Blick ins Reich der Träume - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Allgemein

Blick ins Reich der Träume

Neurowissenschaftler kommen allmählich dahinter, wie das nächtliche Kino im Kopf entsteht.

Jede Nacht macht sich unser Bewußtsein selbständig und produziert eigenartige und oft sehr intensive bildliche Vorstellungen. Ein Team von amerikanischen Gehirnforschern an den National Institutes of Health in Bethesda, Maryland, und am Walter Reed Army Institute of Research in Washington DC unter der Leitung von Allen R. Braun fand nun heraus, wie sich die Gehirnaktivitäten von Traum- und Wachzustand voneinander unterscheiden.

Die Wissenschaftler maßen mit Hilfe der Positronen-Emissionstomographie (PET) die Hirnvorgänge von gesunden Versuchspersonen während des Traumschlafs. Über einen ins Blut gespritzten radioaktiven Markierungsstoff registrieren die PET-Scanner die Durchblutung, die als Maß für die Gehirnaktivität dienen kann. Anschließend verglichen die amerikanischen Forscher ihre Befunde mit PET-Messungen bei denselben Personen im Wachzustand und im traumlosen Tiefschlaf.

Das Ergebnis: Im Traumschlaf arbeiten bestimmte Zentren der mittleren Großhirnrinde isoliert von den Sinneseingängen und von den Regionen, die für höhere geistige Tätigkeiten zuständig sind. „Eine solche Dissoziation erklärt viele Eigenschaften des Traumerlebens“, meint Allen Braun, „wie die großen Gefühlsanteile, die unkritische Akzeptanz bizarrer Trauminhalte, der Mangel an parallelen Gedanken und Eindrücken, die zeitliche Desorientierung und die fehlende Fähigkeit, zu reflektieren.“

Beispielsweise wird im Traumschlaf der extrastriate Cortex aktiv. Er ist der primären Sehrinde (Striatum) nachge-schaltet, die sich ganz hinten im Hinterhauptlappen des Großhirns befindet. Sie empfängt im Wachzustand die vom Auge aufgenommenen visuellen Reize und leitet sie dann an den extrastriaten Cortex weiter. Im Traumschlaf ist sie jedoch gehemmt. Die höheren Verarbeitungszentren im Stirnlappen, die im Wachzustand visuelle Informationen von dem extrastriaten Cortex empfangen und mit anderen Sinneseindrücken verrechnen, sind im Traumschlaf ebenfalls gehemmt. Sie spielen auch bei bewußtem Planen und logischem Denken eine entscheidende Rolle.

Anzeige

Ihre Inaktivität erklärt daher, warum wir selbst den aberwitzigsten Träumen mit der Vernunft nicht beizukommen vermögen. „Denn Traumbewußtsein ist dadurch gekennzeichnet, daß man Dinge sieht, die nicht existieren, Sachverhalte für wahr hält, die man im wachen Zustand als logisch absurd zurückweisen würde, und Leute, Orte und Zeiten durcheinanderbringt“, kommentiert der Schlafforscher J. Allan Hobson von der Harvard Medical School in Boston. Für das Kurzzeitgedächtnis ist das Stirnhirn ebenfalls von Bedeutung. Seine Inaktivität erklärt, warum wir uns meist schon kurz nach dem Aufwachen nicht mehr an unsere Träume erinnern können.

Beim Träumen aktiv sind dagegen die Bahnen vom extrastriaten Cortex zum limbischen System. Das macht die Gefühlstönung des nächtlichen Spektakels verständlich, denn Emotionen werden vor allem in den limbischen Regionen erzeugt, die im Inneren und unterhalb der Großhirnrinde liegen.

„Während des Traumschlafs scheinen die extrastriate Hirnrinde und das limbische Areal als geschlossenes System zu arbeiten“, lautet die Schlußfolgerung der Forscher. Offenbar kann dieses von den umliegenden Hirnbereichen vorübergehend funktional abgekoppelte System spontan bildliche Vorstellungen erzeugen.

Dieser Befund paßt gut zu einer Hypothese, die Hobson und sein Mitarbeiter David Kahn 1993 vorgeschlagen und seither noch weiterentwickelt haben. Sie deuten das Träumen als einen selbstorganisierten Gehirnzustand, der sich von äußeren Reizen abgekapselt hat. Die beiden Wissenschaftler gehen davon aus, daß dieser Zustand durch spontanes Feuern großer Nervenzellverbände verursacht wird, die durch ein verändertes Gleichgewicht von Nervenbotenstoffen im Schlaf leichter erregbar sind.

Rüdiger Vaas

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Dossiers

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Ka|ryo|ly|se  〈f. 19; Biol.〉 Kernauflösung nach dem Zelltod [<grch. karyon ... mehr

Dok|tor  〈m. 23; Abk.: Dr.〉 1 akadem. Grad u. Titel nach besonderer Prüfung 2 Inhaber des Doktortitels ( ... mehr

Schutz  〈m. 1〉 I 〈unz.〉 1 〈i. w. S.〉 Unterstützung der Sicherheit, Abwehr von etwas Unangenehmem, Hilfe bei etwas Bedrohlichem 2 〈i. e. S.〉 Abwehr, Verteidigung (Militär~) ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige