Das Rätsel der drei Kulturen - wissenschaft.de
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Das Rätsel der drei Kulturen

Schrift ist Erinnerung und Nachricht. Unentzifferte Schriften provozieren die Forscher, denn sie könnten eine Menge über die alten Kulturen erzählen.

Prof. Helmut Glück, Schriftlinguistik-Fachmann an der Universität Bamberg, schüttelt bedauernd den Kopf. Der Kurator am Museum von Heraklion auf Kreta hat ihm unlängst sein Leid geklagt: „Die kriegen einen Entzifferungsvorschlag nach dem anderen für ihren ,Diskos von Phaistos` ins Haus geschickt. Sie wissen kaum noch, wie sie sich davor retten sollen.“

Eine Scheibe aus gebranntem Ton, so groß wie eine Untertasse und beidseitig mit spiralig zur Mitte laufenden Symbolen beschrieben: An diesem Objekt im Museum von Heraklion entzündet sich die Phantasie von Experten und Feierabendforschern. Im minoischen Palast von Phaistos entdeckt, blieb die Botschaft des Diskos – um 1600 v. Chr. in kretischen Hieroglyphen eingeritzt – bis heute im dunkeln.

Unentzifferte Schriften transportieren Nachrichten aus vergangenen Kulturen. Sie könnten Aufschluß geben über Leben und Geschick von Völkern, die längst verschwunden sind. Deshalb zählen die uralten unentzifferten Zeichen zu den großen Fragen der Archäologie.

Helmut Glück, der an einem Lexikon der Schriften der Welt arbeitet, schätzt die Zahl aller im Lauf der Menschheitsgeschichte entwickelten, eigenständigen Schriftsysteme auf „unter 1000“. Auf „rund 660“, kommt der in Helsinki lebende Linguist Dr. Harald Haarmann. Die meisten davon sind erst im 18. und 19. Jahrhundert entstanden: Kolonialbeamte und Missionare schufen Hunderte von lokalen Schriftsystemen. Ob Maoris auf Neuseeland oder Eskimos in der Arktis: Alle sollten wenigstens amtliche Verlautbarungen und die Bibel in ihrer Muttersprache lesen können. Unter den antiken Schriften ist der Übergang von „vollständig lesbar“ zu „völlig unentziffert“ keine scharfe Abbruchkante, sondern fließend. Am Ende der Lesbarkeitsskala steht ein gutes halbes Dutzend besonders mysteriöser Kandidaten.

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Drei große Schriften der Menschheitsgeschichte – „groß“ im Sinne von: überregional verbreitet und kulturgeschichtlich besonders interessant – hüten hartnäckig ihre Geheimnisse: Linear A – geschrieben von 2000 bis 1500 v. Chr. auf Kreta und in der ägäischen Inselwelt. Überwiegend kurze Symbolreihen sind auf Tontäfelchen und Rollsiegeln erhalten. Indus-Schrift – verwendet von 2600 bis 1500 v. Chr. im heutigen Pakistan, wo die Siedlungen Mohenjo-Daro und Harappa ausgegraben wurden. Meist in Speckstein-Siegel geschnitten, umfaßt die Schrift 401 Basiszeichen plus 286 Varianten. Etruskisch – in Mittelitalien kamen auf Gefäßen und anderen Grabbeigaben mehr als 10000 Inschriften ans Licht. Die aus einem westgriechischen Alphabet abgeleitete Schrift mit zunächst 26, später 20 Zeichen wurde vom 8. bis 1. Jahrhundert v. Chr. verwendet.

Hinzu kommt eine Handvoll „kleiner“ Schriften. Drei Beispiele: Turdetanisch heißt die Schrift der Handelsstadt Tartessos, die im 1. Jahrtausend v. Chr. in Südspanien lag. Nur zehn Zeichen, die auf Münzen erhalten sind, wurden anhand von Ähnlichkeiten mit einem numidischen Alphabet entziffert.

Sidetisch schrieben um die Mitte des 1. vorchristlichen Jahrtausends die Einwohner der südanatolischen Stadt Side – und nur sie. Schon der antike Historiker Arrianos notiert um 150 n. Chr., die Sprache der Sideten habe nichts mit anderen Sprachen gemein.

Rongorongo ist eine im 18. und 19. Jahrhundert n. Chr. entwickelte Schrift auf der Osterinsel im Ostpazifik. Nur 25 zeichenbedeckte Holztafeln sind heute erhalten. Die Deutung der Zeichen ist auch nach zahlreichen Versuchen immer noch umstritten.

Alle Genialität und kriminalistische Kombinationsgabe, die die Schriftentschlüssler einbringen können, nützen nichts – wenn die hinter den Zeichen stehende Sprache unbekannt ist. Das gilt für alle Rätselfälle mit Ausnahme der Rongorongo-Schrift, wo klar ist, daß es sich um die Wiedergabe von Alt- Rapanui handelt, die ursprüngliche Sprache der Osterinsulaner. zuwenig Dokumente existieren. Es müssen hinreichend viele Texte ausführlich genug vorliegen. Daran scheiterte bislang eine überzeugende Dechiffrierung der Rongorongo-Schrift ebenso wie der kretischen Hieroglyphenschrift des „Diskos von Phaistos“.

Entziffern und übersetzen ist im übrigen zweierlei, wie man am Beispiel des Etruskischen sieht. Das etruskische Alphabet ist lückenlos bekannt – aber das führt zu nichts. Denn im wesentlichen enthalten die Inschriften Personennamen und lakonisch kurze, rituelle Begräbnisformeln. Wie sollte ein Forscher des 3000. Jahrhunderts die deutsche Sprache und Kultur erschließen, wenn er zwar das lateinische Alphabet kennt, aber sein Lesestoff auf 10000 Grabsteine beschränkt ist? „Etruskisch“, so formuliert es der Sprachwissenschaft-ler Michael D. Coe von der Yale-Universität, „kann gelesen werden, aber es ist noch nie übersetzt worden.“ Die Sprache der Etrusker war sehr wahrscheinlich vorindoeuropäisch – wie das heute noch gesprochene Baskische – und stammte vermutlich aus Anatolien oder der Ägäis. Sie ist spurlos von der europäischen Bühne verschwunden.

Vorindoeuropäisch war vermutlich auch die Sprache der Minoer, ebenso wie die der Turdetaner und der Sideten. Von der Indus-Schrift vermuten finnische Forscher um Prof. Asko Parpola, sie gebe Wörter eines Vorläufers der Drawida-Sprachen wieder, die heute noch bei den Tamilen in Südindien gesprochen werden. Vorangebracht hat das die Entzifferer anscheinend nicht.

Und weiter starren die jahrtausendealten Symbole der drei „großen“ Unentzifferten stumm von ihren Elfenbeinsiegeln und Tontafeln. Wenn er einen Wunsch frei hätte: Welche von diesen Dreien wollte Dr. Nikolai Grube vom Seminar für Völkerkunde der Bonner Universität und Mitentzifferer der Maya-Hieroglyphen am dringlichsten lesen können? Nach einigem Zögern nennt er die Indus-Schrift: „Die Menschen der Indus-Kultur unterhielten wahrscheinlich wirtschaftliche und kulturelle Kontakte zum Zweistromland im Nahen Osten und eventuell sogar zu China. Von ihnen könnten auch religiöse Anregungen auf die im 2. Jahrtausend v. Chr. nach Indien einwandernden Indoeuropäer übergegangen sein. Das herauszufinden, wäre für mich am spannendsten.“

Lesestoff zum Thema: Schrift

Ernst Doblhofer: DIE ENTZIFFERUNG ALTER SCHRIFTEN UND SPRACHEN.

Reclam UB Nr. 8854 Reclam Verlag, Ditzingen 1993

Helmut Glück: SCHRIFT UND SCHRIFTLICHKEIT. Metzler Verlag, Stuttgart 1987

Thorwald Ewe

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