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Allgemein

Alles andere als Schrott

Saljut und Mir ebneten den Weg für die Raumstation Alpha. Seit einem guten Jahr sorgt Mir laufend für Negativ-Schlagzeilen. Dabei leisten die Russen weiterhin Pionierdienste für den Aufbau der großen Weltraumstation der im Juni beginnt.

Das Raumfahrzeug ist exakt auf Landekurs. Doch die Kosmonauten antworten nicht. So oft die Flugkontrolle sie auch anfunkt, es kommt keine Antwort aus dem Weltraum. Im Kontrollraum wagt niemand, das Schlimmste auszusprechen. Vielleicht ist nur das Funksystem im Raumschiff ausgefallen. Vielleicht gibt es ein Problem mit den Antennen. Vielleicht ist die Energieversorgung an Bord zusammengebrochen.

Die Bergungsmannschaft am Landeplatz wird in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Aus ihrem Hubschrauber beobachtet sie, wie das Raumfahrzeug an seinem Landefallschirm zur Erde sinkt. Auch die sechs kleinen Raketen, die unmittelbar vor dem Aufsetzen gezündet werden, um den Aufprall abzumildern, feuern planmäßig. Fast gleichzeitig mit dem Raumfahrzeug setzt der Bergungshubschrauber auf. Die Bergungsmannschaft rast hinüber zum Raumschiff, öffnet die Luke. Sie findet die drei Kosmonauten vorschriftsmäßig angeschnallt in ihren Kontursitzen – tot.

Das Unglück geschah 1971. Es war der Anfang der langen und mühsamen Geschichte der russischen Raumstationen, die in der Entwicklung von Mir gipfelte.

Die Sowjets schießen am 20. April 1971 mit Saljut-1 die erste Raumstation der Welt in eine Erdumlaufbahn. Drei Tage später starten die Kosmonauten Wladimir Schatalow, Alexej Jelissejew und Nikolai Rukawischnikow. Doch es gelingt ihnen nicht, an Bord der Station zu gehen. Unverrichteter Dinge kehren sie zurück – ein schlechtes Omen für die Nachfolgemannschaft Georgij Dobrowolski, Wladislaw Wolkow und Victor Pazajew. Sie heben am 6. Juni ab, kommen in die Station hinein, arbeiten dort erfolgreich. Aber auf dem Rückflug ereilt sie der Tod. Spätere Untersuchungen zeigen, daß nach dem Abkoppeln von der Saljut-Station aus ihrem Raumfahrzeug Sojus-11 die Luft durch ein fehlerhaftes Ventil entwichen ist. Da die Kosmonauten zur Zeit des Unglücks wegen der Enge in der Sojus-Kapsel keine Schutzanzüge tragen, gehen sie elend zugrunde.

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Die Pechsträhne hält an: Saljut-2 – gestartet am 3. April 1973 – kann im All nicht stabilisiert werden und bricht elf Tage später auseinander. Menschen sind nicht an Bord. Endlich, mit Saljut-3, die am 25. Juni 1974 mit verbesserter Solarenergieanlage und Fluglageregelung ins All geschossen wird, stellt sich der Erfolg ein. Sie arbeitet sieben Monate lang, bevor sie erwartungsgemäß in der Erdatmosphäre verglüht. Saljut-4 startet im Dezember 1974 und verfügt als erste Station über Stutzen für das Anlegen von Versorgungsfahrzeugen. Die im Sommer 1976 ins All geschossene Saljut-5 arbeitet ebenso erfolgreich wie die erneut verbesserte Saljut-6 ein Jahr später.

Rund 400 Kilometer über der Erdoberfläche zieht die russische Raumstation Mir ihre Kreise. Der Basisblock umrundet die Erde inzwischen seit mehr als zwölf Jahren. Ursprünglich waren die Russen von einer fünfjährigen Lebensdauer ausgegangen. Geldmangel ließ aber die Pläne für Mir-2 bereits 1991 platzen.

Im August 1978 startet zu Saljut der erste deutsche Astronaut, Sigmund Jähn, Geschwaderkommandant der DDR-Luftwaffe, zu einem einwöchigen Aufenthalt – fünf Jahre bevor Ulf Merbold als erster westdeutscher Astronaut an Bord des amerikanischen Raumtransporters Columbia ins All gelangt.

Von Mal zu Mal werden die Stationen perfekter, leistungsstärker mit längeren Arbeitszeiten im Weltraum bis hin zu Saljut-7, der letzten dieser Baureihe, die mit einem Gewicht von 20 Tonnen im April 1982 gestartet wird und von insgesamt 19 Kosmonauten besucht wird.

Die Sowjets haben inzwischen soviel aus dem Bau und Betrieb ihrer Stationen gelernt, daß sie für Saljut-7 vor dem Start von einer Lebensdauer von fünf Jahren ausgehen. Tatsächlich bleibt die Raumstation fast ein Jahrzehnt im All und verglüht erst am 7. Februar 1991 über Südamerika. Trümmerteile regnen auf Argentinien und Chile herab, ohne jedoch Schaden anzurichten.

Am 20. Februar 1986 – nur drei Wochen nach der Challenger-Katastrophe der US-Raumfahrt – landen die Russen einen Coup. Mit ihrer 60 Meter langen und 700 Tonnen schweren Proton-Rakete schießen sie den 21 Tonnen schweren Basisblock ihrer neuen großen Raumstation Mir (zu deutsch: Frieden) in eine 350 bis 420 Kilometer hohe Umlaufbahn.

Mir hat auch seitliche Ankopplungsstutzen, während bei Saljut Raumfähren nur in Verlängerung der Hauptachse der Station anlegen konnten. Nach und nach werden fünf, bis zu 20 Tonnen schwere Labors an den Basisblock angekoppelt. Jedes dieser Module ist für einen speziellen Forschungsbereich ausgelegt. Am 31. März 1987 wird als erstes Modul Kwant zur Station hinaufgehievt. Zweieinhalb Jahre später kommt das 14 Meter lange Kwant-2-Modul (Durchmesser: 4,30 Meter) dazu. Kristall startet im Mai 1990, Spektr wird im Mai 1995 angekoppelt. Als letztes Labor wird schließlich im Frühjahr 1996 Priroda zu Mir gestartet.

Priroda hat deutsche Technik an Bord: zwei Hochleistungsgeräte für die Erderkundung – das Spektrometer MOS (Modularer Optoelektronischer Scanner) und eine digital arbeitende Hochleistungskamera MOMS-2P (Modularer Optoelektronischer Multispektraler Stereoabtaster), die Aufnahmen mit einer Genauigkeit macht, wie sie zuvor nur mit Luftbildern von Flugzeugen zu erzielen war.

Entwickelt und gebaut wurde MOMS von der DLR und der zur Daimler-Benz-Aerospace gehörenden Dornier Satellitensysteme in Zusammenarbeit mit Jena-Optik und der Firma Kayser-Threde. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) empfängt auch heute noch MOMS-Daten in seiner Empfangsstation Neustrelitz und gibt sie an Kunden weiter.

Durch die an Mir gekoppelten fünf Labors brilliert Rußland mit einer komplexen Forschungseinrichtung im All, die im Westen kein Gegenstück hat: 30 mal 33 Meter mißt die unterdessen 135 Tonnen schwere Weltraumbasis, in der bis zu sechs Menschen kurzzeitig an Bord arbeiten können.

Auf Mir wird auch getestet, was man Menschen im All zumuten kann. Musa Manarow (36) und sein vier Jahre älterer Kollege Wladimir Georgewitsch Titow sollen den Wissenschaftlern diese Frage beantworten. Sie starten am 21. Dezember 1987 und kehren exakt ein Jahr später zur Erde zurück.

Im Weltraum trainieren sie zwei Stunden pro Tag, um körperlich in Form zu bleiben. Mit Erfolg: Denn schon zwei Tage nach der Landung können sie trotz der nun wieder massiv auf sie einwirkenden Schwerkraft ohne Hilfe gehen. Einmal haben sie Krach im All, sprechen drei Tage nicht miteinander. Psychologen schalten sich per Funk ein, die Familien der beiden Kosmonauten ebenso, und die Sache wird geregelt. Wieviel Strahlung sie im Weltraum abbekommen haben, wird allerdings verschwiegen. Immerhin empfehlen die russischen Weltraum-Mediziner nach eingehenden Untersuchungen der beiden Kosmonauten, der Weltraum-Aufenthalt von Kosmonauten solle vier bis sechs Monate nicht überschreiten.

Im Lauf der Jahre arbeiten mehr als 20 Kosmonauten-Mannschaften auf der Mir-Station – nicht selten mit einem ausländischen Gast -, wobei die Crews meist vier bis sechs Monate an Bord bleiben. Viele Hunderte von Versuchen und Experimenten in allen Bereichen der Weltraumforschung werden absolviert. Immer wieder einmal müssen die Kosmonauten im Weltraumanzug hinaus, um Sonnenzellen, Spektrometer, Antennen und anderes zu installieren, justieren oder reparieren. Am 21. Juni 1994 unterschreiben Amerikaner und Russen ein Abkommen, das neun Besuche des amerikanischen Raumtransporters mit Anlegen an der Mir-Station vorsieht und den Russen 400 Millionen Dollar einbringt.

Auch deutsche Astronauten gehen an Bord. Luftwaffentestpilot Klaus-Dietrich Flade ist 1992 der erste, bleibt eine Woche im All und arbeitet mehr als ein Dutzend medizinische und materialwissenschaftliche Experimente ab. Ihm folgt der erfahrenste deutsche Astronaut Ulf Merbold, der einen Monat an Bord bleibt und wiederum vor allem biomedizinische und materialwissenschaftliche Versuche absolviert.

Thomas Reiter ist der nächste, bleibt 1995/96 nicht weniger als 179 Tage in der Umlaufbahn. Er hinterläßt einen so hervorragenden Eindruck, daß die Russen ihn als ersten Ausländer zum “Sojus-Rückkehrkommandanten” ausbilden. Er darf also im russischen Sojus-Raumfahrzeug nicht nur mitfliegen, sondern es bei Bedarf auch selbst steuern.

Im Februar 1997 geht schließlich als letzter deutscher Besucher Reinhold Ewald an Bord – zu einem Zeitpunkt, da die Mir-Station ihre geplante Lebenszeit von fünf bis allenfalls sieben Jahren deutlich überschritten hat. Kein Wunder also, daß der Weltraum Spuren an der kleinen Insel im All hinterlassen hat. An der Funktionstüchtigkeit der Station nagen:

die heftigen und schnell aufeinanderfolgenden Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht, die kosmische Strahlung, die Partikel-Strahlung der Sonne, das Weltraum-Vakuum, die solare UV-Strahlung.

Die Leistung der Solarzellen geht durch Alterung jährlich um fünf Prozent zurück. Auch das Interieur wirkt abgenutzt. Ewald ist erstaunt, als er an Bord kommt, denn die Station sieht anders aus, als das 1:1-Modell, in dem er am Boden trainiert hat. Mir ist verwohnter, und es gibt mehr Durcheinander, als er es sich vorgestellt hatte. Was Wunder – die Russen wollten längst eine verbesserte und größere Mir-2 im All haben. Ursprünglichen Plänen zufolge hätte damit 1992/93 begonnen werden sollen. Doch derart grandiose Projekte waren nach dem Zerfall der Sowjetunion finanziell nicht mehr zu realisieren. Deshalb wurde der Traum von Mir-2 aus Kostengründen im Jahr 1991 offiziell beerdigt.

Die Pannen und Ausfälle auf Mir häufen sich, wobei seit 1997 – zu einem Zeitpunkt, da die Mir-Station ihre geplante Lebenszeit bereits um das Doppelte überschritten hat – die Krise auch für die Öffentlichkeit nicht mehr zu übersehen ist. Als Ewald an Bord ist, muß ein Notsystem mit speziellen Sauerstoff-Patronen in Betrieb genommen werden, das der sowjetischen U-Boot-Technik entstammt. Eine Patrone gerät im Flammen. Feuer an Bord einer Raumstation! Es kann zum Glück schnell gelöscht werden.

Dann werden Kühlleitungen durch Materialermüdung undicht – an 22 Stellen. Das Kühlmittel Glykol verseucht die Kabinenatmosphäre. Die Temperatur steigt auf über 30 Grad. Das System für die Wasserrückgewinnung macht nicht mehr mit – von den Toiletten ganz zu schweigen. Auch das Ausfiltern von Kohlendioxid klappt nicht mehr.

Als die Kosmonauten mit Bravour und hohem Einsatz all diese Pannen beseitigt haben und die Station endlich wieder fast normal funktioniert, rammt sie am 25. Juni 1997 bei einem mißglückten Manöver das unbemannte Versorgungsfahrzeug Progress M-34. Mir schlägt leck. Der beschädigte Teil – das Spektr-Modul – muß vom Rest der Station abgeschottet werden. Dadurch geht Mir auch noch 40 bis 50 Prozent der Energieerzeugungskapazität verloren. Die Russen schicken eines ihrer Weltraum-Asse nach oben, den erfahrenen und nervenstarken 49jährigen Anatoli Solowjow zusammen mit seinem Kollegen Pawel Winogradow. Es gelingt den beiden, mit neuen elektrischen Leitungen und einer neuen Luke für das Spektr-Modul, die Pannen weitgehend zu beheben. Die wissenschaftliche Arbeit an Bord der Station kann wieder aufgenommen werden.

Kritik und Spott begleiten die russischen Reparaturarbeiten im All – zu Unrecht. Denn die Lehren aus den Pannen kommen auch anderen zugute: Zusammen mit den Russen wollen Amerikaner, Europäer, Japaner und Kanadier ab Juni mit dem Aufbau der 110 mal 80 Meter großen und 415 Tonnen schweren Internationalen Raumstation beginnen. Mit Gesamtkosten von mindestens 187 Milliarden Mark ist es das größte, nichtmilitärische technisch-wissenschaftliche Gemeinschafts-Projekt, das auf unserem Planeten jemals in Angriff genommen wurde.

Wie wichtig die Erfahrungen mit Mir für den Betrieb dieser neuen Station sind, offenbart ein Blick auf die jetzt avisierte Lebensdauer von 10 Jahren. Von den ursprünglich geplanten 30 Jahren will heute niemand mehr etwas wissen.

Das Jahr der Pannen

Februar 97 Feuer in der Raumstation Ausfälle in der Navigationsanlage Ausfall des ersten Sauerstoff-Versorgungssystems

März 97 Ausfall der CO2-Entsorgung Ausfall der Wasserrückgewinnung Ausfall der Toiletten Ausfall des zweiten Sauerstoff-Versorgungssystems

April 97 Lecks im Kühlsystem Austritt von Glykol und Verseuchung der Kabinenatmosphäre Temperaturanstieg im Kwant-Modul auf über 30 Grad Celsius

Juni 97 Kollision, Löcher im Spektr-Modul

Juli 97 Ausfall der Lageregelung Zusammenbruch der Energieversorgung

August 97 Unfall durch das automatische Andocken des Progress-Fahrzeugs Computer-Ausfall Energie-Ausfall Ausfall der Lageregelung

November 97 Technische Probleme beim Andocken der Versorgungskapsel Progress M-36 Ÿ Ausstiegsluke am Kwant-Modul schließt nicht mehr dicht

Januar 98 Computer-Probleme Kwant-Modul weiterhin undicht Löcher im Spektr-Modul immer noch nicht völlig beseitigt.

Der Gerätepark im Orbit

Das Forschungsprogramm der Mir ist breit gespannt. Es reicht von Erforschung des Weltraums über Biomedizin, Materialwissenschaft und Umweltforschung bis hin zur Erdfernerkundung und Klimaforschung. Im Vordergrund steht die Grundlagenforschung. Folgende Geräte sind an Bord: Röntgen-Teleskop (15 – 250 keV) Röntgen-Spektrometer Gamma-Spektrometer UV-Spektrometer Partikel-Spektrometer Astrophysikalisches Spektrometer Magnetisches Spektrometer Atmosphären-Spektrometer Spektrometer zur Erdbeobachtung Spektrometer für Aerosole und Chlorophyll Ozon-Spektrometer Infrarot-Radiometer Mikrowellen-Radiometer Ultraviolett–Teleskop Medizinisches Mehrzwecklabor

Elektrophorese-Einrichtung für bio-technologische Versuche

Inkubator für das Ausbrüten von Vogeleiern Einrichtung zur Pflanzenzüchtung Schmelzofen für Materialwissenschaften computergesteuerte Mehrkomponenten-Schmelzanlage Multispektrale Kamera Optisches Spektrometer und TV-Kamera Topographische Kamera Lidar zur Messung der Wolkenhöhe Gerät zur Messung von Meereswellenhöhe (auf zehn Zentimeter genau) Abfrage von ozeanischen Meßbojen Multispektraler Scanner MOMS-2P für thematische Kartographie

Anatol Johansen

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ana|mnes|tisch  auch:  anam|nes|tisch  〈Adj.; Med.〉 die Anamnese betreffend, auf ihr beruhend, mit ihrer Hilfe; … mehr

Krebs|sche|re  〈f. 19; Bot.〉 bis auf die Spitzen der Blätter untergetaucht lebende, zu den Froschbissgewächsen gehörende Pflanze stehender od. langsam fließender Gewässer: Stratiotes aloides

Ei|sen|vi|tri|ol  auch:  Ei|sen|vit|ri|ol  〈[–vi–] n. 11; unz.; Chem.〉 grünes, kristallwasserhaltiges Eisensulfat … mehr

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