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Allgemein

Das Alter an den Knochen ablesen

Haben deutsche Behörden Bedenken, können sie eine Röntgenuntersuchung anordnen. In Österreich ist eine forensische Altersschätzung vorgeschrieben, wenn Zweifel über die Minderjährigkeit eines Zuwanderers bestehen. Zwischen 2011 und 2014 untersuchte der zertifizierte Gutachter und Allgemeinarzt Ernst Rudolf in Österreich aus diesem Grund insgesamt 699 Menschen. Seiner Prüfung zufolge waren fast alle – 690 Zuwanderer – im Mittel 2,6 Jahre älter als behauptet.

Ähnliches berichten die Sachverständigen hierzulande: Bei 2962 angeblich minderjährigen Flüchtlingen hatten die Hamburger Behörden bei einem Drittel Zweifel. 73 Prozent davon waren älter als 18, ergaben die Analysen der Forensiker. „Ich erinnere mich nur an einen einzigen umgekehrten Fall: Ein Mädchen aus Eritrea gab sein Alter höher an – um arbeiten und Geld nach Hause schicken zu können“, berichtet der Rechtsmediziner ­Andreas Schmeling von der Universitätsklinik Münster, der Hunderte von Flüchtlingen begutachtet hat. Es hat den Anschein, als würden sich Zuwanderer meist als jünger ausgeben, um sich ein Bleiberecht zu erschleichen.

Besser eine Münze werfen

Doch so einfach ist das Ganze nicht. In den letzten 20 Jahren verkündete der Deutsche Ärztetag – die Hauptversammlung der Bundesärztekammer – gleich fünf Mal, dass die forensische Altersschätzung ungenau sei. Sie könne um bis zu zwei Jahre vom tatsächlichen Alter abweichen. Das Fazit der Ärzteschaft: Die bisherigen Methoden sind abzulehnen. Auch der Kinderarzt Tim Cole vom Londoner University College, der sich auf die Beurteilung von kindlichem Körperwachstum spezialisiert hat, sagt: „Die Methoden sind so ungerecht, dass man besser eine Münze wirft, um eine Entscheidung zwischen ermitteltem und angegebenem ­Alter zu treffen.“

Unter den Experten tobt ein hochemotionaler Streit darüber, ob das Alter exakt genug bestimmt werden kann. Forensiker sind davon überzeugt, Skeptiker widersprechen. Beide Lager streiten dabei nicht nur über die wissenschaftliche Datenlage, sondern auch darüber, wer Gerichtsgutachten verfasst und das Honorar dafür einstreicht. Bei dem Streit geht es also auch ums liebe Geld.

Thomas Nowotny, ein Kinderarzt in Stephanskirchen, ist ein prominenter Gegner der medizinischen Altersschätzung: Damit lasse sich das wahre Alter nur grob schätzen, schreiben er und zwei seiner Kollegen im Deutschen Ärzteblatt vom Mai 2014. Und: „Für die betroffenen Jugendlichen können umstrittene radiologische Verfahren der Altersdiagnostik dramatische Folgen haben.“ Ihnen droht mitunter die Abschiebung. Auch Makeba muss damit rechnen.

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Mit Röntgen das Alter bestimmen

Die Methoden, das Alter eines Menschen zu bestimmen, sind nicht neu. Zum Beispiel die Röntgenaufnahme des linken Handskeletts: Sie geht auf Forschungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück. 1930 veröffentlichten die Mediziner William Greulich und Idell Pyle einen Atlas mit Handknochenaufnahmen von Kindern der Unter- und Oberschicht aus den USA. Damit bildeten sie das Knochenwachstum in verschiedenen Altersstadien ab: Nach der Geburt bestehen die Knochen der Handwurzel vor allem aus Knorpel. Sie verknöchern bei Mädchen bis etwa zum 14. und bei Jungen bis etwa zum 16. Lebensjahr. Auch die Knöchelchen zwischen den Fingergliedern reifen bis dahin aus. Ist an einem Handskelett diese Entwicklung noch nicht abgeschlossen, gilt die Person als minderjährig.

Auch der Fußballverband FIFA nutzt einen solchen Test, um das Alter von ­Juniorenspielern zu prüfen. Das Verfahren dient dort vor allem zur Abschreckung von möglichen Betrügern: Bei Einführung des Tests 2007 zeigte sich, dass bei etlichen Profis das Handgelenk ausgereifter war als bei Vergleichspersonen desselben Alters – damit war klar, dass die Spieler ein falsches Alter angegeben hatten. Schon 2009 gab es weniger solche Fälle.

Dennoch reicht die Methode nicht aus, um einzelne Spieler des Betrugs
zu überführen. Denn Mediziner können nicht ausschließen, dass in Einzelfällen die Handknochen schneller wachsen als gewöhnlich. Zudem, so Greulich und Pyle, hängt der Reifegrad vom finanziellen und gesellschaftlichen Status eines Menschen ab. Bei Kindern ärme­rer Familien etwa wachsen die Handknochen langsamer, weil die Ernährung schlechter ist.

Aussagekräftig genug?

Viele der untersuchten Flüchtlinge sind wie Makeba nur knapp unter oder über 18 Jahre alt, sodass eine Röntgenaufnahme der Hand nicht weiterhilft – bei Frauen sind die Handknochen ja bereits mit etwa 14 Jahren verknöchert. In diesen Fällen rät die Arbeitsgemeinschaft für Forensische Altersdiagnostik, das Schlüsselbein im Computertomografen zu röntgen. Dieser Knochen verfestigt sich als einer der Letzten im menschlichen Körper. Das Verfahren wurde an verschiedenen Bevölkerungsgruppen getestet – an Indern, Ghanaern und vor ­allem an Mitteleuropäern.

„Es ist in einer Vielzahl von Erhebungen bestätigt worden“, sagt Schmeling, der diese Methode selbst anwendet. Nowotny hingegen hält das Verfahren nicht für aussagekräftig genug, da bei einigen Ethnien die Probandenzahl in bestimmten Altersklassen zu gering gewesen sei. Der Arzt nennt das Beispiel eines jungen Somalis, dessen Alter anhand des Schlüsselbeins geschätzt wurde – basierend auf den Vergleichsdaten von 24 Männern, von denen nur zwei minderjährig waren. Nowotny: „Es gibt enorme individuelle Unterschiede in der Knochen- und Zahnentwicklung. Die Volljährigkeit ist so nicht beweisbar.“

 

Weiterlesen

Teil I Sag mir erst, wie alt du bist

Teil II Das Alter an den Knochen ablesen (Sie sind hier)

Teil III Von Irrtümern und Fehlurteilen

Teil IV Was die Psyche verrät

Der Beitrag ist in bild der wissenschaft 10/2016 erschienen.

© wissenschaft.de – Susanne Donner
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