Das Raunen der Knochen - wissenschaft.de
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Das Raunen der Knochen

Knochenforscher sind die neuen Stars der US-Gerichtsmedizin. Jedes Jahr verschwinden in den USA 2000 Menschen. Viele werden Jahre später tot aufgefunden, halb verwest und namenlos. Wer sind diese Toten? Wie starben sie, und wie sahen sie aus? Die Antworten darauf geben immer häufiger Anthropologen.

Vergeblich hatte Douglas Ubelaker nach einem bestimmten Arzt in Alaska gesucht. Dieser Mediziner hatte einem Patienten nach einem Beinbruch eine ungewöhnliche Metallplatte eingesetzt. Jetzt war der Patient tot, verwest, seine Knochen in der nordischen Wildnis verstreut. Was übriggeblieben war, lag in einem Karton des FBI: eine Sammlung von Skelettfragmenten, unter denen sich ein relativ gut erhaltener Abschnitt von einem Oberschenkelknochen befand, verwachsen mit einer Eisenplatte. Da die Agenten und Wissenschaftler der US-amerikanischen Bundespolizei nicht weiterkamen, wandten sie sich an den Anthropologen Dr. Douglas Ubelaker. Eine harte Nuss für den Knochenexperten: „Trotz der Auffälligkeit gab es in ganz Alaska keinen Orthopäden, der sich an eine solche Prothese erinnern konnte.“ Doch dann begann der Wissenschaftler die innere Knochenstruktur unter dem Mikroskop zu ermitteln. Als er einen Querschnitt durch das Gebein untersuchte, wurde ihm klar, warum kein Mediziner die auffällige Prothese kannte: „Die Fragmente waren nicht menschlichen Ursprungs – sie stammten sehr wahrscheinlich von einem großen Hund, der einen guten Tierarzt hatte.“ Selten haben Ubelakers Ausflüge in die Welt des Verbrechens solch ein beruhigendes Ende. Denn hauptberuflich ist er kein Gerichtsmediziner, sondern Wissenschaftler am National Museum of Natural History der Smithsonian Institution in Washington/DC. Hier macht er das, was Anthropologen von Haus aus tun: Er erforscht das Leben der Menschen, die vor Tausenden von Jahren gelebt haben – und zwar anhand von Knochen, die er aus archäologischen Fundstätten rund um den Globus ausgräbt. Doch das berühmte Museum, in dem die weltweit größte Sammlung menschlicher Gebeine ruht, hat eine besondere Beziehung zu Amerikas oberster Polizeibehörde. „Bereits seit 1930 helfen wir Museums-Anthropologen dem FBI, wenn es in schwierigen Fällen um ,Knochenarbeit‘ geht“, berichtet Ubelaker. Einmal pro Woche tauscht er daher sein Labor im Smithsonian mit der gerichtsmedizinischen Abteilung der amerikanischen Bundespolizei, nur einen Häuserblock vom Museum entfernt. Ein typischer Fall für Ubelaker: Ein Skelett wird gefunden, bei dem niemand weiß, von wem es stammt. „Im günstigsten Fall gelingt es, das Alter der Person, Rasse, Größe, Geschlecht, mögliche Todesursache und -zeitpunkt zu bestimmen.“ Ubelaker vertraut auf 30 Jahre Berufserfahrung und auf gute Meßinstrumente, mit denen er Knochenlängen und Schädelumfang erfaßt. Für eine verläßliche Aussage müssen keinesfalls alle 206 Knochen eines Menschen vollständig vorliegen. Die Form der Hüftknochen verrät zum Beispiel, ob es sich um Mann oder Frau handelt. Ubelaker kann aus der Oberflächenstruktur des Hüftknochens das Alter des Verstorbenen bis zu fünf Jahre genau ablesen. Die Struktur des Schädels und sein Umfang geben Auskunft über Geschlecht und Rasse. „Und, so banal es klingt, oftmals erlauben Krankheiten wie Arthritis, Knochenmarkentzündung oder einfache Brüche Rückschlüsse auf die Identität einer Person“, berichtet der Anthropologe. „Wie bei Fingerabdrücken haben keine zwei Menschen die gleiche Knochenstruktur.“ Wenn die Kriminalbeamten bereits Verdacht auf eine bestimmte Person haben, nimmt Ubelaker Kontakt mit früheren Ärzten auf und vergleicht seine Ergebnisse mit deren Dokumenten, vor allem mit Röntgenbildern. Bei seinen Recherchen entdeckt Ubelaker auch Verbrechen, die vorher keiner vermutete. Tod durch übermäßigen Rauschgiftkonsum, lautete das erste Ergebnis des FBI bei einem scheinbar eindeutigen Fall. Schließlich war die junge Frau, deren stark verweste Reste an einem Treffpunkt für Drogendealer gefunden wurden, bei der Polizei seit langem als „Junkie“ bekannt. Doch gerade als der Fall zu den Akten gelegt werden sollte, kam eine überraschende Wende: Ubelaker entdeckte an dem Skelett charakteristische Kratzer, die von einem Messer stammen mußten. Die Polizei nahm ihre Ermittlungen wieder auf und fand sogar die Tatwaffe. Das FBI sucht zur Zeit den Mörder. Die in Washington seit Jahrzehnten bestehende „Traditionsehe“ aus klassischen Anthropologen und Kriminalisten ist landesweit die Ausnahme. „Forensische Anthropologie“, so die offizielle Bezeichnung für die gerichtsmedizinische Knochenkunde, sei noch eine relativ junge, aber aufstrebende Wissenschaft, berichtet Ubelaker, der sich stark für ihre Verbreitung engagiert. Erst in den siebziger Jahren etablierte der Dachverband der amerikanischen Gerichtsmediziner, die American Academy for Forensic Science, eine eigene Sparte für „forensic anthropologists“ und sorgte mit Schulungsprogrammen für professionelle Anerkennung. Inzwischen bieten rund zehn amerikanische Universitäten ein Doppelstudium von Gerichtsmedizin und Anthropologie an. In den USA gibt es etwa 200 spezialisierte Knochenkundler mit Hang zur Detektivarbeit. Die meisten arbeiten als Anthropologen in Museen oder unterrichten an Universitäten und erscheinen nur auf Abruf am Tatort. Doch immer häufiger werden die Knochenexperten direkt von den staatlichen Gerichtsmedizinern angeheuert – wie Dr. Ann Mary Mires, Leiterin der „Human Identification Unit“ am Medical Examiner Office in Boston, Massachusetts. Hier werden jährlich rund 4000 ungewöhnliche Todesfälle gemeldet, die von Mires Kollegen, den acht Medical Examinern, auf Todesart und Ursache untersucht werden. „Ich bin eher eine Nebenheldin“, meint Mires. Sie wird nur gerufen, wenn die Gerichtsmediziner nicht mehr weiter wissen. „Die Leichen sind entweder stark verwest, verbrannt, zerstückelt, oder es wird nur das Skelett gefunden“, sagt Mires nüchtern, die pro Jahr rund 300 solche Fälle untersucht. Doch auch bei ganz „normalen“ Opfern aus Unfällen, Morden oder Gewaltverbrechen liegt es oftmals an ihr, den Tathergang aus den Knochen abzulesen. Ein Beispiel: Pathologie und Mordkommission vermuteten bei einem stark zersplitterten Schädel als Todesursache eine Schußverletzung. Doch Mires Rekonstruktion bewies: Der Schädel wurde eingeschlagen. Schüsse erzeugen auf einem Schädel ähnliche Risse wie auf einer Glasscheibe – und der untersuchte Schädel hatte keine derartigen Risse. „Bei unserer Arbeit braucht man eine Vorliebe fürs Puzzeln und Rätsellösen“, meint die Knochen-Expertin, „und viel Geduld.“ Denn von der Bergung der Leiche, über das „Lesen aus den Knochen“ bis hin zur Identifizierung einer vermißten Person können mitunter Jahre vergehen. Wenn Mires ein Profil erstellt hat, wird es in den National Crime Institute Computer (NCIC) gegeben und mit den dort landesweit als vermißt gemeldeten Personen verglichen. Über NCIC sind sogar wichtige ärztliche Informationen abrufbar wie Röntgenbilder. „Am besten geeignet sind Bilder von Zahnreihen“, sagt die Anthropologin. „Damit können wir sehr rasch und mit fast hundertprozentiger Sicherheit sagen, ob die Person aus dem NCIC mit unserem Fund in Boston übereinstimmt.“ Bis auf wenige Ausnahmen konnte Mires bisher alle Opfer identifizieren. Eine ebenso hohe Erfolgsquote hat Dr. Mary Manhein, Gerichtsmedizinerin aus Louisiana und Direktorin der forensischen Anthropologie an der dortigen State University. Ein Grund dafür mag ihre Spezialität sein: Manhein gehört zu den wenigen Anthropologen in den USA, die ermitteln, wie selbst stark verweste Tote zu Lebzeiten ausgesehen haben. „Solange der Schädel nicht allzu stark zertrümmert ist, können wir das Gesicht des Toten mit Ton nachbilden – sogar wenn der ganze Unterkiefer fehlt.“ Dazu benutzt die Wissenschaftlerin unterschiedlich lange Abstandhalter, die an verschiedenen Stellen auf den bloßen Schädel gesetzt werden. Sie repräsentieren die Dicke von Haut-, Fett und Muskelschichten und variieren je nach Geschlecht, Rasse und Alter. Mit Hilfe einer Künstlerin legt Mary Manhein Tonschicht für Tonschicht über den Schädel, setzt Glasaugen in die Höhlen, formt Nase, Mund und Ohren anhand der Schädelstruktur und erweckt so das Gesicht wieder zum Leben. Sehr häufig gelingt es der Anthropologin, nach Veröffentlichung dieser „Ton-Bilder“ das namenlose Opfer zu identifizieren. Außerdem ist Manheins Labor auf Altersprogression spezialisiert: Mit Hilfe von Computersimulationen erstellt Manhein aktuelle Phantombilder von vermißten Kindern und Erwachsenen, die dann auf Flugblättern oder Milchkartons veröffentlicht werden. Auch wenn das Fahndungsergebnis oft tragisch ist, hofft Manhein: „Wir Anthropologen können den Familien der Opfer Seelenfrieden geben.“ Ist Forensische Anthropologin ein Traumberuf? Manhein winkt ab: „ Unsere Arbeit ist richtige Drecksarbeit. Wir haben mit verwestem Gewebe zu tun und befreien Knochen von Maden.“ Als vor einigen Jahren im Nachbarort eine Ölfabrik in Flammen aufging, war es ihre Aufgabe, die verkohlten Leichen zu identifizieren: „Glauben Sie mir, hinterher können Sie wochenlang kein Grillfest besuchen.“ „Forensische Anthropologie – was ist das?“… …war die Rückfrage der Pressestelle beim Bundeskriminalamt, als bild der wissenschaft sich nach der Bedeutung dieser Fachrichtung in der deutschen Ermittlungsarbeit erkundigte. „Das wissenschaftliche Interesse an forensischer Anthropologie ist nicht allzu groß“, bestätigt Prof. Richard Helmer. Der Gerichtsmediziner von der Universität Bonn arbeitet schon seit über 20 Jahren mit anthropologischen Methoden an der Identifizierung von Opfern und Tätern. Zwei- bis dreimal im Jahr rekonstruiert er die Gesichtszüge eines unbekannten Toten anhand von dessen Schädelknochen. „Die Gerichtsmedizin ist ein übermächtiger Kollege“, meint Prof. Friedrich Rösing, Anthropologe und Biologe an der Universität Ulm. „Dabei sind Anthropologen manchmal kompetenter. Zum Beispiel bei der Identifikation von Skeletten in Massengräbern wie im ehemaligen Jugoslawien – oder wenn man für einen Vaterschaftsnachweis nur Bilddokumente zur Verfügung hat.“ Ein Patentrezept, wie man anthropologisches Wissen in die Ermittlungsarbeit einfließen lassen kann, haben beide Professoren nicht. „Ein kombiniertes Studium von Rechtsmedizin und Anthropologie, wie es in den USA angeboten wird, wäre schon ein guter Anfang“, meint Richard Helmer.

Désirée Karge

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