Angst vor Anatolien - wissenschaft.de
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Angst vor Anatolien

Im Herzen der Türkei liegt das Silicon Valley der Bronzezeit. Zentralanatolien war der Schmelztiegel für alle technischen und geistigen Entwicklungen der Vorgeschichte. Von hier kam ein kräftiger Schub für die europäische Kultur.

Wenn zwei Gegner einmal der gleichen Meinung sind, muß was dran sein. „Vor Anatolien hat man Angst“, sagt Prof. Manfred Korfmann, Prähistoriker in Tübingen und dritteljährig Chefausgräber in Troja. „Die Klassische Archäologie ist nicht daran interessiert, in Kleinasien Hochkultur zu finden“, sagt Dr. Eberhard Zangger, Geoarchäologe und derzeitiger Unruhegeist der deutschen Altertumsforschung.

Was ist gemeint?

Der Geist fiel nicht vom Himmel – auch nicht in Griechenland, wie die Gralshüter von Hellas uns immer noch glauben machen wollen. Die bewunderungswürdigen Leistungen der griechischen Antike in Sachen Geist, Kultur und Politik haben Europa entscheidend geprägt, daran rüttelt heute kein Mensch – aber die Wurzeln reichen weiter zurück und liegen auch nicht in Griechenland.

Die Begeisterungsfähigkeit Klassischer Archäologen und Philhellenen geht meist nur soweit, wie Säulen aufrecht stehen. Kurz danach (zeitlich: davor) beginnt für sie die Vorzeit – schlicht die Barbarei. Doch die Arbeiten der vorgeschichtlich orientierten Archäologen machen immer deutlicher, daß die spannende Zeit der Zivilisation in der Bronzezeit und davor lag.

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Um mehr von den frühen Zeugnissen der Menschheit zu finden, müßte man allerdings „den ganzen klassischen Schrott beseitigen“, so Zangger, denn jede bedeutende antike Stätte in Kleinasien habe einen bronzezeitlichen Vorgänger gehabt. Deshalb seien die Brachialmethoden von Troja-Ausgräber Schliemann und Kreta-Erkunder Sir Arthur Evans für die Archäologie Glücksfälle gewesen – ohne ihre tiefen Schnitte würden wir die Bronzezeit nicht kennen.

Wenn man davon ausgeht, daß die ganz frühen Menschheitsentscheidungen – Seßhaftigkeit, Ackerbau, Viehzucht und erste Ansätze städtischen Lebens – im Vorderen Orient gefallen sind, kommt die menschliche Kulturentwicklung im 3. und 2. Jahrtausend vor unserer Zeit beschleunigt in Fahrt.

Das gilt auch für den östlichen Mittelmeerraum, speziell für Kleinasien im Osten und Griechenland im Westen mit der Ägäis dazwischen. Dazu gehören die jeweiligen Hinterländer: am Schwarzen Meer, im Kaukasus und Innerasien bei Anatolien – oder an der Adria, im Balkan, in Osteuropa bei Hellas.

Es ist eine Zeit des Aufbruchs und der Innovationen: In der Architektur werden um 2500 v. Chr. Großbauten von 50 mal 30 Metern hingeklotzt, das Know-how dazu verschwindet und taucht erst 1000 Jahre später wieder auf. Es wird mit den frühen Schriften experimentiert. Der verlängerte Arm, das Schwert, wird erfunden und verändert die Kriegsführung; desgleichen die ersten, noch klobigen pferdgezogenen Streitwagen. Das Wollschaf bringt neue Impulse für die Textilherstellung. Die aufkommende Töpferscheibe ermöglicht nicht nur feineres Geschirr, sondern gebiert den Beruf des „hauptamtlichen“ Töpfers, was wiederum Arbeitsteilung und damit völlig neue Strukturen in das soziale Gefüge bringt. Und das alles wird gekrönt von der immer größeren Verbreitung der Bronze mit ihren nun wirklich umstürzenden Auswirkungen – von der Waffe bis zum Kochtopf.

Wer Bronze herstellen konnte, war mächtig. Wer die Zutaten, vor allem das rare Zinn, sein eigen nannte, konnte reich werden. Derjenige aber, der den Handel damit kontrollierte, wurde reich und mächtig. Ab etwa 2500 v. Chr., so skizziert der Heidelberger Professor Joseph Maran, „strukturiert sich auf dem griechischen Festland wie in Westkleinasien die Gesellschaft neu, es entstehen Eliten. Die können wir nur schemenhaft charakterisieren, aber mit Sicherheit haben sie den Handel kontrolliert.“

Die Handelsbeziehungen in der Ägäis explodierten. Westkleinasien, so Maran, der der Bronzezeit in der Zyklopenburg Tiryns auf dem Peloponnes nachspürt, hatte großes Interesse am Austausch mit Griechenland, weil dessen Beziehungen bis nach Mitteleuropa reichten. Von dort kamen Prestige- objekte, Rohstoffe und zumindest – etwa aus dem Erzgebirge – ein Teil des für die Bronzeherstellung benötigten Zinns in die Handelskontore der kleinasiatischen Westküste, unter anderen nach Troja.

Limantepe, 300 Kilometer südlich von Troja in der Bucht des heutigen Izmir, hat sich jetzt durch die Ausgrabungen von Prof. Hayat Erkanal als eines dieser Zentren erwiesen – sogar schon vor Troja (siehe „Die versunkene Metropole“, Seite 60).

Die städtische Siedlung mit gemauertem Hafen und titanischem Bollwerk war ein früher Knotenpunkt für den Handel zwischen der Ägäis plus Griechenland mit Inneranatolien. Troja-Ausgräber Manfred Korfmann lobt das Konkurrenz-Unternehmen als „zentralen Platz, der enorme Bedeutung gehabt haben wird in der Bronzezeit der Küstenregion“.

„Limantepe gibt zum ersten Mal die Chance, Troja aus seiner Vereinzelung herauszuholen“, sagt Prof. Harald Haupt-mann, Anatolien-Experte und Leiter der Istanbuler Dependence des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI). Denn: „Troja ist natürlich völlig überbewertet. Es gab auch andere Umschlagplätze an der Küste.“

Doch die entziehen sich derzeit noch weitgehend der archäologischen Erkenntnis. Auch Prof. Erkanal ist sich sicher, daß es weitere Handelsorte gab: „Die stecken alle in den dicken Schwemmschichten der Flußmündungen.“ Dort sind sie nur mit aufwendigen und sehr teuren technischen Verfahren zu orten und auszugraben. Das nahe Izmir gelegene Panastepe zum Beispiel buddelte Erkanal unter fünf Metern Schwemmsand hervor.

Wie es im 3. Jahrtausend hinter diesen kleinasiatischen Brückenköpfen landeinwärts aussah, ist noch weitgehend unbekannt. Es gab eine Vielzahl von regionalen Machtzentren, die wohl in wechselnden Koalitionen mit- und gegeneinander händelten und handelten. Nach der alle verbindenden Sprache, dem Luwisch, werden sie hilfsweise, da historisch kaum faßbar, als „die Luwier“ zusammengefaßt.

Spätestens um 2200 v. Chr. aber brach der Fortschritt ab – von Syrien über Anatolien und die Ägäis bis nach Griechenland. Die Gründe sind noch nicht restlos geklärt. Die alten Gesellschaftsstrukturen zerbröselten, Innovationen wurden vergessen, alles wurde ein bis zwei Nummern kleiner. In das politische Machtvakuum von Griechenland drängten Gruppen aus dem heutigen Kroatien. Die Entwicklung in Anatolien bleibt dunkel.

Der Handel zwischen Orient und Okzident jedoch lief weiter: Nur die Wege und die „Lizenzen“ wurden neu verteilt, das Machtgefüge im östlichen Mittelmeerraum verschob sich. Die Gewinner waren die Kykladeninseln und später Kreta.

Was im 3. Jahrtausend begann, setzt sich – nach einem noch ziemlich unbekannten Zwischenspiel von rund 400 Jahren – ab 1800 v. Chr. fort. Korfmann: „Die Ägäis war immer verbindend. Man kann in der Bronzezeit gar nicht zwischen Griechenland und Anatolien trennen. „

Aber auch im 2. Jahrtausend beschränken sich die Nachrichten weitgehend auf die Küstenregion Kleinasiens – obwohl in der Mitte Anatoliens ab 1600 v. Chr. das Zentralreich der Hethiter (bild der wissenschaft 6/1994, „Der Brief aus Bronze“) mit seiner bombastischen Hauptstadt Hattusa entstand.

Die neuen Herren führten akribisch Buch über Kriege mit Nachbarn und Kräche in der Königsfamilie, über Handel, Allianzen und Hochzeiten. Ihre Keilschrifttexte erwähnen zahllose Orte und Länder, nur lassen sich die zum Großteil heute nicht mehr lokalisieren.

Einer der hethitischen Großkönige schwadroniert von 90 Städten, die er bei einem Straffeldzug in Westkleinasien zerstört habe. Kaum eine davon ist bislang identifiziert. Da bedarf es schon literatur- und sprachwissenschaftlicher Gewitztheit, um für die Bronzezeit überhaupt zu halbwegs akzeptablen Aussagen zu kommen. Einen dieser Versuche unternimmt der Tübinger Privatdozent Frank Starke. Er stärkt Korfmann den Rücken. Anhand von Sprachanalysen lokalisiert er verschiedene in Hethiterschriften erwähnte Länder und kommt zu dem Schluß, daß „Wilusa“ mit Ilion (Troja) identisch und im Nordwesten Kleinasiens zu orten sei.

Starke ist überzeugt, daß „Troja … im 2. Jahrtausend ganz in den historischen Raum Kleinasiens integriert war“. Damit wäre eine direkte Verbindung zwischen dem Hethiterreich Hatti in Zentralanatolien und Troja an der Ägäisküste hergestellt.

Doch es gibt noch viele weiße Flecken auf der bronzezeitlichen Landkarte Anatoliens, die wissenschaftlichen Streit herausfordern. Klärend wären da schriftliche Zeugnisse in Troja selbst. Bis auf das knapp beschriftete Bronzesiegel ist dort jedoch bislang nichts ans archäologische Tageslicht gekommen.

Zwischen Troja und Hattusa liegt historisches Niemandsland. Noch – denn Kleinasien-Kenner Korfmann hat in einer Bibliographie 1480 frühbronzezeitliche Fundplätze in Inneranatolien aufgelistet. „Die sind, weil meist auf türkisch publiziert, auch in der Fachwelt nicht bekannt“, sagt der deutsche Ausgräber mit der starken Affinität für Anatolien. Was aus diesen archäologischen Arbeiten in innertürkischen Museen lagert, kennt ebenfalls kaum jemand – die Informationen aus Inneranatolien harren des Zugriffs.

Gefördert wurde und wird derlei Partial-Unwissenheit durch das Kästchendenken archäologischer Disziplinen. Die Erforscher des Alten Orients zum Beispiel können recht detaillierte Zeichnungen der Handelswege vom bronzezeitlichen Mesopotamien nach Ägypten, Palästina, zum Mittelmeer und nach Ostanatolien fertigen.

Dort verliert sich der weitere Weg von Waren und Ideen jedoch in gestrichelten Linien. Wenn man aber Blatt B II,14 des herausragenden „Tübinger Atlas des Vorderen Orients“ (TAVO) dazulegt, auf dem die 1480 bekannten archäologischen Stätten Zentralanatoliens verzeichnet sind, öffnet sich der Blick für Zusammenhänge

Für Eberhard Zangger war schon immer klar: „Die Handelswege von Mesopotamien gingen bis Zentralanatolien und von dort an die Küste. Hier stießen die Routen aus Syrien und vom Schwarzen Meer dazu, in Troja dann auch noch die aus Europa. Deshalb hat sich Troja durchgesetzt.“ Geopolitik auf Handelswegen.

Die Menschen vor der klassischen Antike, in der angeblich barbarischen Zeit, bildeten keineswegs kleine, selbstgenügsame, ortsfeste Häufchen, sondern waren global denkende und handelnde Großgruppen mit ausgeprägter sozialer Gliederung. Die Beschränkung wissenschaftlicher Neugier auf nur eine Region ist deshalb völlig unzureichend.

Aberwitzig wird es gar, wenn ein Ort wie Troja zum „Schicksalsberg der Archäologie“ hochgejubelt wird. Im besten Fall ist es der teutsche Schicksalsberg der deutschen Archäologie: Für einen Amerikaner hat Troja überhaupt keinen Stellenwert.

Michael Zick

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