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Allgemein

Das digitale Bewußtsein

Auf dem Weg zum Elektronen-„Gehirn“´: Es ist durchaus denkbar, daß wir eines Tages Menschen bauen, die so etwas wie ein Bewußtsein haben, meint der Ulmer Mathematiker und Roboter-Experte Prof. Franz Josef Radermacher.

Franz J. Radermacher Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler, leitet das Forschungsinstitut für angewandte Wissensverarbeitung (FAW) in Ulm. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Entwicklung von Systemen mit künstlicher Intelligenz – aber er schätzt auch das Bewußtsein der Katzen hoch.

bild der wissenschaft: Herr Professor Radermacher, was bringt Sie auf die Idee, daß es möglich sein könnte, einen Computer zu bauen, der nicht nur schnell rechnet, sondern der auch ein Bewußtsein besitzt?

Radermacher: Dazu sollten wir zunächst einmal klären, was man unter Bewußtsein versteht. Für mich ist Bewußtsein ein übergeordneter Kontrollprozeß, mit dem ein System sein eigenes Verhalten beobachtet und beeinflußt. Das tut das menschliche Gehirn, aber so etwas ist durchaus auch bei einem Computer möglich.

bild der wissenschaft: Biologen weisen auf die ungeheuere Zahl von Nervenzellen und Verschaltungen im Gehirn hin und auf seinen evolutionär gewachsenen Aufbau: Stamm- und Kleinhirn, die verantwortlich sind für die körperlichen Funktionen, für Triebe und Reflexe, darüber das Großhirn, in dessen Windungen ein Mensch sich erst seiner selbst bewußt wird. Kann man das nachbauen? Oder ist auch ein anderer Weg zum Bewußtsein denkbar?

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Radermacher: Wer darauf besteht, Bewußtsein mit bestimmten Hirnarealen und bestimmten Verschaltungen zu verbinden, der wird einer alternativen Lösung den Namen „Bewußtsein“ nicht zuerkennen. Ein anderer faßt den Begriff weiter. Hat die Katze ein Bewußtsein? Entwickelt die Menschheit als Superorganismus zur Zeit ein Bewußtsein von sich selbst? Oder, um es an einem anderen Beispiel zu verdeutlichen: Ist Fliegen nur das, was uns ein Adler vormacht? Oder fliegt nicht auch ein Jumbojet – auf eine ganz andere Art zwar, aber in gewisser Weise sogar leistungsfähiger?

bild der wissenschaft: Sie definieren Bewußtsein also völlig anders als die Hirn- und Verhaltensforscher?

Radermacher: Viele Biologen, aber auch viele Philosophen summieren unter ihrer Definition Dinge, die meiner Meinung nach vollkommen getrennt betrachtet werden sollten. Bewußtsein ist etwas anderes als Kreativität, Wille, Emotion, Intelligenz oder die Fähigkeit zur Informationsverarbeitung. Das alles gehört sicher zum Menschsein, macht aber nicht das Bewußtsein aus. Für mich hat ein System dann Bewußtsein, wenn es in der Lage ist, sich selbst zu beobachten, wenn es versucht, das eigene Verhalten zu verstehen und dann in Reaktion auf die Außenwelt, auf innere Zustände und vorherige Pläne in größerem Umfang selbständig aktiv wird, wenn es eigene Entscheidungen trifft und neue Absichten über eine längere Zeit verfolgt. Dieser Definition entsprechend sollte es möglich sein, Maschinen mit immer leistungsfähigeren bewußtseinsähnlichen Mechanismen zu bauen.

bild der wissenschaft: Ist dafür sensorische Wahrnehmung nötig, oder ist ein blinder und tauber Computer denkbar, der Informationen nur über Tastaturen und Datenbänder erhält, und der dennoch eine Vorstellung von sich selbst entwickelt?

Radermacher: Eine Maschine, die ihre Innnenwelt und Umwelt beobachten und in Reaktion darauf handeln soll, braucht entsprechende Sensoren und Aktoren. Die bekommt sie nicht ohne Sensoren. Sonst fehlt eine wichtige Dimension der eigenständigen Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit. Das bedeutet allerdings nicht, daß es die Art von Sensorik und Aktorik sein muß, die biologische Systeme haben. Ein Elektronengehirn hat zum Beispiel als Netzwerk-Controller seine eigenen Sensoren, um sich über sein „Biotop“ – die Datennetze – und seine inneren Zustände – etwa die Konfiguration des Betriebssystems – Informationen zu verschaffen. Es braucht dazu keine Kameras und Mikrofone als Ersatz für Augen und Ohren. Das ist alles viel zu menschenbezogen gedacht. Die Aktorik der Maschine besteht darin, die eigene Konfiguration oder das Leistungsprofil der Netze je nach Beanspruchung verändern zu können. Hier lassen sich bewußtseinsanaloge Mechanismen vorstellen, die aber wegen der ganz anderen, dem Menschen ungewohnten Umgebung auch sehr fremdartig wirken können.

bild der wissenschaft: Könnte das bedeuten, daß eine Maschine ein Bewußtsein, wie Sie es geschildert haben, entwickelt, ohne daß wir es bemerken?

Radermacher: Das hängt davon ab, ob man so eine Maschine prinzipell mit der Fähigkeit versehen hat, für sich selbst neue Konzepte und Modelle eigenständig zu entwickeln und entlang solcher Modelle unabhängig und selbständig zu handeln. In einem ersten Schritt haben wir derartige Möglichkeiten im Rahmen eines Roboter-Projektes mit dem Namen „Amos“ am FAW in Ulm bereits realisiert. Wir werden das weiter verfolgen und am Ende vielleicht ein technisches System haben, das im Prinzip Modelle von seiner Umwelt und sich selbst erstellt, die uns nicht bekannt sein müssen. Dann überrascht es uns möglicherweise irgendwann mit Kenntnissen und Fähigkeiten, von denen wir gar nicht die Absicht hatten, sie ihm zu verleihen. Dieser Prozeß wird dann übrigens nicht bei jedem Roboter mit den gleichen technischen Voraussetzungen in die gleiche Richtung laufen. Die individuelle Historie von Erfahrungen und Entscheidungen kann die jeweilige Entwicklung so beeinflussen, daß die Maschinen unterscheidbare „Persönlichkeiten“ werden.

bild der wissenschaft: „Ich kann mir vorstellen“, haben Sie einmal gesagt, „daß Maschinen künftig über prinzipiell ähnliche Entscheidungsspielräume verfügen können wie Menschen.“

Radermacher: Prinzipiell ja, aber nur in einer fernen Zukunft – und nur, wenn wir das wollen.

bild der wissenschaft: Wäre so eine Maschine mit ihrer überlegenen Rechenleistung und dem – in der zunehmend vernetzten Welt – unbegrenzten Zugang zu Informationen vom Menschen noch kontrollierbar?

Radermacher: Es geht im letzten oft ja nicht darum, wer besser oder schlechter ist, sondern wer die Macht hat. Wir werden als Menschheit hoffentlich vernünftig genug sein, die Entwicklung auf diesem Gebiet so voranzutreiben, daß wir jederzeit die Macht behalten, nicht weil wir unbedingt besser oder intelligenter wären, sondern einfach deshalb, weil wir wollen, daß es uns Menschen gut geht auf dieser Welt.

Franz Josef Radermacher

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