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An der schönen grünen Donau

Im rumänischen Donau-Delta werden Umweltsünden der Vergangenheit rückgängig gemacht. Auch stromaufwärts, in Österreich und Ungarn melden Naturschützer Erfolge. Von der Renaturierung des zweitgrößten europäischen Stromes sollen Mensch und Natur profitieren. In der Slowakei und in Bayern aber haben Kraftwerke und Flußausbau bis heute Vorrang vor dem Projekt „Grüne Donau“.

Die Äste der Uferbäume hängen stellenweise so tief über das Wasser herab, daß wir uns aufs Deck unseres Schiffes kauern müssen. Dann folgt Schilf, so weit das Auge reicht – eine wogende grüne Fläche. Dazwischen große und kleine Seen, Kanäle, Inseln. Hunderte von Libellen schwirren um uns herum. Und Vögel – alles, was das Herz eines Ornithologen höher schlagen läßt, ist hier versammelt: rosa Pelikane, Purpur-, Seiden-, Silber-, Nacht-, Grau- und Rallenreiher, Seeadler, Blauracken.

Wir fahren durch das Donaudelta, mit 300000 Tonnen Jahresproduktion das größte Schilfgebiet der Welt. Außer den Tieren siedeln hier 15000 Menschen. Sie leben vom Fisch und vom Schilf, zum Teil auch von der Landwirtschaft, die sie auf Uferwällen und eingedeichten Inseln, den Poldern, mehr schlecht als recht betreiben.

Lebensader ist die Donau, die in drei großen Armen ins Schwarze Meer mündet. Der mittlere Arm „Sulina“ verläuft in der Nähe eines Waldgebietes, das auf türkisch Karaorman heißt: Schwarzer Wald. Vom Schwarzwald zum Schwarzen Wald – 2860 Kilometer Fluß, der vom Menschen auf vielfältige Weise genutzt und geschädigt wird.

1991, gleich nach der „Wende“ in Osteuropa, haben Rumänien und die Unesco fast das gesamte Delta als Biosphärenreservat ausgewiesen: 5800 Quadratkilometer Fläche, darunter 18 streng geschützte Gebiete mit zusammen 506 Quadratkilometern, die Menschen nur zu Forschungszwecken betreten dürfen. Ein Kraftakt, der mit Hilfe internationaler Naturschutzorganisationen eingefädelt wurde zu einer politisch günstigen Umbruchszeit.

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Wie gut aber funktioniert die Grundidee eines jeden Biosphärenreservats – das friedliche Miteinander von Mensch und Natur? Den Fischen zumindest geht es schlecht, ihr Bestand ist durch Überfischung drastisch zurückgegangen. 1945 wurden noch 47000 Tonnen gefangen, 1996 nur noch 4300 – trotz einer erlaubten Quote von 7000 Tonnen. Zwar stehen auf Schwarzfischerei drakonische Strafen: Mindestens den fünffachen Wert des Fanges, oft noch mehr, muß der Ertappte berappen. Doch die Not ist groß, die Korruption blüht, und das Wildern gehört zum Alltag. Schonzeit – ein Fremdwort. Viele Arten sind akut vom Aussterben bedroht.

Bestes Beispiel ist der Hausen, eine Stör-Art, von der früher einmal neun Meter lange Exemplare gefangen wurden. Dieser für das Delta besonders charakteristische Fisch hat nach Ansicht von Nicolae Bacalbasa-Dobrovici, Professor an der Universität Galati, nur eine Chance, wenn ein sofortiges Befischungsverbot auf mindestens zehn Jahre erlassen würde. Ein frommer Wunsch – die Netze der Fischer sprechen eine andere Sprache.

Doch obwohl das Risiko, erwischt zu werden, offenbar nicht allzu groß ist, sind die Leute im Donaudelta nicht gut zu sprechen auf die 120 Ranger, die sie hier abschätzig „Ökologisten“ nennen. „Die finden ja noch einen Knoten am Rohrkolben“, schimpft Andrej Isariev, ehemaliger Bürgermeister von Periprawa, einem kleinen Dorf im Nordosten des Deltas, direkt an der Grenze zur Ukraine.

Rohrkolben aber haben, das muß man wissen, um dieses Sprichwort zu verstehen, im Gegensatz zu Schilf gar keine Knoten an ihren Stengeln.

Der World Wide Fund for Nature (WWF) und die im Delta arbeitenden Ökologen haben noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. „Die Leute sollen verstehen, wie wichtig der Fluß und die Naturräume sind und wie wichtig die Renaturierung ist“, umreißt WWF-Koordinator Philip Weller das Ziel. Immerhin, mit der Renaturierung der unter dem rumänischen Diktator Nicolae Ceau³ sescu eingedeichten Inseln sind die Dorfbewohner einverstanden. Denn überschwemmte Flächen bedeuten neue Laichgründe für Fische, und die wiederum versprechen mehr Gewinn als die Landwirtschaft.

Die Renaturierungsexperten des Donaudelta-Instituts in Rumänien haben – in Zusammenarbeit mit dem deutschen Auen-Institut in Rastatt – mittlerweile zwei Polder im Nordosten des Deltas wieder an den natürlichen Fluß der Donau angeschlossen. Eines der beiden eingedeichten Gebiete, der 2100 Hektar große Polder Babina, war zwischen 1985 und 1987 mit einem mehr als 20 Kilometer langen Damm von der Donau abgegrenzt und mit Bulldozern weitgehend eingeebnet worden, um Reis anzubauen. Elena Ceau³sescu, die Gattin des Staatspräsidenten, wünschte ein von Reisimporten unabhängiges Rumänien.

Doch dazu eignete sich die Fläche nicht. Man hatte keine Erfahrungen im Reisanbau, und es gab keine geeigneten Maschinen. Abgeschnitten von der natürlichen Wasserversorgung versalzte der Boden, die Ernten wurden immer schlechter. Auch die Polder, die zur kontrollierten Aufzucht von Fischen angelegt worden waren, konnten das Wasser nicht halten. Ihr Betrieb kostete so viel Arbeit, „daß ein Kilo Fisch teurer war als ein Kilo bester Kaviar“, erregt sich Georgeta Marin, Bodenkundlerin und Mitglied der Renaturierungsgruppe am Donaudelta-Institut.

Beim Polder Babina öffneten die Experten dann 1994 und 1995 an vier strategisch günstigen Stellen den Deich. „Ein Experiment“, betont Marin. Ein Experiment waren die punktuellen Öffnungen deshalb, weil man unmöglich den gesamten Damm schleifen konnte. So mußten erst sorgfältige hydraulische Berechnungen angestellt werden, um die besten Öffnungsstellen zu finden.

Offensichtlich hatten die Wissenschaftler eine glückliche Hand, denn die Donau eroberte sich das Gebiet in den vergangenen drei Jahren mit Macht zurück. Die Fische laichen wieder, das Schilf wächst. Das Gebiet erfüllte bereits kurz nach der Dammöffnung seine Funktion als natürlicher Hochwasserspeicher – bis zu 35 Millionen Kubikmeter überströmten die ehemals eingedeichte Fläche.

Auch eine wichtige ökologische Funktion können die Überflutungsgebiete wieder erfüllen: Das einströmende schmutzigbraune Hochwasser fließt glasklar wieder in die Donau zurück. Das Überangebot von Nährstoffen, das haben die Analysen ergeben, wird von den Wasserpflanzen wirksam herausgefiltert. Auch das im Boden gespeicherte Salz wird schnell wieder ausgeschwemmt, wie Georgeta Marin und ihre deutsche Kollegin Erika Schneider vom Rastatter Auen-Institut des WWF in einem ersten Erfahrungsbericht dokumentiert haben.

An einer anderen hochgradig gefährdeten Stelle des Stromes haben Wasserbauer und Ökologen bei dem länderübergreifenden Versuch, eine „grüne Donau“ zu gestalten, ebenfalls Neuland betreten: Östlich von Wien, nahe Hainburg, wurde am 9. Mai 1996 ein alter Arm der Donau geöffnet, so daß bei höherem Wasserstand mehr Flußwasser in die Aue einströmen kann. Bald wird die Donau dieses empfindliche Ökosystem an sechs Stellen mit Frischwasser versorgen. An 220 Tagen im Jahr, so rechnen die Naturschützer vor, gibt es jetzt wieder einen natürlichen Wasseraustausch in der Au. Vorher waren es nur 20 Tage.

Vor rund einem Jahr, am 27. Oktober 1996, wurde die Gegend um Hainburg zum Nationalpark erklärt. Vorangegangen war ein jahrelanger Kampf der Naturschützer um eine der letzten freien Fließstrecken der Donau. Denn hier, wenige Kilometer vor den Toren Wiens, sollte ein großes Kraftwerk Strom produzieren

Im Winter 1984/85 stoppten Tausende von Demonstranten die Waldrodung. 1990 kaufte dann der WWF ein 411 Hektar großes Schlüsselgrundstück in der Regelsbrunner Au. Neben dem geöffneten Alt-Arm wird dort seither Nationalpark-konformes Wirtschaften geübt: auentypische Sträucher und Bäume ersetzen schrittweise den Pappelforst, Jagd und Fischerei werden schrittweise reduziert.

Auch im Mittelteil der Donau, in Ungarn, melden die Naturschützer Erfolge: Dort wurde im Süden des Landes im vergangenen Jahr ein 50000 Hektar großer Nationalpark ausgewiesen. Der Park ist Teil der größten intakten Fließ- und Auwaldstrecke der Donau. 228 Vogelarten hat man dort gezählt, 110 brüten auch da. Fischotter und Wildkatzen streifen durchs Gelände und die ersten 13 Biber wurden wieder ausgesetzt – 17 weitere sollen folgen.

Die Nager mit den kräftigen Zähnen und dem platten Schwanz stammen aus der österreichischen Donau-Au östlich von Wien. Dort waren sie bereits 1976 wieder erfolgreich angesiedelt worden, nachdem man sie im letzten Jahrhundert entlang der gesamten Donau ausgerottet hatte. Nun fällen allein östlich von Wien wieder 400 Biber Bäume und bauen Burgen, wichtige Voraussetzungen für eine naturgemäße Entwicklung der Au.

Nach wie vor Sorgen bereitet den Ökologen das größte und jüngste Kraftwerk an der Donau, Gabcikovo in der Nähe der slowakischen Stadt Bratislava. In den letzten vier Jahren wurden etwa 80 Prozent des Donauwassers in den Kraftwerkskanal umgeleitet – mit schwerwiegenden Folgen: „Fluß- und Grundwasserspiegel sind um zwei bis vier Meter gesunken, und seither fehlen die Überflutungen, die die Tier- und Pflanzenwelt in einer Au am Leben erhalten“, berichtet Alexander Zinke, Donau-Experte von der österreichischen Sektion des WWF.

Weiden und Pappelwälder entlang des früheren Flußbettes sterben ab. Der Fischfang in den Flußarmen ging um mehr als 80 Prozent zurück. Helfen kann hier nach Ansicht der Ökologen nur die ständige Einleitung von mehr Wasser. Kleine Stauwehre und sporadische Bewässe- rung seien keine Lösung.

Doch nicht nur die slowakischen Kraftwerksbauer, auch die bayerischen Pläne zum Ausbau der Donau östlich von Regensburg – zwischen Straubing und Vilshofen – stehen im Kreuzfeuer der Kritik von Naturschützern. Für die Wasserbauer ist hier die letzte Engstelle auf dem Schifffahrtsweg von der Nordsee zum Schwarzen Meer. Für die Ökologen ist es dagegen die letzte größere Strecke, in der die Donau in Deutschland noch frei fließen kann. Besonders rund um die Isarmündung werden die Feuchtwiesen häufig überschwemmt, idyllische Alt-Arme prägen das Landschaftsbild. Hier die Donau auszubauen wäre ein Schlag ins Gesicht der internationalen Bemühungen zur Renaturierung des Flusses, der von Westen nach Osten sieben Nationen verbindet und wie kein anderer Teil der Natur ein Symbol für Europas wachsende Einheit ist.

Klaus Zintz

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