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Aufbruch made in Europe

Fast 50-Prozent der EU-Mittel kommen Wein-, Oliven- oder Getreidebauern zugute. In die Forschung fließt dagegen nur ein Bruchteil davon. Die zuständige EU-Kommissarin Edith Cresson sieht künftig bessere Perspektiven für die europäische Forschungsförderung.

bild der wissenschaft: Nach langwierigen Debatten haben das Europäische Parlament (EP) und der Ministerrat in Brüssel eine Einigung über die Mittel für das 5. EU-Forschungsrahmenprogramm erzielt. Demnach sollen im Zeitraum 1999 bis 2002 fast 30 Milliarden Mark an EU-Mitteln in die Forschung fließen. Sind Sie mit den Ergebnissen zufrieden, Frau Cresson?

Cresson:Ja, weil wir in einer sehr schwierigen Haushaltssituation der Gemeinschaft eine Budgetsteigerung um 4,6 Prozent gegenüber dem 4. Rahmenprogramm erreicht haben. Angesichts der anfänglichen Haltung einzelner EU-Staaten, Einsparungen vornehmen zu wollen, ist der mit dem Parlament erreichte Kompromiß ein Erfolg.

bild der wissenschaft: Im Vergleich zu den Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (F&E) in den USA und Japan sind die EU-Zuweisungen bescheiden.

Cresson:Die F&E-Ausgaben der Gemeinschaft machen eben mal vier Prozent des EU-Haushaltes aus. Auch bei den nationalen Forschungsausgaben der Mitgliedstaaten gibt es – abgesehen von Schweden – kaum signifikante Steigerungsraten. Die Vereinigten Staaten haben eine ganz andere Grundeinstellung: Präsident Clinton hat in seiner Erklärung zur Lage der Nation betont, daß die Forschung Priorität genieße und die amerikanische Politik darauf ausgerichtet sei, verstärkt in Forschung zu investieren. Hinzu kommen spezifische Programme wie der Know-how-Transfer aus dem militärischen Bereich in die zivile Forschung oder Anstrengungen bei Informations- und Kommunikationsdiensten sowie bei der Biotechnologie. Wenn wir die beträchtlichen Forschungsausgaben der Privatwirtschaft in den USA dazu addieren, hinkt Europa bei den F&E-Ausgaben weit hinterher. Auch beim Technologietransfer und der Fähigkeit, Erkenntnisse rasch in Produkte oder Dienstleistungen umzusetzen, liegen wir weit hinter den Amerikanern.

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bild der wissenschaft: Früher war das gewiß der Fall, doch in den letzten Jahren sind die Europäer doch aufgewacht.

Cresson:Das bezweifle ich. So wurde das World Wide Web, das dem Internet zum Durchbruch verhalf, zwar beim europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf erfunden, aber in den Vereinigten Staaten kommerzialisiert. Von der damit verbundenen Million neuer Arbeitsplätze sind 760000 allein in den USA entstanden.

bild der wissenschaft: Es fehlt also weiterhin an Ideen, um Basiserfindungen marktreif zu machen?

Cresson:Tatsache ist, daß es den Europäern im Vergleich zu den Amerikanern schwerer fällt, ihre Entdeckungen rasch in Innovationen umzusetzen. Darüber hinaus haben wir einen großen Rückstand bei den Patenten im Triadenvergleich USA, Japan und EU. Seit den frühen achtziger Jahren liegt die Gemeinschaft der Fünfzehn mit weitem Abstand hinter den USA und Japan zurück. Zu Beginn dieses Jahrzehnts hat sich die Position der EU noch verschlechtert. Zwar ist seit 1993 bei den europäischen Patentanmeldungen ein leichter Anstieg zu beobachten. Doch insgesamt gesehen befand sich die EU 1994 gerade einmal wieder dort, wo sie 1980 war – also in der gleich schlechten Position.

bild der wissenschaft: Auch 1999 schöpfen die Landwirte nahezu 50 Prozent des EU-Haushalt als Subventionen ab. Ob diese starke Unterstützung der Landwirtschaft auch über das Jahr 2000 hinaus ein wesentlicher Pfeiler der EU-Politik sein soll, ist umstritten. Warum spielt die Landwirtschaft im Haushalt der Gemeinschaft eine so dominierende Rolle?

Cresson:Das ist eine Sache der Geschichte. Die Europäische Gemeinschaft ist aus wirtschaftlichen Interessen heraus entstanden. Und jeder Gründerstaat hat seine spezifischen Forderungen eingebracht, Frankreich beispielsweise die Agrarpolitik. Es ist richtig, daß das Primat der Agrarpolitik heute eine schwere Bürde darstellt. Es werden Veränderungen nötig sein. Doch es ist sehr schwer, das Subventionsrad der Agrarpolitik zurückzudrehen.

bild der wissenschaft: Der Haushaltsausschußvorsitzende im Europäischen Parlament, Detlev Samland, hat eine Halbierung der Agrarsubventionen im EU-Haushalt vorgeschlagen.

Cresson:Das erscheint mir außerordentlich schwierig. Denn ein bestehendes System, das von allen Seiten über viele Jahre akzeptiert wurde, kann nicht einfach ausgehebelt werden. Ich glaube nicht, daß Samlands Vorschlag politisch durchsetzbar ist – leider.

bild der wissenschaft: Welche wissenschaftlich-technischen Herausforderungen sehen Sie in den kommenden Jahren auf die Menschen zukommen?

Cresson:Die großen Herausforderungen korrespondieren mit den vier Themenschwerpunkten des 5. Forschungsrahmenprogramms: Da sind zuerst die Lebenswissenschaften Biotechnologie und Gesundheit: Dort sind in Zukunft große wissenschaftlich-technische Erkenntnis-se zu erwarten. An zweiter Stelle rangieren die Informationstechnologien. Immerhin entfallen 46 Prozent des Kommunikationsweltmarktes und 16 Prozent der Produktion auf EU-Länder. Das dritte Kapitel des jetzigen Forschungsrahmenprogramms beschäftigt sich mit der Wettbewerbsfähigkeit unserer europäischen Unternehmen. Und viertens wollen wir uns in Europa verstärkt um die Zukunftsfragen hinsichtlich Energie und Umwelt kümmern.

bild der wissenschaft: Obwohl die kleinen und mittleren Unternehmen in der EU die meisten Arbeitsplätze neu schaffen, sind sie an den EU-Forschungsprogrammen kaum beteiligt.

Cresson:In der Tat sind sie weiterhin unterrepräsentiert. Großen Unternehmen fällt es leichter, an Ausschreibungen teilzunehmen. Hervorheben möchte ich allerdings, daß die Beteiligung der kleinen und mittleren Unternehmen in den letzten vier Jahren um 30 Prozent zugenommen hat. Und für das 5. Forschungsrahmenprogramm wurde festgelegt, daß für die kleinen und mittleren Unternehmen bei allen Programmen zehn Prozent der Finanzen zur Verfügung stehen. Darüber hinaus werde ich dafür sorgen, daß die Prozeduren bei den Antrags- und Beteiligungsverfahren für kleinere und mittlere Unternehmen künftig vereinfacht werden.

bild der wissenschaft: Es kümmern sich wohl auch zu viele Beamte um die Verwaltung der EU-Forschungsprogramme.

Cresson:Wir haben die Zahl der Kommissionsbeamten bei der Verwaltung der Programme reduziert und wollen künftig mehr die Scientific Community einbinden. Auf unseren Aufruf zur Bildung von Beratergruppen haben sich 5000 Wissenschaftler gemeldet. 350 Personen – darunter waren leider nur zehn Prozent Frauen – werden in der Orientierungsphase des Forschungsrahmenprogramms ihr Fachwissen einbringen. 7 der 17 Vorsitzenden dieser Beratergruppen sind weiblich. Hier schneiden Frauen mit immerhin 40 Prozent deutlich besser ab.

bild der wissenschaft: Die größte Herausforderung in der EU bleibt die Arbeitslosigkeit. Welchen Beitrag leistet das Forschungsrahmenprogramm für ein wettbewerbsfähiges und nachhaltiges Wirtschaftswachstum?

Cresson:Die innovativen Technologien sind in hohem Maße dazu geeignet, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Ich denke, daß besonders die kleinen und mittelständischen Unternehmen dazu ertüchtigt werden müssen. Aus diesem Grund haben wir unlängst in Wien ein Kolloquium mit innovativen Betrieben dieses Zuschnitts abgehalten. Zum anderen haben wir bei der Europäischen Investitionsbank in Luxemburg Fonds für Wagniskapital mobilisiert, um Existenzgründern ein arbeitsplatzschaffendes Wachstum zu finanzieren. Das Problem ist, daß in Europa Wagniskapital auch in Unternehmen fließt, die nicht innovativ sind. Darüber hinaus werden solche Mittel auch für den Aufkauf von Unternehmen zweckentfremdet. Ich habe mit der Europäischen Investitionsbank und dem Europäischen Investitionsfond vereinbart, daß die Mitgliedstaaten verstärkt darauf achten, wofür europäisches Wagniskapital verwandt wird.

Thomas A. Friedrich / Edith Cresson

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