Craig Venter – Der Antreiber - wissenschaft.de
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Craig Venter – Der Antreiber

„Der Elan eines Amerikaners zwingt die Genetiker weltweit zu Höchstleistungen. Den „erstaunlichsten Molekularbiologen der Welt“ nannte ihn die New York Times. Sein Motto: „Ich will große Forschung. Große Forschung erfordert großes Geld – und dafür muß man etwas riskieren.“

Wenn man bei Craig Venter einen Termin hat, muß man zunächst einmal warten. So erging es mir bei meinem ersten Besuch im Mai 1999 und auch ein halbes Jahr später, als ich den Genforscher erneut in seinem Institut in Rockville, ein paar Kilometer nördlich von Washington, besuchte. Besucher und Mitarbeiter geben sich die Klinke in die Hand. Schließlich ist er nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Geschäftsführer von Celera Genomics, einem Unternehmen, das er 1998 zusammen mit der Biotech-Firma Perkin-Elmer gründete.

Celera Genomics liegt umgeben von alten Bäumen am Stadtrand von Rockville. Mitten im Forschungsbetrieb wird noch gebaut, Handwerker diskutieren in der Empfangshalle, nervöse Bewerber warten auf ihr Vorstellungsgespräch. Arbeitskräfte scheinen Mangelware zu sein: Auf einem Plakat bietet die Personalabteilung jedem Mitarbeiter 1000 Dollar, der einen neuen Kollegen vermittelt. Auch in Venters – immer noch provisorischem – Büro herrscht rege Aktivität. Ich warte an einem Tisch, als Lektüre liegt neben Fachzeitschriften das Wallstreet Journal aus. Hinter einer Glaswand debattiert der Chef mit Besuchern. An der Wand im Vorraum hängen Plaketten und Urkunden von Ehrungen für Venter.

Nach halbstündigem Warten ist er schließlich frei. Der 52jährige macht auch am späten Nachmittag noch einen frischen Eindruck. Seine Kleidung ist nicht die eines Geschäftsmannes: kein Anzug, keine Krawatte. Er ist leger angezogen, aber was er trägt, ist vom Feinsten.

Venter spricht ruhig und überlegt; nur selten scheinen Emotionen durch. Er ist deutlich entspannter als bei unserem ersten Gespräch ein halbes Jahr zuvor. Damals war Celera Genomics noch eine große Baustelle, keine Geräte in den Laborräumen und nur Kabel, wo heute ein Superrechner steht. Ein gutes Jahr blieb dem Institut damals noch, um seine erste große Aufgabe zu erfüllen: die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts bis zum Frühjahr 2000. Das zumindest hatte Venter im Mai 1998 versprochen.

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Damit forderte er die geballte staatliche Forschungsmacht des Human Genome Project (HGP) heraus. 1989 hatte der amerikanische Kongreß die Gelder für die Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes bewilligt. Seitdem arbeiten drei amerikanische Forschungsinstitute unter der Leitung des National Institute of Health (NIH), das britische Sanger-Center und – in bescheidenem Umfang – auch Labors in Japan und Deutschland an dieser herkulischen Aufgabe: Drei Milliarden Bausteine des Genoms müssen erkannt und in der richtigen Reihenfolge wiedergegeben werden.

Als Celera 1998 die Bühne betrat, hatten Tausende von Wissenschaftlern, Technikern und Laboranten in den staatlichen Forschungsstätten immerhin schon sieben Prozent des Erbgutes enträtselt und dafür zwei Milliarden Mark ausgegeben. Mindestens weitere fünf Jahre und weitere zwei Milliarden Mark, so die Planung, sollte es noch bis zum Ende des Projekts dauern. Da kam ein Konkurrent wie Venter ungelegen. Besonders bitter schmeckte dem staatlichen HGP-Konsortium, daß Venter diese Aufgabe in ein bis zwei Jahren und zu einem Zehntel der Kosten schaffen wollte.

Vielleicht hegte Venter anfangs selbst Zweifel. Aber bei meinem zweiten Besuch im Oktober war er deutlich entspannter: Celera hatte gerade seine Generalprobe für die Entzifferung des menschlichen Genoms bestanden. Einem 40köpfigen Team war es innerhalb weniger Monate gelungen, das Erbgut der Fruchtfliege Drosophila vollständig zu dekodieren – das größte Genom, das bislang entschlüsselt wurde. „Dieses Ergebnis hat die Meinung vieler geändert, die geglaubt haben, wir könnten es nicht schaffen“, sagt Venter zufrieden. Sein Vorhaben ist damit zu einer echten Bedrohung für das staatliche Programm geworden – auch wenn er nicht müde wird zu betonen, daß es ihm nicht um Konfrontation gehe. Doch Triumph spielt schon mit, wenn er – betont nachsichtig – von seinen Kollegen in den staatlichen Labors spricht. Er weiß, wovon die Rede ist. Schließlich hat er über zehn Jahre lang am NIH in Washington gearbeitet. Dort erwarb er sich den Ruf eines Mannes, der ungewöhnliche Wege geht – und damit auch Erfolg hat. „Ich hätte ohne weiteres beim Staat bleiben und gute Forschung liefern können“, erzählt Venter. „Doch ich wollte große Forschung. Große Forschung aber erfordert großes Geld – und dafür muß man etwas riskieren.“ Mit 70 Millionen Dollar Wagniskapital und 2000 Dollar eigenem Geld gründete er 1992 TIGR, sein erstes Forschungsinstitut. TIGR steht für „The Institute of Genomic Research“, das Firmenemblem ist ein Tiger, der seine Pranken in ein DNA-Molekül schlägt – ein Symbol für zupackende Forschung. Mit dabei war auch seine Frau Claire Fraser, eine Molekularbiologin, mit der Venter seit 18 Jahren verheiratet ist. Heute leitet sie das TIGR.

1995 schlug TIGR zum ersten Mal zu. Zusammen mit dem Nobelpreisträger Hamilton O. Smith entschlüsselte Venter in knapp einem Jahr das Erbgut des Influenza-Bakteriums und gab damit den Genforschern die erste vollständige genetische Blaupause eines Lebewesens in die Hand. Das Magazin Science druckte die Sequenz im Juli 1995 ab – eine Buchstabenfolge von vier Seiten. Schon hier war Venter schneller als die staatliche Forschungsbürokratie: Vor Beginn des Projekts hatte TIGR beim NIH Forschungsgelder beantragt. Die Antwort kam nach Monaten: Antrag abgelehnt, da keine Aussichten auf Erfolg bestünden. Die Forscher kümmerte es nicht mehr. Sie waren nahezu fertig.

Seitdem macht Venter Schlagzeilen. Weltweit sind bislang etwa 6500 Artikel über ihn erschienen. Meine Frage, ob er die Publizität genieße, verneint er. Aber er weiß um die Bedeutung der Medien für seine Arbeit und versteht es, routiniert mit ihnen umzugehen. Journalisten bezeichnen ihn als Pionier und Genjäger, aber wegen seiner gekonnten Selbstdarstellung auch als Showmaster – und als Frankenstein. Den Namen verdiente er sich, weil er plant, ein Lebewesen komplett neu zu schaffen und dabei zu testen, wie viele und welche Gene dazu mindestens nötig sind. Das New York Times Magazine brachte ihn aufs Titelbild und nannte ihn den „erstaunlichsten Molekularbiologen der Welt“. Im Januar 1999 stellte ihn eine große amerikanische Sonntagszeitung gar in eine Reihe mit Kopernikus, Galileo, Newton und Einstein.

Nichts hatte auf eine solche Karriere hingedeutet: Craig Venter war ein disziplinloser Schüler, der Lehrer und Eltern zur Verzweiflung trieb. Nach Abschluß der Oberschule verließ er 1964 seine Heimatstadt San Francisco und zog nach Südkalifornien. Es war die Zeit der „Beach Boys“, und Venter verbrachte seine Zeit mit Segeln und Surfen. 1967 kam dann der jähe Einschnitt: Im Alter von 21 Jahren wurde er nach Vietnam einberufen. Er war Sanitäter und mußte erleben, wie Tausende von Gleichaltrigen starben oder zum Krüppel wurden. Seitdem verschenkt er keine Zeit mehr. „Wenn man jung ist, hält man sich für unsterblich“, sagt Venter. „Vietnam hat mir dieses Gefühl genommen. Zeit ist kostbar, und ich will in dieser Zeitspanne so viel erreichen wie möglich.“ Aus gutem Grund heißt das Institut Celera Genomics. Celeris ist lateinisch und bedeutet „schnell, eilig“. „Craig Venter ist ein ungeduldiger und fordernder Mensch“, meint Paul Gilman, Strategiemanager bei Celera. Venter hatte ihn quasi über Nacht von der Academy of Science abgeworben. Venters Ungeduld mag auch mit seinen Erfahrungen als Forscher zu tun haben. Zehn Jahre benötigte er, um sein erstes Gen quasi „per Hand“ zu entschlüsseln. So hätten die Forscher Jahrhunderte gebraucht, um das menschliche Erbgut zu verstehen. Das änderte sich, als Mitte der achtziger Jahre der Biologe Leroy Hood vom Caltech die Sequenzier-Maschine entwickelte. Mittels Laser und Computer konnte ein Wissenschaftler Gene 60mal schneller untersuchen.

Venter war am NIH der erste, der diese Geräte einsetzte. In nur zwei Jahren fand er damit acht neue Gene. Damals wurde ihm klar, daß automatische Verfahren den Schlüssel zum Erbgut liefern würden. Seitdem stehen in Venters Labors stets die leistungsstärksten Rechner und die schnellsten Sequenzier-Geräte. Bis 1994 fand Venters TIGR-Team allein 35000 Gene. „Dieser Kerl arbeitet mit unglaublicher Geschwindigkeit und läßt jeden hinter sich“, hatte sich Smith noch gewundert – ehe er in Venters Lager wechselte.

Hochwertige Maschinen erfordern viel Geld. Venter hat es, denn die Anleger vertrauen seinen Fähigkeiten. 70 Millionen Dollar standen ihm bei der Gründung von TIGR zur Verfügung. Bei Celera brachte Perkin-Elmer als Hauptpartner 320 Millionen ein. Doch der Preis dafür kann hoch sein: „Gerade in der Biotech-Industrie ist eine Methode sehr verbreitet, die ich das Gottesanbeterin-Syndrom nenne“, meint Venter. Die Weibchen dieser Insektenart sind dafür bekannt, daß sie nach dem Geschlechtsakt den Kopf des Männchens abbeißen. Das, so Venter, passiere auch in Biotech-Firmen: „Sie beißen den Kopf des Wissenschaftlers ab, der sie ursprünglich in Gang brachte.“

Auch Venter zahlte bei seiner ersten Unternehmung Lehrgeld: Zusätzlich zum reinen Forschungsinstitut TIGR gründeten seine Geldgeber ein zweites Unternehmen – Human Genome Sciences (HGS). Dieses sollte einen Teil von TIGRs Forschungsergebnissen vermarkten und so Geld bringen. „Bei der Vertragsunterzeichnung“, erinnert sich Venter, „hatte ich das Gefühl, ich würde einen Pakt mit dem Teufel schließen.“ Schon bald lernte der Forscher, daß „ Investoren lügen können“. Die HGS war nicht mit einem Teil zufrieden. Sie wollte alles. Ihr Direktor schickte sich an, dem Gründer den Kopf abzubeißen. Nach einer „unangenehmen und schmerzlichen Zeit“ löste Venter die Partnerschaft – zu einem hohen Preis: Er verzichtete auf 38 Millionen Dollar Forderungen TIGRs an den ehemaligen Partner. Heute ist das Institut wieder unabhängig.

Ist Venter nun Geschäftsmann oder Wissenschaftler? Seine Gegenspieler werfen ihm vor, er sei nur auf Geld aus. Arthur Caplan, einer der führenden amerikanischen Bioethiker, ist anderer Meinung. Er sitzt im wissenschaftlichen Beirat von Celera und kennt Venter seit Jahren: „Craig ist vor allem Wissenschaftler“, sagt er. „Es freut ihn, sich als Autor eines wissenschaftlichen Artikels zu sehen, nicht aber als Aktienbesitzer.“

Venter selbst sagt, es gehe ihm nicht ums Geld. Ohnehin ist er bereits ein reicher Mann. Der Verkauf seiner HGS-Aktien brachte ihm vor einigen Jahren neun Millionen Dollar (heute sind sie das Dreifache wert). Im Hafen liegt seine Hochsee-Yacht Scorcerer, 27 Meter lang. Ein Modell davon steht in seinem Büro. Viel Zeit zum Segeln hat er allerdings nicht, auch nicht zum Geldausgeben – bei einer Arbeitswoche von 80 und mehr Stunden.

Venter selbst versteht sich als „Organisator von Forschung“. „ Geschäftsleute“, so meint er, „verbringen die meiste Zeit damit, Geld aufzubringen. Meine Arbeit besteht darin, wissenschaftliche Ziele festzulegen.“ Im Laufe des Jahres hat sich bei Celera Genomics die Zahl der Beschäftigten auf mehr als 300 verdreifacht. Perkin-Elmer hat 300 Sequenzier-Maschinen geliefert, und in einem abgesicherten Trakt arbeitet einer der größten Superrechner der Welt. Er verarbeitet die immensen Datenmengen, die bei der Analyse der Gensequenzen anfallen. Auch die Kunden nutzen den Rechner, denn „Celera ist eine Internet-Firma“: Das entschlüsselte Erbgut wird in Datenbanken gespeichert, auf die der Kunde über das Internet zugreifen kann. Den Zugang muß er kostenpflichtig abonnieren. „Die Kenntnis des Erbguts wird die Forschung enorm vorantreiben“, sagt Venter voraus. „Derjenige Wissenschaftler wird im Wettbewerbsvorteil sein, der zuerst über diese Informationen verfügt.“ Eine Reihe von Firmen und Universitäten sehen das genauso: Bis zum Herbst 1999 hatten sie bereits 100 Millionen Dollar an Beiträgen bezahlt. Damit aber nicht nur die Krämerseele triumphiert, legt Celeras Leiter die Preise durchaus politisch fest. „ Pharmazeutische Unternehmen zahlen mindestens fünf Millionen Dollar pro Jahr“, erklärt Venter, „Universitäten und Forschungsinstitute nur zwischen 5000 und 20000 Dollar.“ Kaum jemand glaubt noch, daß Venter mit seinem ehrgeizigen Vorhaben scheitern könnte. Die Erfolgsbilanz spricht für ihn: Bislang hat sein Team das Genom von elf Tierarten entschlüsselt, von genauso vielen wie alle anderen weltweit zusammen. Besonders stolz ist der Forscher darauf, daß die Analyse des Drosophila-Erbguts so genau war. Bei einem Vergleich mit Teilsequenzen des Genoms, die aus einem Labor in Berkeley stammen, gab es bei 22 Millionen Bausteinen nur eine einzige Abweichung. Das nimmt den Kritikern den Wind aus den Segeln, die Venter vorwerfen, seine Methode führte zu ungenauen Ergebnissen.

Venter treibt die Meute der Forscher vor sich her. Jeder richtet sich nach seiner Zeit: Das staatliche Forschungskonsortium erhielt jüngst 200 nagelneue Sequenzier-Maschinen, zum Stückpreis von 300000 Dollar. Der Lieferant ist Perkin-Elmer, Venters Partner. Das freut ihn – liefert er seinen Kontrahenten doch jetzt sogar die Werkzeuge, damit sie mit ihm konkurrieren können. Zudem haben die staatlichen Forscher ihre Strategie gründlich umgekrempelt: Vor Venter wollen sie einen „Entwurf“ des menschlichen Erbguts vorlegen. So könnten die Leiter des HGP immerhin sagen, daß Celera sie nicht geschlagen habe, lächelt Venter maliziös. Ansonsten lasse sich mit einer solchen Erbgutskizze nicht viel anfangen: „Man hat entweder eine vollständige oder eine unvollständige Sequenz. Unser Ziel bleibt die vollständige Sequenz, und zwar so schnell wie möglich.“

Inzwischen bin ich schon dreimal länger bei Venter als vereinbart, und im Vorraum warten ungeduldig die nächsten Gesprächspartner. Aber zwei Fragen habe ich noch: Wenn es nicht das Geld ist, was treibt ihn an, möchte ich wissen. „Die einmalige Chance, etwas zu schaffen“, sagt Venter. „Ich finde es großartig, morgens mit dem Gefühl aufzustehen, daß ich an etwas arbeite, das einen wirklichen Einfluß auf das Leben der Menschen haben wird.“ Viele seiner Kollegen, selbst Kritiker, sind überzeugt, daß Venter den Nobelpreis erhalten wird. Arthur Caplan hat da „keinerlei Zweifel“. Niemand habe mehr Gene entschlüsselt als Venter, sagt er, und jeder benutze heute seine Verfahren. Der Genforscher selbst reagiert genervt auf diese Frage: „Ich bemühe mich, die Art von hochwertiger Wissenschaft zu betreiben, die man eines Tages vielleicht als nobelpreiswürdig bezeichnet“, sagt er schließlich. „Doch das ist mein Standard, nicht mein Ziel.“ Und er fügt hinzu: „Ich würde jedenfalls keinen Pakt mit dem Teufel eingehen, um den Nobelpreis zu erhalten.“

Heinz Horeis / Craig Venter

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