Abriß mit Sand und Wasser - wissenschaft.de
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Abriß mit Sand und Wasser

Ein neues Verfahren ermöglicht die gefahrlose und billige Demotage von stillgelegten Kernkraftwerken.

Weltweit sind fast 100 Kernkraftwerke abgeschaltet und warten auf ihren Abriß – doch der ist keine Routine-Arbeit: Die Kernkraftwerkbetreiber müssen zu einer mechanischen Säge greifen, wenn sie das Reaktordruckgefäß in endlagerfähige Faßgröße zerteilen wollen – andere Trenntechniken, etwa das Plasmaschneiden, scheitern an den dicken Beton- und Stahlwänden. Um jedoch die Rückstellkräfte der mechanischen Säge aufzufangen, sind teure, tonnenschwere Stahleinbauten im Gebäude des Reaktors notwendig. Diese werden allerdings verstrahlt und müssen dann ebenfalls als radioaktiver Müll aufwendig entsorgt werden. Gesägt werden kann auf Grund der Strahlung nur unter Wasser. Wegen all dieser Probleme wurden bislang erst zwei Reaktorgefäße zerschnitten.

Jetzt setzen die „Abreißer“ bei der Demontage des Atomkraftwerkes Kahl in Bayern erstmalig ein neuartiges, fernbedientes Werkzeug ein: einen messerscharfen Wasserstrahl, dem hartkantiger Sand beigemengt ist. Das neue WASS-Verfahren zerschneidet 50 Zentimeter starken Beton ebensoleicht wie halb so dicke Edelstahlplatten. Anfang dieses Jahres gaben die bayerischen Aufsichtsbehörden nach vorangegangenen Versuchen am 1:1-Modell grünes Licht für den „heißen“ Einsatz.

Seither empfängt Kahl- Geschäftsführer Dr. Norbert Eickelpasch beinahe wöchentlich Experten der Atomwirtschaft, die sich für die neue Zerlegungstechnik von Atommeilern – Fachausdruck „Wasserabrasivsuspensionsschneiden“ (WASS) – interessieren.

Kahl bleibt damit seiner Rolle als Pionier für die deutsche Kernenergie treu. Das Atomkraftwerk war 1961 das erste, das in Deutschland den Betrieb aufnahm. Mit seiner 16-Megawatt-Leistung war es ein Zwerg, verglichen mit den heutigen 1300-Megawatt-Leistungen. Doch seine Aufgabe lag weniger in der Stromerzeugung, vielmehr wollten die Betreiber RWE und Bayernwerk Erfahrungen im Umgang mit der Kernenergie gewinnen.

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Das neue Abriß-Werkzeug wurde vom Institut für Werkstoffkunde der Universität Hannover in Zusammenarbeit mit der Lübecker Firma ALBA Industries und Technikern des Kernkraftwerkes Kahl entwickelt. Eine mobile Anlage, die außerhalb des Reaktorgebäudes aufgestellt wird, erzeugt den gewaltigen Druck von 1400 Bar, der über eine mehrere hundert Meter lange Schlauchleitung ins Reaktorinnere gelenkt wird. In Kahl zerschnitt der Sand-Wasserstrahl, der aus einer Düse von einem halben Millimeter Durchmesser kommt, bereits den Kernmantel – einen Edelstahlring von 15 Zentimetern Wandstärke. Nach Abschluß der Vorarbeiten soll im nächsten Jahr das Reaktorgefäß selbst an die Reihe kommen.

Für den Abriß des Kernkraftwerks Kahl war zunächst die mechanische Säge in Kombination mit dem nötigen Stahleinbau vorgesehen – er sollte zwei Millionen Mark kosten. Durch das jetzt entwickelte Sand-Wasserstrahl-Schneiden wird dieser Einbau überflüssig. Die Eigner anderer stillgelegter Kernkraftwerke – Würgassen, Gundremmingen und Greifswald – haben bereits ihr Interesse an dem neuen Demontageverfahren signalisiert. Abriß-Experte Eikelpasch gibt der WASS-Technologie zudem gute Chancen, ein Exportschlager zu werden.

Peter Richter

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