Comic in Marmor - wissenschaft.de
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Comic in Marmor

Kurzlehrgang bei Dr. Volker Kästner, Hüter und Herr des Pergamon-Altars auf der Berliner Museumsinsel: „Im 19. Jahrhundert entfachten Griechen in der Gegend von Bergama einen großen Bauboom. Was braucht man zum Bauen? Kalk! Woraus kann man Kalk brennen in einer Gegend, in der es keinen Kalk gibt? Aus Mamor!“

Kein Wunder also, daß Carl Humann, der große deutsche Forschungsreisende des letzten Jahrhunderts, kalkbleich wurde, als er in den Ruinen von Pergamon 1864 beobachtete, wie marmorne Statuen und Säulen zu Schotter zerschlagen wurden, um ordinären Kalk zu brennen. Nur mühsam konnte der Archäologe die zerstörerische Randale unterbinden. Ihm ist zu verdanken, daß von diesem Solitär hellenistischer Architektur und Kultur überhaupt noch etwas erhalten blieb.

Das nunmehr 2170 Jahre alte Prunkstück der Pergamon-Pracht, den Fries des Titanenkampfes vom Zeus-Altar, klaubte Humann aus der byzantinischen Stadtmauer: „Elf große Reliefs, meist mit ganzen Figuren gefunden“, telegrafierte er 1878 nach Berlin. Es wurden noch viel mehr – insgesamt 120 Meter. Nach einem regulären Abkommen mit der osmanischen Regierung über die Fundteilung konnte Humann seine antiken Schätze nach Deutschland verfrachten.

Dort baute man dem Fund ein eigenes Haus. Seitdem ist das Pergamon-Museum eines der wenigen Häuser auf der Welt, wo die antiken Großbauten für den Betrachter sinnstiftend gezeigt werden können – weil im Original und originalgroß.

Die Besucher des Pergamon-Tempels im Herzen Berlins müssen nun für fünf Jahre optische Beeinträchtigungen in Kauf nehmen. So lange wird der Fries restauriert. Dabei werden jedoch immer nur einzelne Gruppen abmontiert. In den hauseigenen Werkstätten trennen Spezialisten die Figuren von ihren Betonplatten; die rostenden Eisendübel ersetzen sie durch Edelstahlhalterungen. Die Klebemittelreste an den Bruchstellen entfernen die Restauratoren mit Zahnarzt-Geräten. Hellgrauer istrischer Kalkstein statt Beton bildet dann den neuen Halt und Hintergrund.

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Eine Generalrestaurierung tut not: Der Fries war während des Zweiten Weltkrieges zunächst eingebunkert, wurde dann nach Leningrad verschleppt, 1958 an die DDR zurückgegeben und innerhalb nur eines Jahres wieder aufgestellt.

Nach neuen Erkenntnissen sind auch kleinere Korrekturen notwendig – durch die Vermessung der Basisarchitektur in Pergamon zum Beispiel schloß sich eine vermeintliche Relief-Lücke: Da fehlten jedoch keine Figuren, sondern der Giebel war einfach einen Meter schmaler, als man bei der Rekonstruktion des Frieses zu Beginn des Jahrhunderts angenommen hatte. Dennoch: „Gravierende Fehler haben die Restauratoren, die den Fries in 20jähriger Arbeit zusammensetzten, nicht gemacht“, lobt Kästner.

Bei diesem ersten Zusammenbau wurden die Figuren des antiken Welten-Krieges nicht von moderner Hand ergänzt. In den Magazinen des Museums lagern noch etliche Bruchstücke, die eindeutig zum Fries gehören, aber beim besten Willen nirgends eingepaßt werden können – Lernstoff für Wissenschaftler und Studenten, denn, so Kästner, „der Pergamon-Altar ist alles andere als voll erforschtË. Die noch offenen Streitfragen wird man nur gemeinsam lösen können, etwa die Festlegung des Bautermins: 180 oder 166 v. Chr.? Sicher ist, daß der Tempelfries – sei er Götterdank oder königliche Machtdarstellung – für einen pergamenischen Sieg über die marodierenden Gallierheere errichtet wurde.

Interpretieren kann man das steinerne Bilderbuch als politisches Symbol für den Selbstbehauptungswillen der Griechen – auch gegenüber dem ausgreifenden Rom. Propaganda war der Monumentalbau allemal: „Obwohl der Tempel nicht auf dem höchsten Punkt des Berges stand“, so Kästner, „hat er weit in die Landschaft gewirkt.“

Der beabsichtigten Wirkung entsprach der Aufwand. Die Gegend um Pergamon hat keinen Marmor – jeder Quader mußte vermutlich per Schiff von Lesbos herangeschafft und steile 330 Meter zum Burgberg hinaufgewuchtet werden. Über die Baumeister weiß man nichts, vermutlich kamen sie aus griechischen Zentren. Die Bildhauer sind in den Sockelleisten des Frieses verzeichnet und stammten, so weit man noch entziffern kann, aus Athen und Pergamon. Die Wissenschaftler unterscheiden etwa 20 beteiligte Werkstätten; über die Dauer der Arbeiten haben sie keine Nachricht gefunden.

Aber Überraschungen gibt es auch bei einem scheinbar so bekannten Bauwerk: Bei Recherchen vor Ort fanden Kästner & Co im Schutt zwei Steine mit Gigantennamen. „Porphyrion“, einen Hauptgegner von Zeus, konnten sie sogar in den Fries einpassen.

Der zweite ist ein völlig unbekannter Gigant, ein Nobody in der Mythologie. Das verwundert Volker Kästner überhaupt nicht: „Die Steinmetze mußten doch einiges anstellen, um die Zahl der Giganten so zu erhöhen, daß es für 120 Meter Fries ausreichte. Auch die Zahl der Götter geht ja weit über den olympischen Pantheon hinaus. Da sind Lokalgötter dabei, Gestirns- und Wassergötter. Man mußte ja irgendwie das Personal zusammenbekommen.“

Michael Zick

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