Das Großfernrohr für jedermann - wissenschaft.de
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Das Großfernrohr für jedermann

Aus Schrott bastelte sich ein Amerikaner sein erstes astronomisches Fernrohr. Seine Bauweise ist zu einem Trendsetter in der Amateurastronomie geworden.

Wenn Sie bild der wissenschaft regelmäßig lesen, sind Sie über die neuesten Forschungen in der Astronomie bestens informiert. Aber wie sieht es mit der Praxis aus? Haben Sie schon mal mit eigenen Augen die Ringe des Saturn gesehen oder Jupiters mit Wirbeln übersäte Atmosphäre? Oder den Tanz der Monde dieser Riesenplaneten live erlebt? Der Sternenhimmel gleicht einer riesigen Schatzkiste. Galaxien, Sternhaufen, Gasnebel oder Doppelsterne: Die Liste der mit einem guten Amateur-Teleskop zugänglichen Objekte geht in die Tausende. Das Spiel der Himmelskörper des Sonnensystems ist faszinierend, ebenso wie Besuche der Nomaden des Sonnensystems, der Kometen oder Kleinplaneten. Hier leisten Amateur-Astronomen wertvolle Hilfe, und die Entdecker können sich mit ihrem Namen am Firmament verewigen. Prominente Beispiele in der Vergangenheit waren die Kometen Hale-Bopp und Hyakutake. Die frohe Botschaft für alle Sternengucker: Noch nie waren gute Amateur-Teleskope so günstig wie heute. Mit kaum mehr als 500 Euro ist man für einen Einstieg in die Himmelswelt gut gerüstet. Eine Bauweise ist dabei zu einem Trendsetter in der Amateur-Astronomie geworden: das „ Dobson-Teleskop“. Diese Erfindung wurde bereits 1956 aus der Not geboren, und ihre Erfolgsstory scheint kurios. Als völlig mittelloser Mönch eines hinduistischen Klosters wollte der Amerikaner John Dobson auf ein eigenes Fernrohr nicht verzichten. Deshalb musste er sich die Bauteile auf Schrottplätzen zusammensuchen. Für die Optik des Teleskops bearbeitete er das Glas ausrangierter Schiffsbullaugen, und die Montierung bastelte er aus dem Holz weggeworfener alter Türen. Was er damit sah, faszinierte ihn: „Das muss jeder sehen“, fand er. Seine Lebensphilosophie bestand fortan darin, die Welt der Sterne möglichst jedem zugänglich zu machen. Das einfache und leistungsfähige Konzept seiner Fernrohre fand in der Szene der amerikanischen Hobby-Astronomen durch Veröffentlichungen in Fachzeitschriften schnell Anklang. Ab den neunziger Jahren beherrschten in den USA die „Dobsonian Telescopes“ die beliebten nächtlichen „Star-Parties“. Die Teleskope wurden Anfangs von den Astronomen selbst gebaut oder konnten bei wenigen kleinen Hinterhof-Firmen bestellt werden. Dann griff der amerikanische Hersteller Coulter das Prinzip auf, und durch die folgende Massenproduktion gerieten die Preise ins Purzeln. Große etablierte amerikanische Hersteller wie Meade oder Celestron sprangen auf den Zug auf. Aber erst vor wenigen Jahren schwappte das „Dobson-Fieber“ der Amateur-Astronomen über den großen Teich nach Deutschland. Seit kurzem gibt es einen neuen Preisverfall. Der Grund: Fernöstliche Hersteller aus China und Taiwan fertigen Dobson-Teleskope in großen Serien. Das entscheidende Leistungsmerkmal eines astronomischen Fernrohrs ist sein Lichtsammelvermögen. Je größer der Durchmesser der Optik ist, um so mehr lichtschwache Objekte und Details werden sichtbar. Gute Teleskope mit einer 20-Zentimeter- Optik zu einem Preis von unter 500 Euro hätte noch vor wenigen Jahren niemand für möglich gehalten. Mit einem Fernrohr dieser Leistungsklasse werden Kugelsternhaufen in tausende von Einzelsternen zerlegt. Spiralstrukturen in Galaxien und zahlreiche Oberflächendetails auf den Planeten werden sichtbar. Der Grund für den Siegeszug der Dobson-Teleskope wird beim Blick auf die Preise von Fernrohren anderer Bauart schnell klar: Dort sind für ein gängiges Gerät mit gleicher optischer Leistung fast 3000 Euro fällig. Wichtig ist allerdings auch die Qualität der Optik. Die Oberflächenform des Hauptspiegels darf um höchstens 150 Nanometer (millionenstel Millimeter) von der Idealform abweichen, sonst leidet die Abbildungsqualität. Einen Nachteil hat das Dobson-Fernrohr allerdings: Es verschafft nur einen optischen Genuss des Nachthimmels. Astrofotografie ist wegen der einfachen Halterung des Fernrohrs nicht möglich. Denn detailreiche Fotografien der lichtschwachen Objekte erfordern Belichtungszeiten bis zu einer halben Stunde. Um die Wanderung der Himmelsobjekte wegen der Erddrehung auszugleichen, ist deshalb eine präzise Nachführung des Fernrohrs per Motor erforderlich. „Das Dobson-Fernrohr ist der direkte und unkomplizierte Weg in den Sternenhimmel“, beschreibt Claus Diepold von der Volkssternwarte im bayerischen Buchloe die neue Beobachtungsstrategie. Unerlässlich ist es dabei aber, sich am nächtlichen Firmament auszukennen. Viele Galaxien tummeln sich beispielsweise in den sternenarmen Gebieten des Frühlings- oder Herbsthimmels. Ohne gute Sternkarten kann die Suche deshalb zum Stochern im Nebel werden. „Die Hilfe von erfahrenen Beobachtern ist der beste Weg für einen erfolgreichen Einstieg“, meint Diepold und empfiehlt Anfängern die Mitgliedschaft in einem Verein oder einer Volkssternwarte. Wer dann Lust auf mehr bekommt: Die Dobson-Bauart hat transportable Amateur-Teleskope mit Öffnungen bis zu einem halben Meter möglich gemacht. Dabei wird das massive Metallrohr des Fernrohres durch Alu-Stangen ersetzt. Das Teleskop ist somit zerlegbar und findet bequem in jedem Kleinwagen Platz. Mit einem solchen Gerät rückt die Abbildungsqualität dann schon in den Bereich professioneller Astrofotos: Planeten sind von Oberflächendetails übersät, und Einzelheiten wie Jets, Knoten oder Dunkelbänder in den Spiralarmen von Galaxien werden sichtbar. „Manchmal habe ich das Gefühl, durch das Bullauge eines Raumschiffs auf ferne Galaxien oder Nebel zu blicken“, schwärmte der Besitzer eines solchen Fernrohres bei einem Teleskoptreffen auf dem hessischen Vogelsberg. Diese „Gitterrohr-Dobsons“ werden in Kleinserien gebaut – mit Preisen um die 10000 Euro.

Interview

„Vorreiter USA“ bild der wissenschaft: Warum dauerte es so lange, bis das Dobson-Teleskop sich bei den europäischen Sternfreunden durchsetzte? Birkmaier: Das typische Amateur-Fernrohr war noch vor einem Jahrzehnt ein Linsenfernrohr mit einer Öffnung von etwa zehn Zentimetern. Dies hat historische Gründe. Als ich 1988 den ersten aus den USA importierten Dobson zeigte, hielt keiner ein derart leistungsfähiges Fernrohr zu diesem Preis für möglich. Doch seit 1996 sind solche Fernrohre in der Überzahl. bdw: Geht das niedrige Preisniveau nicht zu Lasten der Qualität? Birkmaier: Die für den europäischen Markt bestimmten Geräte haben meist ein sehr hohes Qualitätsniveau. Für die Optik wird hochwertiges Glasmaterial verwendet. Ein paar Hersteller übertreiben die Sparwut aber und verwenden Fensterglas. Dann leidet die Abbildungsqualität. bdw: Nächstes Jahr kommt uns der Mars so nah, wie seit 200 Jahren nicht mehr. Was kann man mit einem solchen Fernrohr sehen? Birkmaier: Man erkennt die Polkappe und zahlreiche Oberflächendetails – es sei denn, es herrscht gerade ein Staubsturm auf dem Roten Planeten. bdw: Haben die Hersteller Pläne für die Massenproduktion noch größerer Amateur-Fernrohre? Birkmaier: Mit zunehmender Größe steigt der Fertigungsaufwand exponentiell. Geräte mit 30 Zentimeter freier Öffnung werden bald kommen. Das dürfte aber das Ende der Fahnenstange sein.

Sebastian Moser

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♦ Di|plom|bio|che|mi|ker  〈[–çe–] m. 3; Abk.: Dipl.–Biochem.〉 Biochemiker mit abgeschlossener Hochschulbildung

♦ Die Buchstabenfolge di|plo… kann in Fremdwörtern auch dip|lo… getrennt werden.

En|to|blast  〈n. 11; Biol.〉 = Entoderm [<grch. entos ... mehr

ab|ge|spact  〈[–spst] Adj.; –er, am –es|ten; umg.; Jugendspr.〉 beeindruckend, außergewöhnlich, leicht verrückt ● die Musik dieser Band ist völlig ~; sie sieht total ~ aus [zu engl. space ... mehr

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