurvenreiche Strecke der Sommerrodelbahn Gutach ins Tal.

Barfuß über Stock und Stein: Im Park mit allen Sinnen testen Besucher ihre Nase an Duftstationen und entspannen auf der Musikterrasse.

Fahrvergnügen, spannende Shows und originelle Themenwelten – der Europapark in Rust bietet Attraktionen für jedes Alter. Erst 2019 eröffnet wurde der Indoor-Wasserpark Rulantica.

Das Naturschutzgebiet Taubergießen lässt sich vielseitig erkunden. Wer nicht selbst am Paddel Hand anlegen will, kann sich auch von Fischerfamilien aus der Region über das Wasser führen lassen. Zum Beispiel im Stocherkahn mit Andreas und Alexander Koch.

Geführte Touren mit dem Fahrrad, einen Klimawandelgarten und eine Holzwerkstatt bietet das Naturzentrum Rheinauen in Rust.

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