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Das Kuscheltier läßt bitten

Wer könnte diese Bilder leicht vergessen? Fotos von gequälten Kreaturen – Katzen mit aufgeschnittenen Köpfen, aus denen Kabel ragen? Das verzerrte Gesicht eines jungen Affen, an dem Schmerzmedikamente erprobt werden? Oder Hunde mit gebrochenen Knochen, hilflos festgeschnallt? Wer je so etwas gesehen hat, weiß, daß Tierversuche zum Heikelsten gehören, was die Wissenschaft tut.

Jetzt sollen die Tiere besser vor Quälerei geschützt werden. Eine starke politische Truppe im deutschen Bundestag plant, den Tierschutz als Staatsziel ins Grundgesetz aufzunehmen. Die Organisationen der deutschen Forschung, Industrieverbände und Interessenvertreter laufen Sturm dagegen. Sie tun es zu Recht – aber sie tun es mit den falschen Argumenten.

In der Geschichte hat sich das Verhältnis zwischen Mensch und Tier immer wieder grundlegend gewandelt. Am Anfang waren Tiere vor allem eine Gefahr, später auch willkommene Nahrungsquelle und Opfer. Dann kamen sich beide näher, Haustiere wurden gezähmt, dienten als Kraftquelle, als Werkzeug. In den letzten Jahrzehnten schließlich wurden Tiere zum industriellen Produkt: zu Millionen erzeugen Labors Ratten und Mäuse, zu Hunderttausenden stehen Hühner in Eierfabriken, dienen Kühe als Milchproduzenten im Maschinentakt. Und alle enden am Fließband der Fleischfabrik. Zugleich entstand eine Kuscheltier-Szene: Katzen, Hunde oder Meerschweinchen gehören oft zur Familie wie die eigenen Kinder.

Das Problem ist: Wie können wir Tiere vor uns schützen und sie zugleich für uns nutzen? Das bleibt immer eine Gratwanderung.

Die Forschung hat in den letzten Jahren viel getan, um die Leiden von Tieren zu verringern. Alternativmethoden wurden entwickelt und die Zahl der eingesetzten Tiere drastisch verringert. Ja sogar gesetzliche Regelungen konnte die Wissenschaft abschütteln, etwa die leidigen LD50-Tests, bei denen per Verordnung jedes zweite Tier getötet wurde. Auch die Industrie hat Fortschritte gemacht, teils motiviert durch die hohen Kosten und die strikten Auflagen bei Tierversuchen. Zudem sind das ethische Bewußtsein und die emotionale Sensibilität gewachsen.

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Doch nicht die Zahl der Tiere ist das entscheidende Argument, nicht die der Krankheiten, die heute durch Tierversuche heilbar sind. Es sind auch nicht die Fortschritte, die wir noch erwarten können. Es geht nicht um die Frage, ob Tierversuche nützlich sind – das steht außer Zweifel. Es geht darum, ob und wieweit es ethisch verantwortbar ist, Mitgeschöpfe, leidensfähige Lebewesen zu instrumentalisieren. In Neuseeland debattiert das Parlament, Schimpansen die Menschenrechte zuzugestehen. Es läuft darauf hinaus: Sind Tiere dem Menschen gleichberechtigt?

Verfassungen eignen sich nicht für Gratwanderungen. Wer dafür sorgen will, daß Tiere in der Landwirtschaft nicht gequält werden durch unerträgliche Transporte und erstickende Raumverhältnisse, braucht kein Grundgesetz. Das Staatsziel Tierschutz zählt erst, wenn es abzuwägen gilt zwischen dem Leben des Tieres und den Rechten des Menschen Fleisch zu essen, Lederschuhe zu tragen, Neues zu erforschen – oder sich ein Kuscheltier zu halten.

Tiere sind oft Stellvertreter des Menschen, wenn es gefährlich wird oder wenn wir emotionale Nähe brauchen. Wir haben deshalb die Pflicht, sie anständig zu behandeln. Unser Ebenbild sind sie aber nicht. Wer Ansprüche der Tiere auf die gleiche Ebene stellen will wie die Rechte des Menschen, arbeitet an ganz neuen Grundlagen der Gesellschaft. Auch wenn die Gene eines Schimpansen zu 98,4 Prozent mit denen eines Menschen identisch sind: Ausschlaggebend ist der kleine Unterschied.

Reiner Korbmann

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