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bild der wissenschaft: Herr Professor

bild der wissenschaft: Herr Professor Margraf, wie beurteilen Sie als Klinischer Psychologe die Versuche, das Posttraumatische Stress-Syndrom (PTSD) mit einer „Pille gegen die Angst“ zu bekämpfen?

Margraf: Wenn es wirklich funktioniert, ist nichts dagegen einzuwenden. Ich bin allerdings wenig begeistert von dem, was ich dazu bislang gesehen habe.

bdw: Worauf gründet sich Ihre Zurückhaltung?

Margraf: Ich bin sehr skeptisch, wie gut die Effekte wirklich sind. Denn es ist generell so, dass die Wirksamkeit psychopharmakologischer Methoden viel geringer ist, als man meint.

bdw: Die Wirksamkeit wird doch in veröffentlichten Studien nachgewiesen.

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Margraf: Eben – in publizierten Studien. Wenn man, wie soeben geschehen und im medizinischen Fachblatt Lancet diskutiert, bei den Antidepressiva der SSRI-Gruppe die unveröffentlichten Studien dazu nimmt, sinken die positiven Effekte für die sechs gängigen Antidepressiva dramatisch. Die Antidepressiva der SSRI-Gruppe sind immerhin die Methode der Wahl. Bei fünf Medikamenten gab es gar keine Überlegenheit mehr gegenüber Placebos, wenn man die unpublizierten Studien dazu nahm. Das ist nicht berauschend.

bdw: Die Ergebnisse wurden immerhin in der renommierten Wissenschaftszeitschrift Nature veröffentlicht.

Margraf: Es gibt derzeit eine größere Affinität für biologisch begründete Untersuchungen, man kommt damit schneller in Nature hinein. Die biologische Welle ist eine Modeerscheinung.

bdw: Das Qualitätssiegel einer Methode ist die Dauerhaftigkeit der Behandlung – eine Forderung, die Sie vehement an Ihr eigenes Metier, die Psychotherapie stellen. Wie sieht es mit der Nachhaltigkeit bei der medikamentösen Behandlung aus?

Margraf: Wenn Psychotherapie gut ist, gibt es einen langfristig stabilen Effekt. Ich bin davon überzeugt, dass für eine Reihe von Psychotherapien solche nachhaltigen Ergebnisse belegt sind. Und ich bin überzeugt, dass dies bei der Pharmakotherapie aussteht. Die paar Studien, die es dazu gibt, sind methodisch sehr kritisch.

bdw: Also kein chemischer Weg aus der Angst?

Margraf: Psychische Störungen sind nicht einfach Hirnstörungen. Der Ort des Geschehens ist das Gehirn, aber das interagiert mit der Umwelt und lernt dabei. Lernen mit Pille geht nicht. Und die Leute lernen ja nichts bei dieser Umprogrammierung. Da wird viel Hurra geschrien – und das machen einige sehr kräftig.

Das Gespräch führte Michael Zick

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