„Das ist unsere verdammte Pflicht" - wissenschaft.de
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„Das ist unsere verdammte Pflicht“

Als die Astronautin Shannon Lucid am 18. September 1996 von der Mir zur Erde zurückkehrte, hatte sie einen neuen Weltrekord aufgestellt. Keine andere Frau, und kein Amerikaner überhaupt, war so lange im All gewesen – 188 Tage. Mit ihr hatte für die USA eine neue Ära begonnen: eine ständige amerikanische Präsenz im All, zunächst mit der russischen Station Mir und demnächst mit ISS, der Internationalen Raumstation. Seit rund zwölf Jahren befindet sich Mir jetzt in der Umlaufbahn und hat ihren Erbauern ausgezeichnete Dienste geleistet (bild der wissenschaft 4/1998, „Alles andere als Schrott“), nicht zuletzt durch ihren Prestigewert.

Vor allem hat sie für Geld gesorgt, das seit dem Kollaps der Sowjetunion und der Wende in der russischen Wirtschaft auch für die Raumfahrt knapp wurde. Es stammt aus anderen Ländern, denen das Angebot von Gastaufenthalten im schwerelosen Raum gelegen kam.

Die ISS ist das größte internationale technische Gemeinschaftsprojekt, das der Erdkreis je gesehen hat – ein Unternehmen von wissenschaftlicher, technologischer, weltpolitischer Bedeutung: Beteiligt sind neben den USA und Rußland auch Kanada, Japan und Europa, insgesamt 14 Nationen.

Das ISS-Programm läuft unter Volldampf. Doch gilt das auch für das europäische Engagement, speziell das deutsche? Nicht so, wie ich es gern sähe. Deutschland beziehungsweise Europa wird bei der Eröffnung im Juni 2002 noch nicht dabeisein: Das europäische Modul Columbus kommt erst später dazu. Deutschlands finanzieller Anteil am ESA-Beitrag Columbus beträgt etwa 40 Prozent: 1,36 Millionen Mark. Dazu kommt das Ariane-Begleitprogramm mit 740 Millionen sowie die Entwicklung des Automated Transfer Vehicle (ATV). So fließen der DASA (Daimler-Benz Aerospace) als Hauptauftragnehmer rund 1,8 Milliarden Mark zu – ein schöner Batzen, der mindestens 1000 Arbeitsplätze sichert, davon allein 400 bei der dafür zuständigen DASA-Zentrale in Bremen.

Die Raumstation ist ein rund um die Uhr betriebenes orbitales Vielzweck-Labor, ein Zentrum für Technik, Produktion, Entwicklung und wissenschaftliche Forschung, für eine große Palette von Aufgaben. Es stellt dafür lange Zeiträume, ausgiebige Energieversorgung und großzügige Nutz- und Wohnräume zur Verfügung: Die ISS hat zweieinhalbmal soviel nutzbaren Innenraum wie Mir. Das ermöglicht human-medizinische Forschungen in den Gebieten Physiologie, Strahlenwirkung, Umweltfaktoren, Verhaltensforschung, Zell- und Molekularbiologie.

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Besonders in der Medizin erwarten die Experten von den Forschungen auf ISS wesentliche Durchbrüche, etwa bei immunologischen Untersu- chungen zur Entwicklung von Behandlungsmethoden, Bekämpfung und Verhütung von Krebs. Zu dem allen ist natürlich hochgradig geschultes Personal nötig – Astronauten der Spitzenklasse.

Außerdem sind chemische und vielfältige physikalische Forschungen geplant, etwa zum Halbleiter-Kristallwachstum, zur Tieftemperaturphysik, Verbrennungsphysik, Verhalten von Flüssigkeiten, Herstellung elektronischer Werkstoffe und vieles mehr. Damit liefert die ISS für die beteiligten Nationen einen wertvollen Beitrag zur Schaffung von neuen Arbeitsplätzen und für neue Chancen in der Wirtschaft. Sie wirkt als Motor für neuentstehende Hochtechnologien.

Für die weitere Zukunft noch wichtiger ist ihre Bedeutung als Einstieg in eine neue Ära friedlicher Kooperation in der Welt, für internationale Verständigung und Zusammenarbeit. So können neue Partnerschaften entstehen. Die ISS inspiriert die Jugend und fördert die nächste Generation von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Unternehmern. Gemeinsam mit der weltweiten elektronischen Datenvernetzung und der Gentechnik wird die Raumfahrt die wichtigste Technologieentwicklung des nächsten Jahrhunderts sein. Raumfahrt ist eine Kulturaufgabe, mehr noch: Sie ist Kulturpflicht, denn sie zeigt Perspektiven für die Zukunft, macht Visionen erlebbar. Besonders die junge Generation muß existentiell interessiert sein an den heutigen und künftigen Problemen der Gesellschaft und den Möglichkeiten, sie zu lösen.

Bemannte Raumfahrt ist für mich in erster Linie eine ethische Aufgabe. Denn entgegen populärer Ansicht ist es nicht die technische Entwicklung, die sie antreibt, sondern der uns immanente Wunsch nach Daseins- und Horizonterweiterung. Wir müssen diese Entwicklungen als einen Teil der menschlichen Struktur verstehen, und die Raumfahrt neben ihrer vordergründig-praktischen Bedeutung auch als ein Abenteuer, als eine „Schatzsuche“ sehen – aus Hunger des Menschen nach geistiger Spiegelung und umfassender Erkenntnis, nach einem Entwicklungsschub als ganz großem Wurf.

Der Motor dieses Bewußtseinswandels in unserer Zeit kann die Internationale Raumstation sein – der „Standort All“ für die kommenden Jahrzehnte, der eine wichtige Vorstufe auf unserem weiteren Weg ins Sonnensystem ist. Zum einen liefert sie als orbitale Forschungsstätte die für weiterführende bemannte Raumflüge nötigen Technologien und dient dabei als eine Art erstes Modell für zukünftige internationale Großprojekte im All, etwa den gemeinsamen Flug zum Mars. Zum anderen könnte sie sich zu einem Transportknotenpunkt und Umschlaghafen weiterentwickeln, der eine Art Brückenkopf zu einem neuen Kontinent außerhalb der Erde ist.

Die Raumstation symbolisiert den Paradigmenwechsel vom alten Konkurrenzmotiv, dem „Wettlauf ins All“ als Triebfeder für die Raumfahrt von gestern, hin zur Kooperation im All als neuer Triebfeder im jetzt anbrechenden neuen Jahrhundert.

Jesco von Puttkamer

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