Aufgalopp im Osten - wissenschaft.de
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Aufgalopp im Osten

Die Neuen in der Gemeinschaft wittern Forschungsgeld

Beim Stichwort „Lipizzaner“ bekommen Pferdeliebhaber glänzende Augen. Namengebend ist das Traditionsgestüt Lipica in Slowenien, direkt an der italienischen Grenze. Kürzlich unterlag es nach jahrelangem Streit: Die EU-Kommission in Brüssel sprach der Wiener Hofreitschule das Recht zu, das offizielle Stammbuch der Edelrasse führen zu dürfen. Das vom österreichischen Erzherzog Karl II. im Jahr 1580 gegründete Gestüt gehörte bis 1918 dem Wiener Hof.

Für Cene Bavec, Staatssekretär im slowenischen Wissenschafts- und Technologieministerium, schlägt das Herz der Elitezucht weiter in der Karstlandschaft seiner Heimat. Beim jüngsten Treffen mit EU-Kommissar Martin Bangemann, zuständig für Informations- und Kommunikationstechnik, waren die Vierbeiner jedoch kein Thema. Vielmehr wünscht Slowenien, einer der elf EU-Beitrittskandidaten, raschen Zugriff auf die EU-Forschungsfördertöpfe.

Der knapp zwei Millionen Einwohner zählende Staat zwischen Adria und Alpen steckte 1998 immerhin 2,49 Prozent seines 15-Milliarden-Mark-Staatshaushalts in die Forschung. Zu wenig, bekennt Bavec, um die heimische Wissenschaftslandschaft auf Trab zu bringen. Einen Aufgalopp erhoffen er und die anderen zehn mittel- und osteuropäischen Staaten (MOE) nun mit Brüsseler Hilfe. Anfang 1999 trat das fünfte EU-Forschungsrahmenprogramm in Kraft, gültig bis 2002. Erstmals können die MOE-Staaten als assoziierte Mitglieder vom 15 Milliarden Euro (rund 29 Milliarden Mark) starken EU-Forschungsbudget profitieren. Forschungs-Generaldirek-tor Jurma Routti ermunterte die Neuen ausdrücklich, an den seit März laufenden Ausschreibungen teilzunehmen.

Sloweniens Ehrgeiz ist besonders spürbar: Es will im Osten zum Vorreiter bei der staatlichen Forschungsförderung werden. Klar, daß Bavec auch in Sachen Lipizzaner-Stammbuch nicht einfach klein beigibt. In der Forschungs-Infobroschüre seines Landes taucht unter jeder Grafik das großformatige Konterfei zweier schneeweißer Hengste auf. Ist Slowenien erst einmal EU-Vollmitglied, kommt dieses Thema sicherlich erneut auf die Brüsseler Agenda.

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EURO-TICKER Langlebige Beine. Durch den Verzicht auf Nickel im Stahlgürtel können bei der Herstellung kommender Reifengenerationen 20 Prozent Energie und 30 Prozent Kosten gespart werden – Ergebnis eines EU-geförderten Materialforschungsprojekts. Weiterhin erreichten die Universität Nottingham und der Reifenhersteller Pirelli, daß die Auto-Beine gegen Korrosion nur noch halb so anfällig sind. Das macht die Reifen künftig langlebiger.

Pille statt Spritze. Forscher der belgischen Universität Gent und europäische Pharmahersteller suchen – von EU-Geldern unterstützt – nach dem Ersatz für Spritzen bei Dauermedikationen. Chemiker und Pharmazeuten entwickeln eine synthetische Polymerhaut für Pillen. Ziel: Die Wirkstoffe sollen erst im Dickdarm freigesetzt werden. In zwei Jahren, so glauben die Wissenschaftler, könnten zum Beispiel Diabetes-Patienten statt der täglichen Insulinspritze eine Pille schlucken.

EURO-TALK Rainer Gerold, Direktor für internationale Forschungskooperationen bei der EU-Kommission, hält die mittel- und osteuropäischen Beitrittsländer für fit genug für den Fördergeld-Poker.

bdw: Bei der Forschungsförderung hat zwischen Ost und West eine neue Ära begonnen.

Gerold: Ja, die Beitrittsländer sind im fünften EU-Forschungsrahmenprogramm als gleichwertige Partner akzeptiert. Sie können auch in allen Programmen mitfinanziert werden, sobald die Assoziierung beschlossen ist – etwa ab Mitte 1999.

bdw: Leisten die mittel- und osteuropäischen Staaten (MOE) eigene finanzielle Beiträge?

Gerold: Alle elf Kandidaten haben sich bereit erklärt, in den Forschungshaushalt einzubezahlen. Die Einzahlungen berechnen sich aus demVerhältnis des Bruttosozialproduktes (BSP) der Europäischen Union zum BSP des einzelnen Landes. Berücksichtigt man den dreijährigen Beitragsrabatt und die Möglichkeit, Gelder aus dem EU-Osteuropaprogramm PHARE in Anspruch zu nehmen, bestreiten die Beitrittsländer rund ein Drittel der regulären Beiträge.

bdw: Werden die MOE-Länder bei der Forschungs-Infrastruktur mithalten können?

Gerold: Sie haben selbst verlangt, endlich aus dem „Kindergarten der EU-Sonderprogramme“ herauszukommen, um möglichst schnell im vollen Wettbewerb um die EU-Forschungsgelder zu stehen.

Thomas A. Friedrich

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