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Das göttliche Werkzeug

Eine kleine Kulturgeschichte des Feuers. Der aufrechte Gang, das Anfertigen von Werkzeugen, die Entwicklung der Sprache: Das sind drei der vier wesentlichen Schritte, die aus der Gattung Homo den Herrn über einen Planeten machten. Die vierte Fähigkeit: die Beherrschung des Feuers.

In die flammende Aura des Sonnenwagens hielt einst Prometheus einen Fenchelstiel. So stahl er das himmlische Feuer. Nicht für sich selbst: Er brachte es zu den Menschen. Zeus war außer sich – hatte er doch den Erdlingen unbedingt den Besitz des göttlichen Feuers vorenthalten wollen. So groß war seine Wut, daß der Göttervater eine Strafe von erlesener Grausamkeit verhängte: Stehend – und damit schlaflos – wurde Prometheus an einen Felsen im Kaukasus geschmiedet. Ein Adler fraß täglich an seiner Leber, die über Nacht perfiderweise wieder nachwuchs. Erst der Held Herakles befreite den Gemarterten.

Mythen transportieren Welterklärung. So auch die vermutlich vorgriechische Prometheus-Sage: Um 700 v. Chr. vom Dichter Hesiod erstmals schriftlich niedergelegt, spiegelt sie eine Einsicht wider, die Anthropologen heute dick unterstreichen: Erst der Besitz und die Beherrschung des Feuers machten den Menschen zum Menschen. Kein Tier kann dagegen Feuer entzünden und kontrollieren.

Prunk in der Guten Stube. Was heute der Luxuswagen vor der Haustüre, das war in vergangenen Jahrhunderten die Heizung. Kachelöfen wurden zum beliebten Imponierobjekt, mit dem man Reichtum und Modernität zur Schau stellen, Besucher beeindrucken konnte. So etwas besaß nur, wer es sich leisten konnte.

Von Weltherrschaft war freilich keine Spur, als vor etwa vier Millionen Jahren in Afrika die ersten Hominiden („Menschenähnliche“) auf zwei Beinen über das Savannengras spähten. Sie mußten nach Leoparden Ausschau halten, um sofort auf den nächsten Baum oder in eine Felsspalte zu flüchten. Irgendwann muß ein Wagemutiger, vielleicht aus den glimmenden Resten eines Steppenbrandes, das göttliche Feuer gestohlen haben. Entflammte Äste vertrieben nachts die zähnestarrenden Feinde. Ungefähr 1,5 Millionen Jahre alt ist die bislang älteste Feuerstelle, gefunden in Koobi Fora am Ufer des Turkana-Sees in Nordkenia.

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Die Zähmung des Feuers brachte jedoch mehr als nur Schutz vor dem Gefressenwerden. Feuer erweiterte und streckte auch das Nahrungsangebot, etwa durch Rösten oder Dörren von Fleisch in Zeiten des Überflusses. Zum Jäger geworden, folgte der Mensch den wandernden Tierherden und drang nach Asien und Europa vor. Wärmende Flammen waren die Bedingung für die Eroberung kühler Klimazonen.

Ohne dienstbares Feuer wäre in Europa nur der Mittelmeerraum besiedelt. Wo heute Paris, London, Berlin und Stockholm stehen, wäre ein menschenleeres Dickicht aus Wäldern und Sümpfen.

Aus Nomaden wurden inzwischen mehr und mehr Siedler. Auch im Zentrum der ersten Häuser lag selbstverständlich die Feuerstelle – als zentrale Kochstelle und Wärmequelle, das blieb viele Jahrtausende das gleiche. Etwa ab dem 10. Jahrhundert hielt in Europas Burgen allmählich der wandseitige, gemauerte Rauchfang Einzug – die Geburt des offenen Kamins. Dort wurde zunächst auch gekocht, doch die Verfeinerung der Sitten brachte auch die Trennung für Heiz- und Kochstelle, später sogar bekam der Herd einen eigenen Raum, die Küche.

In den seltensten Fällen zog der Rauch des Kamins ab, wie er sollte. Hustenreiz und tränende Augen waren der Preis dafür, wenigstens einige Grade über dem Gefrierpunkt genießen zu dürfen – wärmer wurde es sowieso nicht in beheizten Räumen, auch wenn sich die Adligen meterbreite Prunkkamine leisteten. „Die Könige von Frankreich“, bezeugt etwa der Kulturhistoriker Ettore Camesasca, „litten furchtbar unter der Kälte in ihren Palästen.“ Die Mutter von Ludwig XIV. berichtete, „wie im Jahre 1695 der Wein und das Wasser auf der königlichen Tafel gefroren“. Und Madame de Maintenon – erst Mätresse, dann zweite Gemahlin – klagte bitterlich über die eisige Zugluft im Schlafzimmer des Sonnenkönigs.

Der Kachelofen als Ausdruck des Zeitgeschmacks. Das Empire-Modell aus Altötting hat strengere Formen als der Rokoko-Ofen (ganz links). Es galt als schick, die Heizung zu zeigen – die Befeuerung erfolgte, auch zum Schutz der Stube vor Schmutz, aus einem Nebenzimmer.

Da lebten die Bauern und Bürger im Winter vergleichsweise komfortabel. Zwar konnten sie gewöhnlich nur einen Raum des Hauses beheizen – bis weit ins 19. Jahrhundert blieb das so -, aber immerhin hatten sie gemauerte und gekachelte Öfen mit direktem Anschluß an den Rauchfang. Die „Stube“ wurde in den Wintermonaten der Mittelpunkt des häuslichen Lebens. Gekocht wurde dagegen bis in die Neuzeit mit offener Flamme. Das hatte Folgen: Schmieden, Bäckereien und Küchen waren über mehrere Jahrtausende in den Städten immer wieder Ausgangspunkt für verheerende Feuersbrünste.

Mit Schutz, Wärme und Nahrung wären die Auswirkungen des Prometheus-Geschenks aber nur unvollkommen beschrieben. Das gezähmte Feuer ist auch Geburtshelfer der technischen Zivilisation. Irgendwann im 5. Jahrtausend v. Chr. muß ein findiger Kopf zwischen Balkan und Kaukasus entdeckt haben, daß kupferhaltige Mineralien in der Holzkohleschicht einer Feuerstelle mit der Zeit ihr Aussehen verändern: Bei hinreichend hoher Temperatur reduziert der Kohlenstoff das Erz zu Metall, zu Bronze. Die Schmelztemperatur von Kupfer beträgt 1083 Grad Celsius (die von Zinn liegt noch darunter), daher wurde Bronze – eine Kupfer-Zinn-Legierung – viel früher erschmolzen als Eisen, das erst bei 1535 Grad schmilzt.

Dieses Prachtstück steht in einem Gutshaus bei Wiepersdorf in der Niederlausitz. Das Haus war ab 1814 Wohnsitz des deutschen Dichters Achim von Arnim (1781-1831). Die Ehefrau von Arnims, Bettina,geb. Brentano, hatte ihr Herz wohl nicht nur an den Dichter verloren: Der schnuckelige Ofen ziehrt das Bettina-Zimmer.

Da ist ein gehöriger Mehraufwand notwendig, um dem Hämatit das chemisch gebundene Eisen zu entringen. In der Verhüttung liegt daher der Beginn der Ofenbau-Kunst, der Vorläufer moderner Heiztechnik. Es galt, durch verbesserte Geometrie und bessere Luftzufuhr die Brenntemperatur nach oben zu treiben. In Anatolien oder im Kaukasus gelang erstmals das Kunststück, etwa um 1400 v. Chr., und verbreitete sich innerhalb weniger Jahrhunderte in der gesamten Alten Welt.

Der ganze Prozeß stellte etwas Ungeheuerliches für den damaligen Beobachter dar: die rußgeschwärzte Gestalt, das Fauchen der Blasebälge, die laut schmetternden Schläge des Schmiedehammers, die Glut des Feuers und die stiebenden Funken – und vor allem die unbegreifliche Verwandlung einer Art von Materie in eine andere. Dies alles spiegelt sich in den germanischen Götter- und Heldensagen, in der griechischen und römischen Mythologie, in der Welt afrikanischer Völker wie der Dogon oder der Bambara.

Der französische Kulturhistoriker Mircea Eliade begründete das so: „Das Feuer war die Manifestation einer magisch-religiösen Kraft, welche die Welt verwandeln konnte und infolgedessen nicht dieser Welt angehörte. Das ist der Grund, weshalb schon die archaischen Kulturen den Repräsentanten des Sakralen – den Schamanen, den Medizinmann, den Zauberer – für einen ,Meister des Feuers‘ halten.“

Der über zwei Meter große Ofen (Bild links) ist mit seinen mehr als 400 Jahren bereits ein betagtes Stück. Doch der nur 17 Zentimeter hohe Ofen aus Bulgarien (Bild rechts) übertrifft ihn bei weitem: Er ist 7000 Jahre alt.

Bis zur Verehrung der flammenden Zaubermacht war es nur ein kleiner Schritt. Legende wurden die Feueranbeter im heutigen Iran. In geistiger Gefolgschaft des Religionsgründers Zoroashtra („Zarathustra“) im 6. Jahrhundert v. Chr. verehrten sie den Lichtgott Ormizd. Seine höchste Manifestation auf Erden war das heilige Feuer – bewacht in den Tempeln von Priestern, die ein Tuch vor dem Mund trugen, damit die nie verlöschende heilige Flamme nicht verunreinigt werde. In den Parsen im Nordindien unserer Tage lebt die zoroastrische Lehre fort.

Eine „sonderbare Faszination“ konstatiert der Publizist Dieter E. Zimmer, und sieht darin sogar ein Stück der menschlichen Entwicklung: „Etwas in uns antwortet mit einer irrationalen Hochstimmung auf den Anblick eines Feuers. Ich halte es für plausibel, daß unsere Ururahnen die Liebe zum beherrschten Feuer lernten, weil das ihre Überlebenschancen vergrößerte …, daß die größeren Reproduktionschancen hatte, wer diese lebensentscheidende Faszination und Liebe aufbrachte.“

Das gemeisterte Feuer – magisches Medium, ja sogar Teil der Evolutionsgeschichte des Menschen? Im Alltag wirkt es dagegen eher banal. Knopfdruck: Mit sanftem „Wupp“ springt eine bläuliche Flamme im Heizkessel an, kaum zu sehen, kaum zu hören. Prometheus läßt grüßen.

Mehr zum Thema: Dieter E. Zimmer Friedemann Schrenk Die Frühzeit des Menschen Der Weg zum Homo sapiens Beck’sche Reihe 2059 C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung München 1997

Werner Rösener Bauern im Mittelalter C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung 1989

Michael Andritzky Oikos – Von der Feuerstelle bis zur Mikrowelle Haushalt und Wohnen im Wandel Anabas-Verlag Günter Kämpf Gießen 1992

Mircea Eliade Schmiede und Alchemisten Mythos und Magie der Machbarkeit Herder Verlag Freiburg 1992

Thorwald Ewe

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