Das Dilemma der Flammen - wissenschaft.de
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Das Dilemma der Flammen

Heizen zwischen Notwendigkeit und Umweltschonung. Zivilisation ist in unseren Breiten nur denkbar, wenn sich die Menschen am Feuer wärmen können. Stürmischen Fortschritten in der Technik stehen unüberwindliche ökologische Fakten gegenüber. Wolfgang Kempkens, Leiter des Ressorts Technik und Innovation der Wochenzeitschrift „Wirtschaftswoche“, zum unabänderlichen Dilemma einer überlebensnotwendigen Kulturtechnik.

Zeus wußte, was er der Menschheit antat, als er ihr das Feuer wegnahm: Er entzog ihr die Lebensgrundlage. Damals, als die Sage von Prometheus entstand, heizten gewöhnliche und göttliche Griechen mit Holz, dem ersten Brennstoff, der auf dem Markt war. Heute, im Zeitalter des Erdgases, des Öls und der Fernwärme, hat brennendes Holz nichts von seiner Faszination eingebüßt. Auch bei mir zu Hause brennt fast an jedem Winterabend ein Holzfeuer, allerdings als Zusatzheizung. Die Wärme, die unser betagter Jugendstilofen abstrahlt, ist angenehmer als die der wenig sinnlichen Heizkörper.

Dieser Jugendstilofen mag vor 100 Jahren im Wohnzimmer eines höheren Beamten gestanden haben, damals galt er wahrscheinlich als Nonplusultra der Heiztechnik. Befeuert wurde er wohl nur an Sonn- und Feiertagen, wenn die Besitzer Zeit hatten, die gute Stube zu benutzen. Außerdem wäre es unbezahlbarer Luxus gewesen, ihn täglich in Gang zu halten. Brennstoff war teuer. Das Feuer im Küchenherd mußte reichen. Heute sind alle Zimmer wohltemperiert. Der Verbrauch an Brennstoffen ist in den letzten 50 Jahren explosionsartig angewachsen. Mittlerweile entfallen rund 37 Prozent des Energieverbrauchs in Deutschland auf die Gebäudeheizung. Auch wenn Braunkohlebriketts durch leichtes Heizöl und Anthrazitkohle durch Erdgas ersetzt worden sind – beides Brennstoffe, die erheblich weniger Emissionen verursachen als alle Arten von Kohle – , ist die Umweltbelastung gestiegen.

Die Bundesregierung versucht gegenzulenken mit – aus Sicht der Betroffenen – rigorosen, aus der Sicht von Umweltschützern zaghaften Vorschriften zum Energiesparen. Zum 1. Januar 1998 traten verschärfte Richtlinien in Kraft, die neue Kleinfeuerungsanlagen-Verordnung; damit entsprachen insgesamt 1,8 Millionen Gas- und Ölheizungen über Nacht nicht mehr den Normen. Sie haben einen zu geringen Wirkungsgrad und stoßen noch unnötig viel Schadstoffe aus. Es gibt allerdings komfortable Übergangsfristen, manch ein Kessel darf noch bis zum Jahr 2004 Energie verschwenden.

Diese Fristen werden viele nutzen, denn eine neue Anlage kostet schnell 10000 Mark und mehr – eine Investition, zu der man sich kaum freiwillig entschließt. Bei den niedrigen, vermutlich weiter sinkenden Energiepreisen wird sich ein neuer Kessel kaum amortisieren, obwohl er bis zu 30 Prozent weniger Brennstoff verbraucht. Für eine Wärmedämmung von Altbauten gilt das gleiche. Bis zu 500 Mark pro Quadratmeter zu investieren, lohnt einfach nicht, wenn man nur die betriebswirtschaftlichen Kosten sieht, also das Geld, das der Hausbesitzer selbst bezahlen muß.

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Volkswirtschaftlich sähe die Rechnung ganz anders aus: Emissionen schädigen die Gesundheit, verändern das Klima, zerstören Häuserfassaden, Brücken und Denkmäler. Die Schäden gehen Jahr für Jahr in die Milliarden. Grund genug, sie durch moderne Heizsysteme, eine intelligente Be- und Entlüftung sowie eine optimale Wärmedämmung zu reduzieren. Das Drei-Liter-Haus, also ein Haus, das pro Jahr und Quadratmeter nicht mehr als drei Liter Öl verbraucht, ist keine Utopie mehr.

Während für Niedrigenergiehäuser vor ein paar Jahren noch spezielle Heizanlagen benötigt wurden, besonders effektives Wärmedämmaterial oder einzeln gefertigte Isolierfenster, gibt es heute alles in Serie; das heißt: so kostengünstig, daß Neubauten nicht wesentlich teurer sind, wenn man sie auf minimalen Energieverbrauch trimmt. Brennwertkessel nutzen noch das letzte Quentchen Wärmeenergie, das im schon erkalteten Wasserdampf des Heizgases gespeichert ist.

Computergestützte Heizungssteuerungen fahren hochkomplizierte Zyklen und bringen weitere Einsparungen. Die Heizung regelt am Morgen auf die Tagtemperatur und reduziert ihre Leistung wieder, wenn die Familie schlafen geht. Gerade wenn der erste aufsteht, hat sich die Wunschtemperatur computergesteuert wieder eingependelt. „Aufheizoptimierung“ nennen das die Regelungsfachleute. Die Zeiten der schlichten Tag- und Nachtschaltung sind passé.

Heizen ohne alle Schadstoffe ist jedoch ein Traum, den auch ein paar Nullenergiehäuser nicht zerstören können. Die sind so teuer, daß sie nur mit üppigen Subventionen des Staates entstehen konnten. Dem Traum vom Heizen im geschlossenen Kreislauf relativ nahe kommen diejenigen, die auch körperliche Betätigung nicht abschreckt und auf Holzöfen setzen. Zumindest entsteht darin nicht mehr Kohlendioxid als zuvor der Luft entzogen wurde. Für die anderen Schadstoffe gilt das jedoch kaum, vor allem, wenn das Holz eher schwelt als brennt. Auch da könnte eine elektronische Steuerung der Luftzufuhr im Kachelofen Abhilfe schaffen. Weitere Annehmlichkeit: Das Gerät mahnt unaufmerksame Heizer, wenn der Brennstoff zur Neige geht.

Und wenn man die Sonne zum Heizen nutzt? Eine feine Sache, absolut sauber, doch schwierig zu handhaben. Wenn sie scheint, produziert sie Heizwärme, die gerade dann nur in geringer Menge benötigt wird. Eine Brücke könnten Wärmespeicher sein, die im Sommer aufgeheizt werden und ihre Energie im Winter allmählich wieder abgeben. Diverse Projekte wurden bereits realisiert. Doch sie haben einen Haken: Die Speicher müssen gigantisch groß sein. Ein Tüftler im Raum Aachen hat in seinem Keller rund ein Dutzend Kubikmeter Kalksandstein aufgetürmt, die von Sonnenkollektoren auf dem Dach aufgewärmt werden.

Obwohl das Haus optimal gedämmt ist, reicht die gespeicherte Wärme nur für ein paar Wochen. Realistischer ist da die Nutzung der Energie im Grundwasser oder der Erdwärme. Von einer Wärmepumpe auf ein höheres Temperaturniveau gebracht, reichen derartige Energiequellen zum Heizen.

Bevor solar produzierter Wasserstoff – wenn er überhaupt jemals kommt – schadstoffarm verbrannt werden kann, werden die Menschen in unseren Breiten ihr Überleben vor allem mit Öl- und Gasheizungen sichern müssen. Mit anderen Worten: Die Zivilisation läßt sich nur mit Schadstoffen sichern.

Aber es könnten sehr viel weniger sein, wenn nur die vielen veralteten Wärmeerzeuger durch solche ersetzt würden, die sich auf der Höhe der Zeit befinden. Trotz aller technischen Fortschritte der letzten Jahre: Die große Verschwendung hat also noch nicht aufgehört, sie ist, vielleicht durch das öffentliche Interesse am spektakulär Neuen, nur nicht mehr ganz so offensichtlich.

Wolfgang Kemkens

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Neck  〈m. 16; dt. Myth.〉 = Wassermann (1) [<schwed. näck ... mehr

trop|fen  〈V.〉 I 〈V. i.; hat〉 Flüssigkeit tropfenweise abgeben, durchlassen (Gefäß, Wasserhahn) ● ihm tropft die Nase II 〈V. i.; ist〉 in Tropfen fallen ... mehr

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