Bedrohliche Weibsbilder - wissenschaft.de
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Bedrohliche Weibsbilder

Die Amazonen und ihre Schwestern haben Konjunktur. Gleich zwei Bücher drehen sich um die legendären Frauenfiguren der Antike.

Medea, Circe (Kirke) und Penthesilea sind personifizierte Männerängste, die der ambivalenten Lust am Unbekannten, Wilden, Ungreifbaren und deshalb gefährlich Begehrenswerten entspringen. Wer „Sphinx, Amazone, Mänade“ der beiden Archäologen Lambert Schneider und Martina Seifert liest, begreift das rasch. Die Autoren beschreiben die antiken Mythen und schildern Geschichte, Bedeutung und Schicksal der bedrohlichen Frauen.

Dabei kommt viel Unbekanntes zum Vorschein, zum Beispiel der Wandel der Sphinx auf ihrem Weg von Ägypten über den Vorderen Orient nach Griechenland. Am Nil war das Mischwesen männlich und ein Symbol der Königswürde gewesen. In Hellas wurde die Figur weiblich – und bedrohlich. Später lud man sie noch erotisch auf und erklärte sie als todbringend, vor allem für schmucke junge Männer. Schließlich wurde die Sphinx als entschärfte Wächterin von Tempel und Friedhof in die patriarchalische Gesellschaft des klassischen Athens eingemeindet. Das Bedrohlich-Weibliche war besiegt.

Das war auch bei den anderen weiblichen Schauergestalten der Grundtenor: Die furchterregende Powerfrau Medusa in ihrer naturhaften Wildheit wurde vom kultivierten (natürlich griechischen) Supermann Perseus besiegt. Und Medea, die kompromisslos Liebende, wurde zerrieben in den Norm-Mühlen der athenischen Männergesellschaft. Dabei war der Skandal nicht der Kindsmord – der wurde erst sehr viel später in den Mythos eingeflochten –, sondern Medeas weibliche Selbstbestimmtheit.

Die Autoren des Buchs „Amazonen“, herausgegeben vom Museum Speyer, haben einen anderen Ansatz: Sie beschränken sich auf die „ geheimnisvollen Kriegerinnen“, ziehen das Thema jedoch bis zur Gegenwart. Der Band, der zur Amazonen-Ausstellung in Speyer erschienen ist, bietet profunde Texte mit exzellentem Bildmaterial. Er erzählt die diversen Amazonen-Mythen, deren historischen Kern die Funde von Kriegerinnen-Gräbern in Zentralasien bis Mitteleuropa belegen. Ausführlich wird das Leben der Frauen bei den skythisch-asiatischen Steppennomaden geschildert, wo die Frauenkrieger vermutlich ihren Ursprung haben. Der Mythos wirkt bis in die Neuzeit: Die Amazonen tauchen in mittelalterlichen Weltkarten auf, selbstverständlich immer am Rande der zivilisierten Welt. Adlige Französinnen stellten sich im 17. und 18. Jahrhundert gern als Amazonen dar, und natürlich kam die Französische Revolution nicht ohne „Amazonen“ aus. Aktuell sind sie bis heute: Das Pop-Idol Lara Croft, alias Angelina Jolie, ist die moderne Parade-Amazone – mit allen Attributen, die schon in der Antike dazugehörten: schön, aktiv, ungebändigt, selbstbestimmt. Womit man wieder bei den Männerängsten wäre … Michael Zick

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Lambert Schneider, Martina Seifert SPHINX, AMAZONE, MÄNADE Theiss, Stuttgart 2010 108 S., € 24,90 ISBN 978–3–8062–2226–5

Historisches Museum der Pfalz Speyer (Hrsg.) AMAZONEN Edition Minerva, München 2010 308 S., € 28,– ISBN 978–3–938832–62–2

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