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Das Deutschland-Projekt

Die Bundesrepublik braucht einen Nationalatlas, sagt Prof. Alois Mayr, Direktor des Instituts für Länderkunde in Leipzig. Ein ungewöhnliches Management soll zum Erfolg verhelfen.

bild der wissenschaft: Warum ist ein Nationalatlas wichtig, Herr Prof. Mayr?

Mayr: Mehr als 80 Länder dieser Erde leisten sich einen Nationalatlas, also ein Werk, in dem naturräumliche Grundlagen sowie Aussagen über Staat, Wirtschaft und Gesellschaft im Kartenüberblick vermittelt werden. Ein solches Werk ist Dokumentation, Information und Repräsentation in einem.

bild der wissenschaft: Sind große Atlanten nicht ein Auslaufmodell? Über elektronische Medien lassen sich Karten leichter transportieren, und vor allem sind sie besser auf dem laufenden zu halten.

Mayr: Natürlich muß sich ein Atlas auf neue Medien hinentwickeln. Dennoch legen auch heute viele Länder ihre Nationalatlanten neu auf, weil sie sich nach innen wie nach außen präsentieren wollen. Der französische Staatspräsident läßt bei Staatsbesuchen einen Satz von Nationalatlanten mitführen, die er zu Repräsentationszwecken verschenkt. Er erweckt dadurch nicht nur Interesse für sein Land, sondern auch Verständnis für die Zusammenhänge, Strukturen und Probleme Frankreichs. Bundeskanzler Helmut Kohl, den wir als Schirmherr für den geplanten deutschen Nationalatlas gewonnen haben, denkt ähnlich.

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bild der wissenschaft: Und was hat der Bundesbürger davon?

Mayr: Traditionelle Nationalatlanten waren geographisch-kartographische Enzyklopädien, die alle denkbaren Karten zum Inhalt hatten und oft sehr speziell waren. Wir gehen anders vor. Als unserem Institut für Länderkunde 1995 die Herausgabe des Werkes übertragen wurde, haben wir beschlossen, daß sich der Atlas auf die Zeit ab 1990 konzentrieren soll und ausgewählte naturräumliche und gesellschaftliche Zusammenhänge oder Probleme darstellt. Insgesamt denken wir an zwölf Bände.

bild der wissenschaft: Wer entscheidet über die Aufnahme der Themen?

Mayr: Dafür sind wir als Herausgeber verantwortlich sowie eine Atlas-Konzeptkommission, in der außer unserem Institut auch Vertreter der drei ideell tätigen Trägerverbände sitzen. Wir wollen zu einem vermittelnden Stil beitragen – wissenschaftlich orientiert, aber auf allgemeinverständlicher Grundlage. Der Atlas ist deshalb weniger für Fachleute konzipiert als für ein Publikum aus dem gebildeten Bürgertum.

bild der wissenschaft: Zeitgemäßen Produkteinführungen eilen Marktanalysen voraus. Haben Sie die gemacht?

Mayr: Uns stehen Erfahrungswerte aus vergleichbaren Produkten in den Niederlanden und Schweden zur Verfügung. Für umfassende Marktanalysen, die bis zu drei Millionen Mark kosten würden, fehlen uns die Mittel. Eine Verkaufsauflage von 10000 ist aber das mindeste, was wir erreichen müssen. Ideal wäre eine verkaufte Auflage von rund 25000 Exemplaren. Immerhin wurden die ersten Bände der schwedischen Nationalatlanten mehr als 30000 mal verkauft – und das in einem Land mit zwölfmal weniger Einwohnern als Deutschland hat.

bild der wissenschaft: Haben Sie schon einen Verlag?

Mayr: Mit vier Verlagen führen wir derzeit Gespräche.

bild der wissenschaft: Der Pilotband für das geplante Atlaswerk liegt seit einigen Monaten vor. Er zeigt beispielhaft, wie ein deutscher Nationalatlas aussehen könnte. Welche Resonanz gibt es darauf?

Mayr: Da der Gedanke eines Nationalatlas in Deutschland wenig bekannt ist, mußten wir erst einmal mit einem Produkt auf den Markt gehen, das zeigt, welche Informationen gewonnen werden können. Denn wir werden weder Geldgeber noch Autoren noch einen Verlag finden, wenn wir nicht überzeugend zeigen, wie interessant ein Nationalatlas sein kann. Von dem Pilotband wurden 1500 Exemplare hergestellt, die restlos vergriffen sind. 200 davon gingen an ausgewählte Multiplikatoren und potentielle Geldgeber, der Rest wurde verkauft. Die Resonanz ist durchweg positiv.

bild der wissenschaft: Auch bei Geldgebern, die Sie zur Vorfinanzierung brauchen?

Mayr: Wir müssen die Finanzierung in der Tat unkonventionell angehen. Da unser Institut von der Bundesrepublik Deutschland und dem Freistaat Sachsen grundfinanziert wird, gibt es für das Projekt so gut wie keine öffentlichen Mittel. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sieht sich ebenfalls außerstande, das Werk in größerem Umfang zu unterstützen – offenbar weil sie bei früheren Atlasprojekten schlechte Erfahrungen gemacht hat. Zudem stellt die DFG die Wissenschaftlichkeit unserer Konzeption in Frage, weil wir uns angeblich zu sehr auf ein populärwissenschaftliches Niveau herablassen und beispielsweise nicht mit Fußnoten arbeiten. Wir müssen also Klinken putzen gehen.

bild der wissenschaft: Ein höchst ungewöhnliches Vorhaben für deutsche Wissenschaftler.

Mayr: Am Anfang waren wir auch nicht besonders erfolgreich, sehen jetzt aber den ersten Silberstreifen am Horizont…

bild der wissenschaft: …über den Sie natürlich nichts Genaues sagen wollen…

Mayr: …aber wir sind inzwischen ziemlich sicher, daß wir eine unorthodoxe Finanzierung auf die Beine stellen werden. Dazu gehört, daß die Autoren und Mitarbeiter auf das Honorar verzichten, daß Stiftungen und andere Einrichtungen uns Mittel geben und daß der Verlag mit ins Obligo geht.

bild der wissenschaft: Wann soll der erste Band erscheinen?

Mayr: 1999. Danach wollen wir pro Jahr zwei Bände herausbringen.

bild der wissenschaft: Gänzlich auf Elektronik verzichten wollen Sie nicht. Neben der Printversion soll es auch eine CD-ROM-Ausgabe geben.

Mayr: Beide Editionen sind unterschiedliche Produkte und werden sich ergänzen. Ein schlicht eingescannter Atlas wäre ein Unding. Den aus einem Druckwerk zu gewinnenden Überblick kann ein Computerbildschirm nicht liefern. Andersherum enthält ein Atlas weit weniger weiterführende Informationen als eine elektronische Darstellungsform. So umfaßt das von uns exemplarisch aufgearbeitete Thema „Großschutzgebiete“ im Pilotatlas vier Kartenseiten, auf der Pilot-CD-ROM aber 700 Bildschirmseiten. Das erfordert Aufwand und offenbart, daß ein elektronischer Atlas nicht billiger zu produzieren ist als ein aufwendiges Druckwerk. Beide Produkte sollen separat oder zusammen erworben werden können.

bild der wissenschaft: Was soll der Atlas kosten?

Mayr: Wir denken, daß der Atlasband etwa 80 Mark kosten darf, die CD-ROM knapp 50 Mark, beide Produkte zusammen würden wir gerne für etwa 100 Mark abgeben. Das letzte Wort hat natürlich der Verlag.

bild der wissenschaft: Ein Nationalatlas ist eines der wenigen Beispiele, für das die Öffentlichkeit den Geographen ein hohes Maß an Kompetenz einzuräumen bereit wäre. Warum hat Ihr Berufsstand an der gesellschaftlichen Diskussion so wenig Anteil?

Mayr: Geographen haben es versäumt, sich dort Gehör zu verschaffen, wo sie originär etwas zu sagen haben. Viele Kollegen haben sich unter der Last der Lehrverpflichtungen und Forschungsaktivitäten aus der öffentlichen Diskussion verabschiedet. Dabei könnte ein Fach, das sich mit den Organisationsformen im Raum sowie den Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Umwelt befaßt, viel beitragen. In den Niederlanden, in Frankreich, erst recht in den USA hat die Geographie ein anderes Ansehen. Dort sind Geographen in politische Funktionen und Ämter hinein-gewachsen. Der WWF-Präsident in den Niederlanden ist Geograph und hat eine Menge bewegt, zwei Geographen sind dort lange Minister gewesen, die gesamte Raumplanung wird dort von Geographen dominiert. In den USA gibt es ein National Education Program, das zur Renaissance der Geographie im öffentlichen Image geführt hat. Im Osten Europas gibt es eine Reihe von Akademien der Wissenschaften mit eigenen geographischen Instituten. Wir dagegen sind das einzige außeruniversitäre geographische Institut in Deutschland.

bild der wissenschaft: Wie lange kann sich die Geographie noch als eigenständiges Schulfach halten?

Mayr: Wenn wir es nicht schaffen, eine Aufbruchstimmung zu erzeugen, dürften wir bald mit der Existenzfrage „Was leistet die Geographie für die Allgemeinheit“ konfrontiert werden. Von da ist es nicht mehr weit zur Frage, ob sich die öffentliche Finanzierung als Schulfach und als Hochschuldisziplin noch lohnt. Uns bleibt nicht viel Zeit nachzuweisen, welche Leistungen wir erbringen und welche Erkenntnisse die Gesellschaft daraus ziehen kann. Je praxisorientierter, konkreter und allgemeinverständlicher wir uns geben, desto präsenter sind wir in der Zukunft.

bild der wissenschaft: Was ist zu tun?

Mayr: Die Globalisierungsdebatte bietet eine große Chance. Sie verändert die Welt, steigert aber andererseits auch den Stellenwert von Regionalem und Lokalem. Hier die Beziehungen, die Abläufe und die Zusammenhänge herauszuarbeiten und Probleme lösen helfen, ist eine aktuelle Herausforderung. Schließlich ist die Geographie eine Disziplin, die unser Weltverständnis entscheidend mitprägt.

Alois Mayr (Jahrgang 1938) ist nach wissenschaftlichen Stationen in Bochum und Münster seit 1994 Direktor des Instituts für Länderkunde in Leipzig und Professor für Regionale Geographie und Raumordnung an der Universität Leipzig. Das Institut für Länderkunde geht auf eine Gründung von 1896 zurück, hat fünfmal seinen Namen gewechselt und wurde sowohl im Dritten Reich als auch zu DDR-Zeiten den staatlichen Systemen dienstbar gemacht. Gegenwärtig hat das Institut 35 festangestellte Mitarbeiter – darunter 18 Wissenschaftler – und ist Mitglied der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz.

Wolfgang Hess / Alois Mayr

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