Angst vor dem Christkind - wissenschaft.de
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Angst vor dem Christkind

El Niño kommt – und mit ihm Unwetter, Kälte und Dürre. Erste Vorboten des Klimaphänomens bestätigen die düsteren Prognosen der meisten Experten.

Seit ein paar Monaten spielt der Pazifik verrückt. Klimaforscher der US-Wetterbehörde NOAA beobachten ein riesiges Gebiet von ungewöhnlich warmem Wasser, das sich immer weiter ausbreitet. Das Meer hat sich stellenweise bereits um vier Grad aufgeheizt – und lockt deshalb exotische Gäste an: Vor Peru, wo der kalte Humboldt-Strom vorbeizieht, gehen den Fischern wärmeliebende Hammerhaie ins Netz. Im US-Staat Washington hat ein Sportfischer sogar einen tropischen Schwertfisch geangelt.

Inzwischen zweifelt kaum noch jemand daran, daß sich Unheil zusammenbraut: „El Niño“, das Christkind, kommt wieder, möglicherweise stärker als je zuvor in diesem Jahrhundert. So nennen Klimaforscher ein seltsames Naturereignis, das sich alle zwei bis sieben Jahre wiederholt und die Elemente auf der ganzen Welt in Aufruhr bringt. In einem El-Niño-Jahr macht sich im tropischen Ost-Pazi- fik warmes Oberflächenwasser breit, wo sonst kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser aufströmt. Das nahrhafte Plankton bleibt aus, und die Schwärme der begehrten Sardellen und Sardinen suchen das Weite. Verdrießliche Weihnachtszeit also für peruanische Fischer: „Das Christkind“ bringt ihnen leere Netze.

Mit den Wasserströmungen kommt das Wetter weltweit aus dem Tritt. In einem El-Niño-Jahr gehen an der südamerikanischen Küste, wo sonst kaum ein Tropfen Regen fällt, Sturzbäche nieder und reißen an vielen Hängen die Bodenkrume ins Tal. Brecher klatschen gegen die Küste und verwüsten Hafenstädte. In Australien und in der afrikanischen Sahelzone vertrocknet die Ernte, und in Florida erfrieren Orangen und Zitronen auf den Bäumen.

1982 und 1983 richtete der schwerste El Niño der letzten Jahrzehnte Schäden von mindestens acht Milliarden Dollar an. Hunderte Menschen starben damals bei Überschwemmungen und Erdrutschen in den Küstenregionen Ecuadors und Nordperus. In diesem Jahr könnte es noch schlimmer kommen. „So rasant sind die Wassertemperaturen noch nie gestiegen“, sagt El-Niño-Spezialist Dr. Mojib Latif vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie. Nach den Hamburger Vorhersagen wird sich der El Niño bis zum Jahreswechsel weiter verstärken und mindestens bis ins Frühjahr hinein anhalten. Im kommenden Sommer sollen sich die Elemente dann wieder halbwegs beruhigt haben. Die Experten anderer Institute prognostizieren ähnliches – nur die Forscher des New Yorker Lamont-Doherty Earth Observatory sind optimistischer.

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Daß sich frühere Prognose-Pannen wiederholen, scheint indes ausgeschlossen. Vor sieben Jahren hatte das Hamburger Max-Planck-Institut Fehlalarm gegeben. Doch diesmal können sich die Experten auf unzählige Daten stützen, die eine Armada von Satelliten, Schiffen, Bojen und Flugzeugen gesammelt hat. „Eine El-Niño-Vorhersage für die nächsten sechs Monate“, sagt Latif, „ist inzwischen so sicher wie die Wettervorhersage für die nächsten Tage.“ Daß die Klimatologen mit ihrer Warnung, die sie im letzten November erstmals verbreiteten, wohl richtig liegen, machen die Meßfühler jeden Tag deutlicher.

Die Elemente haben sich schon so aufgeschaukelt, daß die klimatische Lawine kaum noch aufzuhalten ist. Denn einmal angestoßen, bringt sich ein El Niño selbst in Schwung. Normalerweise sorgt ein Temperaturgefälle von rund zehn Grad zwischen Ost- und Westpazifik für einen stetigen Ostwind. Erwärmt sich der Ostpazifik aber wie derzeit, verliert der Wind an Kraft. Dadurch wiederum kommen die Meeresströmungen aus dem Tritt. Ohne den atmosphärischen Schub wälzt sich das Wasser nicht mehr tiefgreifend um, und kaltes Wasser kann nicht mehr aus der Tiefe aufsteigen. Das warme Oberflächenwasser, das sich statt dessen breitmacht, läßt das Temperaturgefälle zwischen den beiden Pazifik-Seiten weiter schrumpfen – der Wind flaut noch stärker ab.

Dieser Teufelskreis ist dieses Jahr bereits so weit geschlossen, daß sich Regengebiete verschoben haben und in Brasilien der Winter mit hochsommerlichen Temperaturen daherkommt. Die Regierung von Costa Rica hat wegen der drohenden Dürre bereits den Notstand ausgerufen.

Europa bekommt die pazifischen Kapriolen meist nur am Rande zu spüren. Ein sehr starker El Niño wie 1982/83 kann freilich auch am Mittelmeer Schaden anrichten. Prof. Hans-Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, macht das „Christkind“ für die spanische Jahrhundertdürre während der achtziger Jahre verantwortlich. Jetzt, so befürchtet er, droht sich das Fiasko zu wiederholen.

Wegen der gravierenden Folgen treiben Forscher einen großen Aufwand, um das Klimaphänomen El Niño besser zu verstehen. Sie stoßen dabei bisweilen auf seltsame Zusammenhänge. So haben sie herausgefunden, daß in Kolumbien während eines El Niño-Jahres die Zahl der Malaria-Erkrankungen in die Höhe schnellt, weil sich die Anopheles-Mücke, die mit ihrem Stich das Wechselfieber überträgt, bei den höheren Temperaturen explosionsartig vermehrt.

Trotz vieler Erfolge bei der Erforschung von El Niño sind noch immer Fragen offen. So müßte die Anomalie nach den Computer-Simulationen alle vier Jahre wiederkehren. Warum die Intervalle aber variieren und warum mancher El Niño sehr heftig, ein anderer nur schwach ist, wissen die Experten nicht. Auch über den Einfluß des weltweiten Klimawandels können sie derzeit nur spekulieren.

Während die Menschen einen El Niño fürchten und alles daransetzen, das Übel zuverlässig vorhersagen zu können, hat die Natur offenbar gelernt, damit zu leben. Selbst bei Super-El Niños haben sich die dezimierten Bestände an Fischen, Muscheln und anderen Tieren bislang stets rasch wieder erholt.

Es gibt sogar Nutznießer der Klimakapriolen: Die südamerikanischen Küstenwüsten ergrünen in jedem El-Niño-Jahr. Mancher Samen wartet zehn Jahre und länger, bis ein El Niño endlich stark genug ist, um ihn zum Keimen zu bringen.

Klaus Jacob

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