Chinas Taikonauten im All - wissenschaft.de
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Chinas Taikonauten im All

Peking will bei der Raumfahrt ganz vorne mitmischen. In Kürze sollen zwei oder drei Raumfahrer mit einer chinesischen Rakete ins All starten. In spätestens 10 bis 15 Jahren könnte eine Station der fernöstlichen Volksrepublik um die Erde kreisen.

Chinas modernster Weltraumbahnhof ist zugleich der höchste der Welt. Er liegt inmitten der östlichen Ausläufer der Himalaja-Bergketten, rund 1830 Meter über dem Meeresspiegel. Eine staubige Schotterstraße führt von der 65 Kilometer entfernten Provinzstadt Xichang mit ihren fast 1,8 Millionen Einwohnern hinauf, vorbei an Reis- und Bambusfeldern. Auf den letzten Kilometern verbindet eine Betonautobahn das Startzentrum mit Chinas drittgrößtem Flughafen. Er wird fast nur zur Anlieferung von Raketenbauteilen und Satelliten aus den Industriemetropolen Shanghai und Peking genutzt. Der Weltraumbahnhof liegt in einem schmalen Talkessel. Schon von weitem sind die beiden großen Startrampen zu sehen, die vor zehn Jahren erbaut wurden. Der 77 Meter hohe Stahlkoloß auf der östlichen Talseite wiegt fast 800 Tonnen. Er läßt sich wie ein Buch aufklappen, um die Raketen zur Endmontage aufzunehmen. Das zweite Startgerüst steht nur rund 400 Meter entfernt, auf der gegenüberliegenden Talseite. „In dem 98 Meter hohen Montageturm wird Chinas modernste Trägerrakete zusammengebaut“, erläutert An Yimin, technischer Mitarbeiter am Startzentrum. Chang Zeng 4E (Langer Weg Nr. 4E) soll in ein bis zwei Jahren chinesische Raumfahrer ins All bringen. „Die knapp 53 Meter lange und 462 Tonnen schwere Rakete kann neun Tonnen in eine rund 300 Kilometer hohe Erdumlaufbahn transportieren“, betont Wang Yongzhi, Raketenkonstrukteur in der chinesischen Raumfahrtakademie CALT. Damit ist die Rakete in der Lage, eine russische Sojus-Raumkapsel ins All zu schießen.

Vor zwei Jahren erschien in der staatlichen Presse das erste Bild der Chang Zeng 4E mit einer Rettungsrakete an der Spitze. Bei einer Explosion während der kritischen Startphase ist sie in der Lage, die Raumkapsel von der Trägerrakete zu trennen. Ähnliche Rettungssysteme haben Russen und Amerikaner für Raumschiffe entwickelt. Während Raumfahrtexperten im Westen sich noch Gedanken darüber machten, ob das Foto möglicherweise manipuliert war, überraschte China die Welt mit dem ersten Erprobungsflug eines rund 15 Meter langen Raumschiffs. Im November 1999 umkreiste es in 300 Kilometer Höhe 14mal die Erde. Dann trennte sich eine knapp vier Meter große Rückkehrkapsel und landete im Süden der Wüste Gobi. Die US-Weltraumüberwachungszentrale NORAD bestätigte die Mission. Chinas Präsident Jiang Zemin taufte das Weltraumfahrzeug nachträglich „Shenzhou“ – das göttliche, überirdische Schiff. Der Westen blickt kritisch auf das Göttergefährt. Denn es ähnelt verblüffend den russischen Sojus-Raumschiffen, die Anfang der sechziger Jahre entwickelt wurden und noch heute den Pendelverkehr zwischen Erde und Mir aufrechterhalten. Längst ist es ein offenes Geheimnis, daß Rußland den südöstlichen Nachbarn mit Know-how in der Raketentechnik unterstützt. Die Grundlage bildet ein Kooperationsvertrag, der vor vier Jahren beim Chinabesuch von Rußlands Ex-Präsident Boris Jelzin geschlossen wurde.

Noch im gleichen Jahr weilten mehrere chinesische Raumfahrerkandidaten im Sternenstädtchen bei Moskau. Sie absolvierten dort eine allgemeine Flugvorbereitung. Dazu gehörten neben einem physischen Training die Unterweisung in technischen Details des Sojus-Raumschiffs und ein russischer Sprachkurs. Zum Mitflug der beiden Weltraumaspiranten Wu Jie und Li Qinglong zur Mir kam es jedoch nicht – warum, verrät niemand. Sie sollen sich jetzt in Peking auf den ersten bemannten Flug des Shenzhou-Raumschiffs vorbereiten und ihre Erfahrungen an andere Kandidaten weitergeben. „Wir stehen für Kooperationen weiterhin zur Verfügung“, unterstrich unlängst der Chef der russischen Raumfahrtagentur Juri Koptjew. Rußlands Raumfahrtindustrie ist auf Finanzhilfen aus dem Ausland angewiesen, da die staatlichen Mittel für die zivile Raumfahrt nicht mehr ausreichen. So hat Rußland beispielsweise das Know-how zum Bau des Navigations- und Kopplungssystems der Sojus-Raumschiffe an China verkauft. Auch komplette Triebwerke der zweiten Stufe der Sojus-Rakete sollen exportiert worden sein. Gerne hätte China modernere Raketentechnologie erworben, doch Verträge mit US-Unternehmen schränken den Verhandlungsspielraum mit den Russen ein – denn die befürchten, daß China in Konkurrenz zu amerikanisch-russischen und europäisch-russischen Startunternehmen wie Sea Launch, Starsem oder Eurokot tritt.

Offiziell bestätigt im Reich der Mitte niemand den Ideen- und Technologiefluß. „Wir entwickeln unsere Raumfahrt selbst“, läßt Zhao Bing, Planungsdirektor der Raumfahrtagentur CASC, verlauten. Die kommunistische Partei weiß, daß chinesische Raumfahrer das nationale Prestige erhöhen werden. Die Kosmoshelden in spe heißen denn auch nicht Astronauten oder Kosmonauten – wie in den USA beziehungsweise in Rußland –, sondern Taikonauten. „Taikong“ heißt soviel wie Weltraum oder Kosmos. Derzeit ist kaum vorstellbar, daß ein Taikonaut so wie ein Deutscher, ein Vietnamese oder ein afghanischer Staatsbürger als Trittbrettfahrer mit amerikanischen oder russischen Raumschiffen ins All startet. China verfügt selbst über alle technischen Voraussetzungen für den Flug eines Menschen. Bereits seit 25 Jahren beherrschen die Techniker die Rückführung von Satelliten aus dem Erdorbit. Die Kapseln besitzen Hitzeschilde, die während des Fluges durch die Atmosphäre abschmelzen und nicht wiederverwendbar sind. Entwickelt wurde die Technik, um Spionagefotos zur Erde zu bringen. In den Kapseln waren aber auch schon mehr als 60 Tiere und Pflanzen – sogar Schweine sollen darunter gewesen sein. Anderen Angaben zufolge waren es allerdings Meerschweinchen. „Fördere den Raumflug und bring deiner Nation Ruhm“, steht in roten Zeichen an den Wänden einer 140 Meter langen Montagehalle im Xichang-Startzentrum. Auch mehrere westliche Nachrichtensatelliten wurden in den neunziger Jahren hier für den Flug ins All vorbereitet. Doch heute liegen dunkle Schatten über Chinas modernstem Weltraumbahnhof, dessen Startrampen in nur 18 Monaten aus dem Boden gestampft wurden. Das erhoffte Geschäft mit dem Start westlicher Kommunikationssatelliten ist nach mehreren Pannen ins Stocken geraten.

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Tragischer Höhepunkt der Pannenserie war im Februar 1996 die Explosion einer Rakete 22 Sekunden nach ihrem Start. Sechs Menschen starben im Trümmerhagel von Raketenteilen, 57 wurden verletzt und mehr als 80 Häuser zerstört. Inoffizielle Quellen sprechen sogar von bis zu hundert Toten durch die Aktivitäten auf dem Weltraumbahnhof. Amerikanische Satellitentechniker, die vor Ort arbeiteten, kritisierten den mangelhaften Ausbildungsstand der Arbeiter. Stromschläge durch schlecht isolierte Kabel seien an der Tagesordnung, und Sicherheitsabstände würden oftmals nicht eingehalten. Die Bevölkerung in den umliegenden Dörfern werde nur unzureichend informiert und über Evakuierungspläne sei in der Öffentlichkeit nichts bekannt. Auch die Verantwortlichen in der chinesischen Raumfahrtakademie scheinen nicht von der Sicherheit des Xichang-Startzentrums für bemannte Weltraumstarts überzeugt zu sein. Sie ließen in den letzten zwei Jahren bei Jiuquan im Nordwesten der Provinz Gansu einen neuen Startkomplex bauen, von dem aus bemannte Raumschiffe ins All fliegen können. Das Areal an den südlichen Ausläufern der Wüste Gobi ist nur dünn besiedelt und wird seit Anfang der sechziger Jahre für Raketentests benutzt. Ein in Jiuquan startendes Raumschiff könnte problemlos in den Orbit der russischen Raumstation Mir oder der internationalen Raumstation ISS gelangen. Technisch dürfte China in 10 bis 15 Jahren in der Lage sein, eine 15 Tonnen schwere Raumstation in das All zu bringen. Konkrete Pläne hält die kommunistische Partei jedoch geheim. Westliche Beobachter wie der britische Raumfahrtpublizist Phillip Clark glauben, daß innerhalb von zwei bis fünf Jahren Taikonauten ins All fliegen und auf chinesischem Boden landen werden. Damit würde das aufstrebende Land demonstrieren, daß es neben den USA und Rußland ein gleichberechtigter Partner im Club der Raumfahrtnationen ist. Auf einer Tagung im März 1998 in Peking regten chinesische Forscher sogar die Ankopplung von zwei Modulen an die internationale Raumstation an. Ob das aufstrebende Land des fernen Ostens sich am Bau der internationalen Raumstation beteiligen kann, ist angesichts der bestehenden Geheimniskrämerei allerdings zweifelhaft.

Chinas langer Weg ins All

Die Chinesen sind die Erfinder der „Pfeile des fliegenden Feuers“. Schon vor über 760 Jahren schwirrten in dem fernöstlichen Land die ersten Raketen durch die Luft. In den Weltraum fliegen sie jedoch erst seit 30 Jahren.

Im April 1970 machte der erste chinesische Satellit mit der Melodie „Der Osten ist rot“ auf sich aufmerksam. Nur fünf Jahre später verfügte China bereits über Spionagesatelliten, die Fotos mit einer Rückkehrkapsel zur Erde brachten. Die Beherrschung der Wiedereintritts-Technologie und Verbesserungen der Leistungsfähigkeit der Raketen machten einen bemannten Raumflug immer wahrscheinlicher.

1979 veröffentlichte erstmals eine in Shanghai erscheinende Zeitung das Bild eines chinesischen Raumfahrt- kandidaten im Raumanzug. Doch der erwartete Start blieb aus. Offenbar schenkte ihm die kommunistische Partei Chinas keine sehr hohe Priorität.

1984 offerierte der damalige US-Präsident Ronald Reagan der chinesischen Staatsführung die Chance, einen Raumfahrer im Space Shuttle mitzunehmen. Nach der Explosion der amerikanischen Raumfähre Challenger im Januar 1986 schlug der damalige Staatschef der UdSSR, Michail Gorbatschow, einen Mitflug zur Raumstation Mir vor. Zehn Jahre später wiederholte Boris Jelzin die Einladung, doch die Chinesen zierten sich noch immer.

1992 faßte das Zentralkomitee der kommunistischen Partei den Beschluß, bis zum Beginn des neuen Jahrtausends aus eigener Kraft Menschen in den Weltraum zu schicken. Westliche Experten schätzen, daß für dieses Ziel mehr als 10000 Wissenschaftler in über 100 Instituten arbeiten.

Im November 1999 wurde erstmals ein komplettes Raumschiff ohne Besatzung im All getestet. Wahrscheinlich wird es noch einen oder zwei weitere Testflüge geben, bevor der erste Taikonaut starten darf. US

Uwe Seidenfaden

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