Das Geheimnis der Baumeister - wissenschaft.de
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Das Geheimnis der Baumeister

Sie haben alles und jedes auf Stein und Papyros verewigt, ihre Nachrichten sind eine Fundgrube für die Archäologie. Nur über den Bau ihrer Pyramiden haben die alten Ägypter uns nichts hinterlassen.

Ehrfurchtsvoll schaut der Ägypten-Reisende zu den geheimnisvollen Kolossen auf – wie schon im Altertum. Der Riese unter ihnen, die Cheops-Pyramide bei Gizeh, ist das gewaltigste steinerne Einzelbauwerk der Welt: 2,5 Millionen Steinblöcke sind hier aufgeschichtet, jeder rund 2,5 Tonnen schwer. Einige Granit-Monolithe wiegen 200 Tonnen.

Wie konnten Menschen mit „primitiven“ Hilfsmitteln solche gigantischen Monumente errichten? Oder stand ihnen heute unbekanntes Wissen oder gar übernatürliche Hilfe zur Verfügung?

Fachleute wie Hobby-Archäologen grübeln immer wieder aufs neue: Wie wurden die Pyramiden gebaut? Was war ihr Sinn und Zweck?

Bei Erklärungen sind der schöpferischen Phantasie keine Grenzen gesetzt.

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Beispiel Bau: Ein Forscher aus Wien versucht den Pyramidenbau mittels Hebemaschinen, Seilwinden und Flaschenzügen zu erklären. Dabei führt er die Sandalen des Tutanchamun als Indizienbeweis an, deren Schnüre eine dem Flaschenzug ähnliche Wirkung hatten: Demnach hätten sich die alten Ägypter gut in der Handhabung von Seilen als Kraftinstrumenten ausgekannt.

Beispiel Sinn: Eine rein astronomische Anlage sehen ein ägyptischer Ingenieur und ein deutscher Journalist in den drei großen Pyramiden von Gizeh. Schon ihre Anordnung sei ein Abbild des Himmels, sie entspräche genau den drei Gürtelsternen des Orion, und auch viele andere Details fänden ihre direkte Entsprechung am Sternenhimmel.

Beispiel Zweck: Zwei junge deutsche Hobby-Forscher legten im letzten Jahr eine weitere Deutung vor: Pyramiden seien gigantische Wassergewinnungs-Anlagen gewesen. Durch Kapillarwirkung würde die Feuchtigkeit des Bodens in den gesamten Pyramidenkörper eindringen. Die äußere Abdeckung durch Gold habe die Verdunstung verhindert, an glatten Platten im Innern sei das Wasser kondensiert, das aufgefangen und gespeichert wurde .

Zur Bedeutung der Pyramiden gibt es nach wie vor ketzerische Fragen: Waren sie etwa gar keine königlichen Grabmale, sondern nur Scheingräber, um Räuber irrezuführen? Lag das wirkliche Grab des Pharao an ganz anderer Stelle? Denn es ist schon verblüffend: Die meisten Grabkammern enthalten zwar einen Sarkophag, doch wurde bisher keine einzige königliche Mumie in einer Pyramide gefunden.

„Daß die Pyramiden Pharaonen-Grabmale waren, darüber gibt es für die Archäologen keinen Zweifel“, wehrt Prof. Ingrid Gamer-Wallert vom Ägyptologischen Institut in Tübingen ab. Daß man keine Königsmumien fand, ist für sie kein Beweis: „Auch die Mumifizierung hat sich entwickelt. Anfangs hat man die Leiche lediglich bandagiert und mit Stuck belegt. Von einer echten, dauerhaften Mumifizierung kann man erst viele Jahrhunderte nach Cheops sprechen. Ebenso waren in den älteren Pyramiden steinerne Sarkophage nicht üblich. Vielleicht benutzte man Holzsärge. In späterer Zeit wurden Steinsarkophage Mode – da findet man sie dann auch regelmäßig in den Pyramiden.“

Doch eine Königsmumie fehlt nach wie vor. Ebenfalls unklar sind weiterhin die Details der Bautechnik. Rampen aus Nilschlammziegeln scheinen eine wichtige Rolle gespielt zu haben, um die schweren Steine nach oben zu transportieren. „Doch wie die angelegt waren, darüber sind sich die Archäologen nicht einig“, sagt Dr. Farouk Gomaà, Ägyptologe in Tübingen. Prof. Rainer Stadelmann, Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Kairo, befaßt sich seit Jahren mit dieser Frage: „Wir haben das nachgemacht. Wir haben Steine wie die alten Ägypter bewegt – auf Kufen, auf Rollen und mit Hebeln – und die Zeiten gemessen. Dabei hat sich bestätigt: Pyramiden lassen sich mit den früheren Möglichkeiten bauen – und zwar in angemessener Zeit, während der Regierungszeit eines Pharao.“

Und welche Form hatten die Rampen? „Sie waren nicht um die Pyramide herumgelegt. Ich bin der Meinung, daß es sich um angelehnte Rampen handelte, sie sparten viel Material. Eine Rampe direkt auf eine Seite der Cheops-Pyramide können wir ausschließen: Sie wäre 1,5 Kilometer lang gewesen und hätte das 7,5fache der Pyramidenmasse verschlungen. Geht man von einem realistischen Aufwand für eine angelehnte Rampe aus, reichte diese – auch bei einer maximalen Steigung von 12 Grad im oberen Teil – bis zu einer Höhe von etwa 120 Metern. Die letzten 40 Meter mußten irgendwie anders bewältigt werden. Wie, das wissen wir noch nicht.“

Die Spitzen der Pyramiden bilden also weiterhin ein großes Fragezeichen. Aber auch der Unterbau ist für Prof. Stadelmann keineswegs endgültig geklärt: „Es gibt unfertige Pyramiden, bei denen die Rampe noch vorhanden sein müßte. Doch keine einzige ist erhalten.“

Lesestoff zum Thema: Pyramiden

Henri Stierlin: ÄGYPTEN. Kohlhammer, Stuttgart 1988

Jaromir Malek (Hrsg.): ÄGYPTEN. Geschichte – Kunst – Das Leben heute. Christian Verlag, München 1993

Erik Hornung: DAS TAL DER KÖNIGE. Weltbild Verlag, Augsburg 1996

Dieter Arnold: DIE TEMPEL ÄGYPTENS. Bechtermünz, Augsburg 1996

DESCRIPTION DE L’EGYPTE. Alle Zeichnungen, die bei Napoleons Expedition nach Ägypten entstanden. Benedikt Taschen, Köln 1994

Arne Eggebrecht (Hrsg.): ÄGYPTENS AUFSTIEG ZUR WELTMACHT. Von Zabern, Mainz 1987

Rainer Stadelmann: DIE ÄGYPTISCHEN PYRAMIDEN. Von Zabern, Mainz 1991

Arne Eggebrecht: DAS ALTE ÄGYPTEN. C. Bertelsmann, Gütersloh 1984

Henri Stierlin: BAUKUNST DER PHARAONEN. Terrail 1993

Wolfram Knapp

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