„Botschaften an uns selbst" - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Allgemein

„Botschaften an uns selbst“

Radioastronom und SETI-Forscher Sebastian von Hoerner über die Suche nach außerirdischen Zivilisationen und ihre Bedeutung.

bild der wissenschaft: Sie haben SETI von der ersten Stunde an begleitet und fast 20 wissenschaftliche Arbeiten darüber publiziert. Wann fingen Sie Feuer? von Hoerner: Als ich 1960 erstmals nach Green Bank kam, begann Frank Drake dort gerade mit dem Projekt Ozma. Zum ersten Mal waren außerirdische Intelligenzen nicht bloß ein Gegenstand der Fantasie, sondern Ziel eines irdischen Radioteleskops mit speziellem Empfänger. Ich war ungeheuer fasziniert und habe seither nicht mehr aufgehört über SETI nachzudenken und zu schreiben. bdw: Vier Jahrzehnte dauert nun schon die Suche nach Signalen von außerirdischen Intelligenzen – ohne Erfolg. Ist das Unternehmen gescheitert? von Hoerner: Nein, bestimmt nicht! 40 Jahre erscheinen lang – aber astronomisch und im Hinblick auf die kurze Geschichte der Wissenschaft sind 40 Jahre nur ein Augenblick. bdw: Sie haben einmal abgeschätzt, dass bis zum Kontakt vielleicht 5000 Jahre vergehen mögen. von Hoerner: Ja, SETI könnte ein Langzeitprojekt sein, ein Unternehmen für eine ganze Kultur, einen ganzen Planeten – und nicht für Individuen oder Nationen. Aber schon diese Einsicht hat einen Wert für uns. Auch vermittelt uns SETI eine neue Perspektive auf uns selbst, auf unsere Stellung im All, unsere Schwierigkeiten und Interessen. Und selbst wenn SETI nie Erfolg hätte oder wir wüssten, dass wir allein in der Galaxis sind, hätte diese Erkenntnis eine enorme Bedeutung. bdw: Wir kennen Myriaden sonnenähnlicher Sterne und wissen nun auch, dass viele von Planeten umrundet werden. Aber wir kennen nur eine Welt mit Leben und Intelligenz – die Erde. Können wir Statistik treiben mit einem einzigen Fall? von Hoerner: Ja, wenn wir die Regeln kennen und korrekt anwenden. Mit N = 1 können wir den Mittelwert abschätzen, und das ist eben der Einzelfall, den wir kennen. Folglich sollten wir annehmen, dass wir Durchschnitt sind. Aber andererseits haben wir mit N = 1 keine Möglichkeit, den mittleren Fehler abzuschätzen. Auf gut Deutsch heißt das: Unsere Annahme, wir seien Durchschnitt, hat die höchste Wahrscheinlichkeit, wahr zu sein, aber wir haben nicht die geringste Idee, wie falsch sie sein mag. bdw: Wir können also keine zuverlässigen Aussagen machen. von Hoerner: Trotzdem ist die Annahme unserer Durchschnittlichkeit nicht unsinnig. Wenn sie wahr ist, stehen die Chancen nicht schlecht, dass es auch auf anderen Planeten Leben gibt, mit dem wir kommunizieren könnten. bdw: Wir könnten nicht nur lauschen, sondern selbst aktiv werden – was mit einer Botschaft des Senders am Arecibo-Observatorium 1974 zum Kugelsternhaufen M13 ja bereits geschah. von Hoerner: Das sind mehr als nur Signale ins Unbekannte. Es sind vor allem Botschaften für uns selbst. Wenn wir sie verfassen, müssen wir über uns nachdenken, haben wir uns zu fragen, wie uns andere sehen würden und sehen sollen. Ich finde, dass allein dies solche Sendungen sehr wertvoll für uns macht – auch wenn sie niemals gehört werden. bdw: Stephen Hawking und andere haben vor Signalen ins All gewarnt. Die Außerirdischen könnten auf uns aufmerksam werden und uns unterjochen oder sogar verspeisen wollen. von Hoerner: Ich denke nicht, dass sie aggressiv sind. Alle aggressiven Intelligenzen vernichten sich früher oder später selbst. Nur die friedfertigen, vernünftigen überleben. Außerdem ist interstellare Kommunikation eine Sache, interstellare Raumfahrt eine andere. bdw: Ein Kontakt hätte also wohl positive Folgen für uns? von Hoerner: Das nehme ich an. Wir könnten viel von jenen Völkern lernen, die überlebt haben. Denn sie müssen irgendwie mit den Problemen fertig geworden sein, die unsere Zukunft bedrohen: globale Kriege, Umweltverschmutzung, rasante Bevölkerungszunahme. Vielleicht können sie uns einen guten Rat geben. Ich denke, die interstellare Kontaktaufnahme ist eine der größten Aufgaben in der Zukunft der Menschheit und der wichtigste Entwicklungsschritt seit der Entstehung der Sprache. bdw: Was würde ein Kontakt noch bedeuten? von Hoerner: Von den eher praktischen und wissenschaftlichen Aspekten abgesehen, hätte eine Botschaft von den Sternen auch einen enormen Einfluss auf unser Weltbild. Wir wüssten, dass wir nicht allein sind – kein kosmischer Zufall. Wir könnten Fragen nach der Universalität von Intelligenz und Kulturentwicklung angehen, auch beispielsweise von Musik, die ja mathematischen Gesetzen gehorcht. Und wir würden uns selber besser verstehen. Frank Drake hat einmal die Frage gestellt: Gibt es intelligentes Leben auf der Erde? bdw: Daran kommen einem manchmal Zweifel. Auf der Erde lagern schätzungsweise drei Tonnen Sprengstoff pro Person. Und wenn die Erdbevölkerung weiter wächst wie bisher – so haben Sie einmal ausgerechnet –, würde die Zahl der Menschen hypothetisch schon bald gegen unendlich gehen. Das sind keine Aussichten für ein friedliches Miteinander. von Hoerner: Im Zweiten Weltkrieg musste ich an drei Feldzügen teilnehmen, in Polen, Frankreich und Russland. Es dauerte eine Zeit, bis mir dieser Wahnsinn klar wurde. Bei der Infanterie blickte ich nachts zum Sternenhimmel und fragte mich, wie es wohl auf andere wirken würde, wenn sie unseren Krieg betrachteten. Er hat mich ein Augenlicht gekostet, aber ich habe vielleicht etwas Weisheit gewonnen. bdw: Nach dem Erstkontakt wäre nichts mehr so wie zuvor. von Hoerner: Kontakt mit einer überlegenen Kultur bedeutet das Ende der eigenen. Man kann sich darüber streiten, ob dies gut oder schlecht ist. Ich würde mich freuen, wenn wir einem „Galaktischen Club“ beitreten könnten, um Prof. Ron Bracewells Bezeichnung zu zitieren. Wir würden unsere Kultur verlieren und an einer umfassenderen Form des Lebens teilnehmen. Das würde vielleicht unser Überleben sichern. bdw: Angenommen, wir hätten Kontakt: Würden wir die anderen überhaupt verstehen? von Hoerner: Ich denke, sie werden uns unterrichten. Wir sind die Anfänger. Die anderen sind viel älter und uns weit überlegen. Sie werden unsere Lehrer sein und zu uns reden wie Erwachsene zu Kindern – wenn sie genügend Interesse und Geduld haben. Wir reden ja auch mit kleinen Kindern in der Erwartung, dass sie mit der Zeit reifer werden. bdw: Wer soll für die Erde sprechen? von Hoerner: Auf Grund der langen Sende- und Empfangszeiten wird die Kommunikation zwischen Individuen irrelevant. Es wird eine Kommunikation zwischen Zivilisationen sein. Der Planet Erde wird mit einer anderen Welt sprechen. bdw: Bei Distanzen von Dutzenden oder Hunderten Lichtjahren werden wir zu unseren Lebzeiten keine Antwort bekommen. Die Signale sind einfach zu lange unterwegs.v von Hoerner: Ja, und es stellt sich die Frage, ob wir überhaupt noch an Antworten auf Fragen interessiert sind, die Jahrhunderte alt sind. Aber wir sollten den Wert von Einbahn-Kommunikationen nicht unterschätzen. Wir könnten viele Informationen erhalten, ohne direkt danach gefragt zu haben. Unsere westliche Kultur wurde stark vom antiken Griechenland beeinflusst, das nicht viel mehr als einige Bücher, Kunst und Architektur hinterlassen hat – auch das ist eine Art Einbahn-Kommunikation. Unsere Traditionen und kulturellen Errungenschaften erreichen uns ja aus der Vergangenheit. bdw: Werden wir ET jemals die Hand reichen können – falls er überhaupt eine hat? von Hoerner: Interstellare Reisen sind extrem aufwändig, aber nicht unmöglich. Wir werden zum Mars fliegen – einfach deshalb, weil er da ist. Wenn wir uns nicht selbst vernichten, könnten wir wohl eines Tages Expeditionen zu anderen Sternen starten. Das kann mit Generationenraumschiffen geschehen. Die Kolonisten werden dann eines Tages wieder von ihren Welten aufbrechen und so weiter. Raumfahrt wird möglich, wenn nicht alles in der Lebensspanne eines Menschen geschehen muss. Wir könnten eine expandierende Kolonisierungswelle starten wie die Polynesier mit ihren kleinen, zerbrechlichen Booten, die den Pazifischen Ozean Insel für Insel besiedelt hatten. Das dauerte auch viele Generationen. bdw: Herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Rüdiger Vaas

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Neun|au|ge  〈n. 28; Zool.〉 Angehöriges einer mit neun Organöffnungen (”Augen“) am Vorderkörper versehenen primitiven Wirbeltiergruppe von fischähnlicher Lebensweise u. Gestalt, die aber systematisch nicht zu den Fischen gehört: Petromyzontidae; Sy Pricke2 ... mehr

Mi|ne|ral|stoff|wech|sel  〈[–ks–] m. 5; unz.〉 Stoffwechsel der anorganischen Ionen im Organismus

Pat|tern  〈[pæt(r)n] n. 15〉 1 〈Psych.; Soziol.〉 Verhaltensmuster, Denkmodell 2 〈Sprachw.〉 Satzmuster ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige