Ausrotten aussichtslos - wissenschaft.de
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Ausrotten aussichtslos

Biologische Invasoren überleben die meisten Bekämpfungsversuche. Ob Alge, Muschel, Käfer oder Riesen-Bärenklau: Eingeschleppte Pflanzen oder Tiere wieder loszuwerden, ist meist unmöglich.

Dr. Stephan Gollasch schaut durch die Luke in einen gähnenden Schlund. Der Strahl seiner Handlampe gleitet nach unten, an Eisensprossen entlang. Die sind an einer feuchtglänzenden Stahlwand befestigt und führen senkrecht in die Tiefe. Der Biologe vom Kieler Institut für Meereskunde steckt in einem Overall, trägt Gummistiefel und Schutzhelm. Er sammelt Sedimentproben – aber nicht am Grund eines Sees, wie dies bei Angehörigen seiner Zunft zu erwarten wäre, sondern im Bodenschlick eines gigantischen Ballastwassertanks. Dieser Behälter sitzt zwischen Frachtraum und Außenhaut eines großen Containerschiffs, das vertäut im Hamburger Hafen liegt. Er hat die Maße eines senkrecht gestellten olympischen Schwimmbeckens: Ist er gefüllt, schwappen darin bis zu 2000 Tonnen Ballastwasser. Etwa 20 solcher Tanks sind bei großen Pötten entlang der Bordwand verteilt, um die Schiffe auf hoher See auszutarieren. Mächtige Pumpen, die pro Stunde 350 Kubikmeter Meerwasser ansaugen, brauchen etwa sechs Stunden, um nur einen einzigen Tank zu füllen. Kaum eine Handbreit Platz bleibt, als sich der Zwei-Meter-Mann Gollasch – gefolgt von seinem Kollegen Mark Dammer – durch die Einstiegsluke zwängt und den Abstieg beginnt. Die beiden Biologen sind bald nicht mehr allein. An den Wänden glitzern, wie Streifen ausgedrückter Zahnpasta, Kolonien aus Hunderten von Seepocken – festgewachsene Kleinkrebse. Unter der letzten Leitersprosse, am Schiffboden, tauchen Gollaschs und Dammers Gummistiefel einen halben Meter tief in braungrünen Schlamm ein: jahrelang angesammeltes Ballastwasser-Sediment.

Gollasch zieht Plastikflaschen durch den Schmodder und entnimmt Proben. Sofort sichtbar sind Teile von Seeigel-Gehäusen, Muschelsplitter, winzige Würmer. Später im Labor werden die Fachleute zahlreiche Spezies von Planktonalgen und mikroskopisch kleinen Krebsen in der glibberigen Sedimentmasse finden. Der Biologe kommentiert: „All diese Organismen hat das Schiff auf seinen Fahrten im Mittelmeer, Atlantik und Pazifik aufgesammelt und mit nach Hamburg gebracht.“ Beim Check von Ballastwasser und Sedimenten in 200 Schiffen, die aus außereuropäischen Häfen an der deutschen Küste vor Anker gegangen waren, fand der Fachmann über 400 Tier- und Pflanzenarten – mehr als 60 Prozent davon waren eingeschleppt. Jährlich werden etwa zehn Milliarden Tonnen Ballastwasser zwischen den internationalen Häfen hin- und hergeschippert: in der Fremde aufgenommen, am Zielort oft im Hafen entleert. Pro Sekunde reisen auf diese Weise etwa 70 ungebetene Gäste unterschiedlichster Arten in küstennahe deutsche Gewässer ein, schätzt Gollasch aufgrund seiner Statistiken. „ Passen am neuen Ort die Bedingungen, beispielsweise Temperatur, Salzgehalt und Nahrungsangebot, dann geht das ökologische Fenster auf.“ Als „Window of Introduction“ bezeichnen die Biologen eine Konstellation, bei der sich ein fremder Organismus unwiderruflich festsetzt.

In der Bucht von San Francisco, einem der befahrensten Seegebiete der Welt, ist das offenbar schon viele Male geschehen: Bereits 99 Prozent der Biomasse bestehen dort aus Neuzugängen, die ursprünglich an der kalifornischen Küste nicht zu Hause waren. So weit soll es in der Elbmündung nicht kommen, wünscht sich Stephan Gollasch. Er tüftelt an Methoden, die blinden Passagiere in den Ballasttanks an der Einreise zu hindern. Eine global gültige Übereinkunft, was zu tun sei, existiert nicht. Australien, Neuseeland, Israel, die USA und Kanada schreiben Schiffen derzeit vor, vor dem Anlaufen der Küste das Ballastwasser auf hoher See zu wechseln. Denn Arten, die auf hoher See leben, finden im allgemeinen in Häfen keine guten Lebensbedingungen vor – und umgekehrt. Deutschland hat hierbei, wie Gollasch es ausdrückt, eine „abwartende, aber kooperative Position“. Einige Staaten Lateinamerikas, so der Meeresbiologe, chloren in seltenen Fällen das Ballastwasser: wenn Schiffe aus Cholera-Gebieten einlaufen.

Er selbst erprobt Methoden zur chemischen Behandlung des Ballastwassers. Desinfizierende chemische Zusätze werden in die Tanks gekippt und verteilen sich von selbst durch die Schiffsbewegungen. Ferner prüft der Kieler Forscher den Weg, die Zusatzstoffe direkt in die Zuführleitungen der Ballastwassertanks einzubringen. Andere experimentieren mit der Erhitzung des gesamten Ballastwassers auf mehr als 40 Grad Celsius, um dadurch unliebsame Zugereiste zu töten. Zwei Verfahren stehen zur Wahl: Entweder erwärmt eine Art Riesen-Tauchsieder das Meerwasser, was allerdings pro Tank zwei bis drei Tage dauern kann. Oder das Ballastwasser wird – nach dem Wärmetauscher-Prinzip – um die heißen Schiffsdiesel herumgeführt. Ein gewaltiger Aufwand – und alles wegen ein paar harmloser Muscheln und Schnecken? Machen sich hier biologische Puristen wichtig? Die sind nicht alle harmlos, widerspricht die Mehrheit der Biologen. Ihr Fazit: Eingeschleppte Tiere und Pflanzen sind – nach der direkten Naturzerstörung durch den Menschen – heute die zweitwichtigste Ursache für den weltweiten Artenschwund. Denn die einheimische Flora und Fauna erliegt immer wieder einmal solchen Invasionen, ob sie nun von Häfen ausgehen oder vom Binnenland. Neuzugänge in Mitteleuropa wie Waschbär und Schmuckschild-kröte, Marderhund und Halsbandsittich, Springkraut und Riesen-Bärenklau machen in den deutschen Medien gelegentlich Schlagzeilen – doch regelrechte Verschleppungskatastrophen hatte man hierzulande noch nicht zu beklagen. Anderswo freilich stolpert der Mensch dem Geschehen hinterher. Drei Beispiele: Auf Neuseeland fressen die Gemeine Wespe und die Deutsche Wespe im Sommer in den Honigtauwäldern die fetten Raupen, so daß dort viele einheimische Schmetterlinge vom Aussterben bedroht sind. Australische Melaleuca-Bäume vermehren sich verblüffend schnell in den Everglade-Sümpfen Floridas und bedrohen dort das ökologische Gleichgewicht. Die Dreikantmuschel (Zebramuschel) – ursprünglich aus dem Kaspischen Meer in europäische Süßgewässer verfrachtet – verstopft rund um die amerikanischen Großen Seen die Rohrleitungen und Kanäle. Die Weichtiere wurden am Grund des Erie-Sees in Dichten von bis zu 32000 Exemplaren pro Quadratmeter ausgemacht. Allein in den USA verursachen solche Bio-Invasoren derzeit jährliche Kosten von mehr als 120 Milliarden Dollar. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten schafft es trotz aller Anstrengungen nicht, die Immigranten aus Übersee wieder loszuwerden. Die wachsende internationale Mobilität und – immer mehr – die Klimaveränderung sind Katalysatoren der Artenverschleppung. Die Fachzeitschrift Science spricht von der Gefahr eines „ökologischen Schmelztiegels“ , einem drohenden „globalen McÖkosystem“. „Die schottische Heidelandschaft finden Sie jetzt auch in Neuseeland“, bedauert Dr. Ulrike Doyle, Ökologin im Berliner Umweltbundesamt. Wenn man nichts dagegen unternähme, wachse – innerhalb derselben Klimazone – „irgendwann überall das gleiche“.

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Etwas unternehmen – aber was? Die Bekämpfung zugewanderter Arten ist höchst kompliziert, risikoreich und meist von zweifelhaftem Erfolg. „Sie können ja nicht ganze Gebiete flächendekkend mit aggressiver Chemie besprühen – das wäre ein Pyrrhus-Sieg“, sagt Ulrike Doyle. Eine völlige Ausrottung ist praktisch unmöglich, mit wenigen Ausnahmen (siehe Kasten „Auf Kapiti hat’s geklappt“). Also alles in Handarbeit? Tatsächlich rücken Naturfreunde in Deutschland dem wildwuchernden Riesen-Bärenklau (Heracleum mantegazzianum) sozusagen im Nahkampf zuleibe, vermummt mit langärmeligen Pullovern und Handschuhen, da der austretende Milchsaft bei Sonnenschein die Haut verätzt. Vor allem an Böschungen von Seen und Flüssen verdrängt die seit 1890 aus dem Kaukasus importierte Staude jegliches einheimische Gewächs. Die Exterminatoren geben sich alle erdenkliche Mühe: Immer wieder schlagen sie weiße Blütenköpfe ab, durchtrennen Wurzeln oder reißen sie ganz aus und verbrennen die Pflanzenreste. Doch der kaukasische Import bürgert sich immer weiter ein. Auch in Tschechien geht man mit Feuer und Schwert zu Werke. Ganze Dörfer waren dort von den übermannshohen Stauden umzingelt, Soldaten wurden für den Kahlschlag mobilisiert. In Schweden bildeten sich Bürgerwehren gegen die lästigen Invasoren, in Dänemark und nahe Tromsö in Norwegen ließen die Behörden wegen der aggressiven Pflanze ganze Täler absperren, um die Bevölkerung nicht zu gefährden und die weitere Verbreitung zu verhindern. Doch am Ende steht überall die bittere Erkenntnis: Der Riesen-Bärenklau läßt sich durch noch so martialische Aktionen nicht ausrotten. Es überleben stets unbemerkte Pflanzen oder Wurzeln, die in der nächsten Vegetationsperiode für neue Verbreitung der Riesen sorgen. Das Gleiche gilt für die Bekämpfung des wildwuchernden asiatischen Rhododendrons, gegen den Briten und Iren mit Bulldozern, Gift und Feuer angehen: gut gemeint, aber vergeblich.

Jeder Erdrest in der Sohle eines Stiefels, jeder Pflanzensamen in einer Kleiderfalte kann erneuter Verschleppung als Vehikel dienen. Daher ist Prävention Trumpf: Organismen mit invasivem Potential frühzeitig aufspüren, Risikoanalysen erstellen – agieren, nicht reagieren. Als erstes empfiehlt die Ökologin Doyle, die gesetzlichen Regelungen zur Einfuhr und Aussetzung fremder Pflanzen und Tiere zu verschärfen. Ihr zweites Anliegen: bessere Information und Aufklärung der Bevölkerung. „Die meisten Deutschen können einheimische und fremde Arten nicht voneinander unterscheiden. Und selbst wenn sie es könnten: Es fehlt hier oft das Problembewußtsein. Die Leute sollten zum Beispiel Gartenabfälle, vor allem exotische, nicht einfach in der freien Natur entsorgen.“ Noch etwas fällt der Expertin auf: „Was schön blüht, so denken viele, kann für unsere Natur doch nicht gefährlich sein.“ Eine krasse Fehleinschätzung, wie die rasante Verbreitung des anmutig blühenden Drüsigen Springkrauts zeigt: Es überwuchert schon vielerorts unsere Bachufer. Doyle: „Schlangen und Stockenten finden dort keine Brutplätze mehr. Die brauchen dazu nämlich Gehölze.“ Der Kampf gegen fremde Eindringlinge ist vor allem ein Kampf gegen die Zeit. „Wir kommen meistens zu spät. Was einmal da ist, werden wir nicht wieder los“, so das ernüchternde Resümee von Prof. Rüdiger Disko. Der Fachmann vom Institut für Medizinische Mikrobiologie der Technischen Universität München sieht jede Einschleppung als „eine Art russisches Roulette“. Disko: „Nur wenige Neozoen entpuppen sich als bösartig. Aber die sind dann meist von globaler Bedeutung.“

Gefährliche Invasoren tummeln sich – mit bloßem Auge kaum zu sehen oder gar komplett unsichtbar – in der Welt der Kleinstorganismen und Insekten. Tropenmediziner Rüdiger Disko zählt die aus seiner Sicht folgenreichsten Neuzugänge auf: San-José-Schildläuse, Pharao-Ameisen, Kartoffelkäfer, Schaben, Varroa-Milben und das aus Afrika über Amerika importierte Virus HIV – der Aids-Erreger. Vor allem innerhalb der Tropen würden Erreger oder deren Wirte und Zwischenwirte besonders leicht verschleppt. So sei beispielsweise die Übertragung des Gelbfiebers aus Südamerika und Afrika nach Asien zu befürchten, durch Gelbfieber-Infizierte. Eine weitere große Gefahr drohe durch Verschleppung der Malaria-Überträgermücke Anopheles gambiae: Begünstigt durch die globale Klimaerwärmung, sei die Verbreitung dieses Insekts auch außerhalb der Tropen zu befürchten. Schnecken, so Disko, könnten eine ebenso bedenkliche Rolle spielen. Weniger die Spanische Wegschnecke (Arion lusitanicus), das ständige Ärgernis aller deutschen Gärtner – vielmehr die Süßwasserschnecke Biomphalaria glabrata, die bestimmten Bilharziose-Erregern als Zwischenwirtin dient. Erst ihre Verschleppung von Brasilien ins Nildelta, vermutlich in den frühen siebziger Jahren, hat diese Wurmkrankheit zur Geißel Ägyptens gemacht, mahnt der Tropenmediziner. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, wenn Stephan Gollasch auf Kleingetier in Schiffsbäuchen Jagd macht.

Ungemach aus dem Fernen Osten droht jetzt in Großbritannien. Die Briten sehen nach dem Machtwechsel 1997 in Hongkong eine biologische Revanche Chinas für die Kolonialherrschaft des Empires auf sich zurollen. Denn zusammen mit Transportkisten aus chinesischem Holz ist der Asiatische Langhornkäfer auf die Britische Insel eingereist. Das kleine weißgepunktete Insekt wird seit etwa einem Jahr in englischen Wäldern gesichtet. Ahorn, Kastanien, Weiden und Pappeln seien in großer Gefahr, fürchten Botaniker. Die Frankfurter Rundschau betitelte eine Meldung über den unliebsamen China-Import launig mit: „Späte Lache“.

„Neu“: alle nach Kolumbus

Internationaler Handel und Tourismus sorgen für „Neozoen“ und „ Neophyten“ (griechisch: neue Tiere, neue Pflanzen) auf der heimischen Bühne. Nach der wissenschaftlichen Definition sind dies ursprünglich ortsfremde Arten, die nach 1492 (Kolumbus‘ Landung in Amerika) außerhalb ihrer Heimat Fuß fassen konnten, durch Menschen absichtlich oder unabsichtlich verschleppt wurden und einen Bestand bilden konnten, der sich ohne Nachschub aus der Heimat von Generation zu Generation erhält.

Auf Kapiti hat’s geklappt

Bislang konnten biologische Invasionen nur in wenigen, regional begrenzten Fällen unter Kontrolle gebracht werden. Etwa die Ratten auf der 1965 Hektar großen neuseeländischen Insel Kapiti: Diese erfolgreiche Ausrottungsaktion 1996 war das Ergebnis jahrelanger Vorbereitung und umfangreicher Studien. Der Berliner Invasions-Biologe Dr. Bernhard Kegel schildert in seinem exzellenten Buch „Die Ameise als Tramp“, was geschah. Erst schwärmten Hunderte von Helfern aus. Helikopter stiegen in den Himmel: Giftköder wurden aus der Luft abgeworfen. Alle möglichen Gefährdungen für die einheimische Tier- und Pflanzenwelt und für die Maoris waren bedacht. Gefährdete Vögel wurden vorübergehend in Käfige gesperrt, damit sie sich nicht an den Rattenkadavern vergiften konnten. Besucher der Insel müssen noch heute zuerst ihr Gepäck in einem rattensicheren Raum durchsuchen lassen. Die Ratten sind – zumindest bisher – verschwunden.

Wolfgang Gessler

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Wissenschaftslexikon

Ta|pe|tum  〈n.; –s; unz.〉 1 〈Bot.〉 das Archespor umgebende Zellschicht, die der Ernährung der Pollenkörner dient 2 〈Zool.〉 stark reflektierende Schicht hinter dem lichtempfindlichen Teil des Auges von Nachtraubtieren u. Fischen, die Lichtstrahlen auf die davorliegenden Sehzellen zurückwirft ... mehr

Eu|fo|nie  〈f. 19; Mus.; Sprachw.〉 Wohlklang, Wohllaut (von Lauten, Wörtern); oV Euphonie; ... mehr

Oboe da Cac|cia  〈[–bo da kata] f.; – – –, –n – –; Mus.〉 gebogene Altoboe des frühen 18. Jh. in der Tonlage F [ital., ”Jagdoboe“]

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