„Als auf Oscars Bauch ein Raumschiff landete" von Lauren Slater - wissenschaft.de
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„Als auf Oscars Bauch ein Raumschiff landete“ von Lauren Slater

Schiziphrenie und Borderline-Störungen – die amerikanische Psychologin Lauren Slater hat ein spannendes, anschauliches, ja literarisches Buch über diese Krankheiten, vor allem aber über die Kranken geschrieben.

Die Geschichte der literarischen Annäherung an Psychiatrie verzeichnet viele berühmte Namen, Lauren Slater braucht sich hinter ihnen nicht zu verstecken. Die amerikanische Psychologin schreibt intensiv, in Schilderungen voller überraschender Bilder – ganz dicht an den Menschen, über die sie, genau wie über sich selbst, ungeschönt berichtet.

In einem Punkt unterscheidet sie sich allerdings von den meisten ihrer Vorgänger: Sie erzählt viel über ihre Erlebnisse als Anfängerin in der Psychotherapie – frisch von der Universität, unerfahren, manchmal naiv, immer zutiefst betroffen.Nichts davon versteckt oder verklärt sie. Sie berichtet von ihren Fehlern ebenso wie von ihren Erfolgen.

Vor allem aber öffnet sie dem Leser ihre Empfindungen. Es gibt Stellen in diesem Buch, da hatte ich das Gefühl, nicht Leser, sondern Voyeur zu sein. Es ist ja nicht gerade die Regel, daß eine Psychotherapeutin darüber berichtet, wie nach der Äußerung eines Patienten ihre „Brüste vor Scham zu brennen begannen“.

Sicher, wir wissen schon vom Übervater aller Psychotherapeuten, von Sigmund Freud, daß die Psychotherapie das Sexuelle nicht aussparen kann, auch nicht beim Therapeuten. Aber nur selten erzählt dieser selbst so offen davon. Lauren Slater tut es. Und ebenso offen legt sie auch andere Gefühle in dieses Buch. Neben der ausdrucksvollen Sprache ist es vor allem diese Offenheit, die das Buch so intensiv, manchmal beklemmend, immer bewegend und anrührend und nicht zuletzt spannend macht.

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So begründet Lauren Slater ihre Idee einer überraschenden therapeutischen Intervention, die dem Buch auch seinen Namen gab, nicht mit einem hochtrabend formulierten Konzept, sondern mit dem schlichten Hinweis, ihr eigenes Leben sei gerade etwas flach geworden, sie brauche wohl „einen neuen Freund, ein wenig Pfeffer und Sex“.

Jedenfalls, als der schwergewichtige Oscar, hochgradig schizophren nach einer unfaßlichen Kindheit voller sexueller Mißhandlung, befindet, auf seinem Bauch sei ein Raumschiff gelandet, wirft Lauren Slater ihre Uni-Lektionen über Bord und bittet die Therapiegruppe: „Steigen wir doch in Oscars Raumschiff ein!“ Und es gelingt tatsächlich: Wir erreichen mit ihr einen Teil von Oscars Welt.

Genauso intensiv teilen wir die Trauer der Gruppe über das Sterben des aidskranken Charles und erleben den Ausbruch des autoaggressiven Vietnam-Kriegsflüchtlings Moxi aus dem Gefängnis seiner Sprachlosigkeit.

Ihre eindrücklichste Begegnung hebt sich Lauren Slater für den Schluß auf. Hier erfahren wir schließlich die Auflösung einiger im Laufe der Lektüre gewachsener Rätsel. Die sollen hier aber nicht verraten werden – lesen Sie selbst.

Lauren Slater ALS AUF OSCARS BAUCH EIN RAUMSCHIFF LANDETE Geschichten aus einer verrückten Welt Rowohlt Verlag Reinbek, 1996 192 S. DM 36,-

Walter Kindermann

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