Das Nadelöhr für deutsche Forscher - wissenschaft.de
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Das Nadelöhr für deutsche Forscher

Wer Professor werden will, muß sich habilitieren. Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), will das Verfahren deutlich verkürzen, um Deutschland wissenschaftlich konkurrenzfähiger zu machen.

Die Habilitation, mit der die Qualifikation zum Hochschullehrer festgestellt wird, steht seit kurzem wieder in der Kritik. Sie richtet sich nicht auf Details des eigentlichen Verfahrens, das in wenigen Monaten abgeschlossen werden kann. Unter Beschuß steht die nach der Promotion einsetzende und inzwischen oft fast zehnjährige Vorbereitung auf dieses Verfahren.

Die lange Habilitationsphase – auch eine Folge der zunehmend befristeten Stipendien und Beschäftigungsverhältnisse – ist die eine Seite des Problems. Die andere Seite ist das hohe Habilitationsalter: Im Durchschnitt sind frisch Habilitierte schon 40 Jahre alt. Ursache ist nicht nur die lange Vorbereitungsphase, sondern auch, daß deutsche Doktoranden im Durchschnitt erst mit 32,4 Jahren promovieren und deutsche Studienanfänger im Mittel bereits 22 Jahre alt sind.

Wenn die Habilitation – aus welchen Gründen auch immer – nicht zustande kommt oder der Ruf auf eine Professorenstelle ausbleibt, stecken die hochrangig ausgebildeten Akademiker in einer Sackgasse: Sie sind zu alt und ohne nennenswerte Chance, in einem anderen Beruf jemals noch Karriere machen zu können.

Anders als in USA, Großbritannien, Australien oder Israel sind in Deutschland wissenschaftlich befähigte „Noch-nicht-Professoren“ – also Postdocs und Doktoranden – durch Abhängigkeit von und Zuarbeit für die Lehrstuhlinhaber extrem fremdbestimmt – und dies obwohl sie inzwischen nahezu 80 Prozent der akademischen Forschung und gut 60 Prozent der akademischen Lehre erbringen. Noch fragwürdiger wird die Fremdbestimmung, wenn man sich vor Augen hält, daß qualifizierte Wissenschaftler – und das sind Frauen und Männer, die an ihrer Habilitation arbeiten zweifellos – durch diese Abhängigkeiten geradezu gehemmt werden, das von ihnen eigentlich erwünschte ungewöhnliche Maß an intellektueller Selbständigkeit zu offenbaren.

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Das auf Abhängigkeit und Zuarbeit gegründete Nachwuchssystem wirkt sich zudem als Mobilitätshindernis aus. Wer von einem Forschungsaufenthalt im Ausland an eine deutsche Hochschule zurückkehren will, steht dort nicht selten vor verschlossenen Türen, weil bodenständigere Kolleginnen und Kollegen die lukrativen frei gewordenen Stellen eingenommen haben. So wundert es nicht, daß die Zahl der Auslandsstipendiaten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die nach einem DFG-Stipendium nicht mehr zurückkommen, deutlich über 50 Prozent liegt und ständig weiter wächst.

Wir müssen daher auch an deutschen Universitäten eine neue Postdoc-Kultur entwickeln, um dem promovierten wissenschaftlichen Nachwuchs mehr Selbständigkeit zu ermöglichen und ihm eine angemessenere Förderung zu verschaffen.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft versucht das mit dem geplanten Emmy-Noether-Programm. Emmy Noether gilt als bedeutendste Algebraikerin der neueren Zeit und gehörte zu den ersten Frauen, die sich in Deutschland habilitierten. Sie emigrierte 1933 in die USA.

Dieses Programm bietet dem wissenschaftlichen Nachwuchs die Möglichkeit, sofort nach der Promotion Mittel für einen zweijährigen Forschungsaufenthalt im Ausland zu beantragen. Daran anschließen soll sich eine dreibis fünfjährige Arbeitsphase in Deutschland, die mit der Leitung einer kleinen Nachwuchsgruppe verbunden ist. Nachwuchsgruppen, für die eine Wissenschaftlerin oder ein Wissenschaftler die eigene Stellenfinanzierung plus weitere Personal- und Sachmittel beantragen kann, sollen durch dieses Programm ebenfalls gefördert werden. Mit der Nachwuchsgruppen-Förderung hat man in den Sonderforschungsbereichen der DFG sehr gute Erfahrungen gesammelt – ebenso wie mit einem besonderen Nachwuchsgruppenprogramm für Biowissenschaftler. Die unterstützten Wissenschaftler können an ein Institut ihrer Wahl gehen und dort – kollegial eingebunden – ihre Forschung vorantreiben. Der personalrechtliche Rahmen für ein solches Experiment – also die entsprechenden Qualifikationsstellen an den Hochschulen, die aus Mitteln des Emmy-Noether-Programms finanziert werden könnten – ist an den Hochschulen vorhanden. Darauf hat die Hochschulrektorenkonferenz Ende 1998 ausdrücklich hingewiesen. Durch das neue Programm sollen jährlich 100 Nachwuchswissenschaftler die Chance zu früher Selbständigkeit erhalten.

Es ist zu wünschen, daß die Hochschulen die Integration von Emmy-Noether-Stipendiaten als Auszeichnung und Anreiz empfinden, Leistung und Wettbewerb bei der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses noch mehr in den Mittelpunkt zu rücken. Durch die unerwartet große Resonanz dieses Programms und die Fülle der Anfragen von Interessentinnen und Interessenten sehen wir uns bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft bestätigt, die Habilitationsphase mit einem zielgerichteten Programm entscheidend zu verkürzen.

Ernst-Ludwig Winnacker

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