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Das FlüSSchen Ardèche hat eine

Das FlüSSchen Ardèche hat eine tiefe Schlucht ins südfranzösische Cévennen-Bergland geschnitten. Kajak-Freaks schätzen das Naturerlebnis, auf dem smaragdgrünen Wildwasser entlangzupaddeln und die Stille zu genießen. Doch damit soll ab 2005 Schluss sein, wenn es nach den Marketing-Strategen der Region geht.

Ein originalgetreuer Nachbau der 1995 entdeckten und jetzt schon weltberühmten Chauvet-Grotte am Ardèche-Steilufer, nahe der Ortschaft Vallon-Pont-d’Arc, soll dann mit mehr als 400 Tierdarstellungen eine halbe Million Besucher pro Jahr anziehen. Das soll nicht nur Euro-Millionen in die Kassen spülen – das ganze Département Ardèche, das bislang von den Touristen-Heerscharen auf der Rhônetal-Autobahn ignoriert wird, kann sich dann als lohnendes Reiseziel profilieren. Dies hofft jedenfalls Emmanuel Avon von der lokalen Tourismusbehörde. Dazu bedarf es freilich einer attraktiven Werbebotschaft. Denn fantastische steinzeitliche Malereien bieten auch die Höhlen von Lascaux, Cosquet, Altamira und anderswo. Aber solch eine überzeugende „Verkaufe“ gibt die Chauvet-Grotte durchaus her. Denn der betreuende Archäologe Dr. Jean Clottes hat Kohleproben aus den Wandzeichnungen zweier Nashörner und eines Bisons nach der Kohlenstoff-14-Methode datieren lassen – mit dem Ergebnis: sensationelle 30 340 bis 32 410 Jahre alt.

Damit stammen die atemberaubenden Kunstwerke anscheinend aus dem Aurignacien, der frühesten Besiedlungsepoche Europas durch den anatomisch modernen Menschen – und sind somit die ältesten bildlichen Darstellungen der Welt. Wenn dieser Superlativ keine Touristenscharen lockt – was dann?

Allerdings nur, wenn die Datierung stimmt. Aber genau das stellen einige Archäologen infrage. „Anfänglich habe ich die frühe Datierung akzeptiert“, räumt der britische Archäologe und Buchautor Dr. Paul Bahn ein, „obwohl ich immer skeptisch war. Inzwischen bin ich jedoch immer überzeugter von den Argumenten des deutschen Experten Christian Züchner.“

Und der sagt: Stil, Inhalt und Maltechnik der meisten Darstellungen weisen klar in eine jüngere Epoche. „Jede Zeit hat ihre typischen Stilmerkmale“, erklärt der Erlanger Felsbildspezialist. „Die roten Hand-Negative in der Chauvet-Grotte sind die ältesten Bilder. Sie stammen aus dem Gravettien – diese Epoche begann in der Grotte vor zirka 27 000 Jahren. Die schwarzen, dreidimensionalen Tierdarstellungen sind die jüngsten und gehören in das mittlere Magdalénien – sie entstanden vor etwa 15 000 Jahren.“ Die Art und Weise, wie die einen Bilder die anderen ganz oder teilweise überdecken, entspreche der Stilfolge in den zahlreichen anderen Höhlen des Ardèche-Tals.

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Auch Jean Clottes, der Chefwissenschaftler der Chauvet- Grotte, habe dies anfänglich genauso gesehen, bezeugt Züchner: „ Als Clottes 1995 die Grotte zum ersten Mal betrat, war sein spontaner Kommentar zum Alter der Bilder: ,Im Mittel um 20 000 Jahre.‘ Das ist auch meine Meinung. Erst als die Datierungsresultate kamen, ist er umgeschwenkt und behauptet seitdem, die Malereien stammten aus dem Aurignacien und seien die ältesten der Menschheitsgeschichte.“ Der Erlanger Wissenschaftler lehnt es ab, der datierenden Wissenschaftlerin – Dr. Hélène Valladas vom Laboratoire des Sciences du Climat et de l’E nvironnement in Gif-sur-Yvette bei Paris – fehlerhaftes Arbeiten zu unterstellen: „Ich bezweifle nicht, was sie gemessen hat. Aber man sieht ja am Beispiel Candamo, was alles möglich ist.“

Auch aus der mit steinzeitlichen Bildern geschmückten Candamo-Höhle bei Oviedo in Nordspanien hatte Hélène Valladas Rußproben zum Datieren erhalten. Das Resultat ihres Labors: mehr als 31 000 Jahre alt. „Auch da hat dieses frühe Datum von den Malstilen her nicht gepasst“, sagt Züchner. Spanische Archäologen schickten weitere Proben aus Candamo an die Geochron Laboratories in Cambridge, Massachusetts. Ergebnis: ein Alter von zirka 15 000 Jahren, sehr in Einklang mit der stilistischen Analyse.

Weder in Cambridge noch in Gif-sur-Yvette muss gepfuscht worden sein, um solche Diskrepanzen entstehen zu lassen. Züchner selbst bietet Erklärungsmodelle an: So könnten die prähistorischen Künstler des Gravettien und Magdalénien die zum Malen verwendete Holzkohle aus viele Jahrtausende älteren Ästen hergestellt haben, wie sie auch heute noch in eiszeitlichen Flussterrassen und Gletschermoränen zu finden sind. Im Fall der Candamo-Höhle kam in einer zusätzlichen chemischen Analyse ans Licht, dass der Mal-Ruß Knochenkohle enthielt – erzeugt durch Verkohlen eines Knochens, den der Künstler vielleicht in der Höhle gefunden hatte. Der Knochen kann bereits viele Tausend Jahre dort gelegen haben.

„Ich will auch überhaupt nicht ausschließen“, sagt der Erlanger Wissenschaftler, „dass tatsächlich Menschen des Aurignacien schon vor 30 000 Jahren in den Höhlen waren. Sie könnten dort abgebrannte Fackeln oder Feuerstellen hinterlassen haben, aus deren Holzkohle sich andere 15 000 Jahre später zum Malen bedient h aben.“

Am stilistisch augenscheinlichen Alter und an der künstlerischen Bedeutung gemessen, wäre die Chauvet-Grotte „als ein zweites Lascaux“ anzusehen, urteilt Christian Züchner. Auch keine schlechte PR-Botschaft, um Touristen zu ködern – aber nicht so stark wie „das älteste Höhlenheiligtum der Welt“, wie die Fundstätte an der Ardèche jetzt von Jean Clottes hartnäckig bejubelt wird.

„Es ist natürlich ein bisschen schwer, so was zurückzunehmen, wenn es mal um die Welt gegangen ist“, kommentiert Christian Züchner augenzwinkernd.

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