Das Steuerparadies in den Bergen - wissenschaft.de
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Das Steuerparadies in den Bergen

Die Bibel postuliert das westjordanische Hochland als Zentrum des Geschehens. Die Archäologen widersprechen: An der Küste spielte die Musik, nicht in den biblischen Bergen.

„Inzwischen wissen wir archäologisch so viel, dass eine Kulturgeschichte Palästinas auch ohne die Bibel geschrieben werden kann.“ Der Rostocker Lehrstuhlinhaber für Biblische Archäologie, Hermann Michael Niemann, befreit sein Fach selbstbewusst aus den Fängen der traditionellen Bibelwissenschaft. Generös gesteht er zu: „Es ist weder notwendig noch geraten, auf die Bibel als historische Quelle zu verzichten.“ Aber es sei „problematisch, biblische Texte als Primärquelle für die Zeit vor ihrer Entstehung zu nutzen“, weil das Alte Testament „weitgehend Theologie-Geschichte statt Historie“ liefere. Und das nicht einmal vollständig, denn sie schreibe diese Geschichte auch noch aus der Sicht des Siegers. Harsche Worte – aber unerlässlich, gerade weil die „biblisch-literarische Überlieferung so bedeutend und fernwirkend war“. Die Geschichte der antiken Region und ihrer Menschen ist untrennbar mit diesen „ biblischen Tendenz-Texten“ verwoben, die zum Großteil aus der Zeit zwischen 700 und 500 v.Chr. stammen – ein halbes Jahrtausend nach den Ereignissen, über die sie berichten.

Wie also sah Palästina nach alten Funden und Befunden zwischen 1300 und 800 v.Chr. aus? Gunnar Lehmann, deutscher Archäologe mit israelitischem Pass an der Ben-Gurion University of the Negev, hat die Probe aufs Exempel gemacht. Ihn interessieren weniger die fragwürdigen und fragwürdig datierten Ereignisse der biblischen Geschichten, sondern vielmehr die Strukturgeschichte, die darunter liegt: Wovon lebten die Bewohner der Region, wie flossen die Handelsströme, welches waren die natürlichen Ressourcen, auf die die Menschen zurückgreifen konnten?

Als plakatives Ergebnis solcher Geoarchäologie schält sich für Palästina schnell heraus: Das Zentrum war die Ebene, nicht der schmale Streifen im westjordanischen Hochland, wie die Bibel suggeriert. Die Kanaanäer, Phönizier und Philister gaben den Ton an, nicht die Bergbauern in Juda und Israel. Die Belege für eine solche Umkehrung der Bibel gewinnt Lehmann aus den Daten unzähliger Grabungen, den Archiven der Distriktarchäologen etwa über antiken Brunnen- und Terrassenbau und penible Scherbensammlungen. In den letzten vier Jahrzehnten wurde außerdem nahezu das gesamte Gebiet Südpalästinas mit regionalen Oberflächenuntersuchungen (Surveys) erforscht, die auch kleinste Siedlungsreste und menschliche Aktivitäten in der Umwelt registrierten. Aus der Systematisierung und Gesamtschau all dieser Einzelergebnisse konstruieren die Archäologen ein statistisches, aber stimmiges Bild der Bevölkerungs- und Landwirtschaftsentwicklung, der Siedlungsdichte und -dauer. Die nahöstlichen Ergebnisse und ihre Interpretation:

• Die Küstenebenen Palästinas hatten fruchtbare Schwemmland- und Lössböden, die Niederschläge ermöglichten den großflächigen Anbau von Getreide ohne aufwendige Bewässerung. Die Erträge überstiegen den Eigenbedarf, konnten exportiert werden und mehrten so den Reichtum der Küstenbewohner, Arbeitsteilung und Urbanisierung folgten. Die Schere zwischen Arm und Reich allerdings spreizte sich. Die fünf großen Städte der Ebene – Gaza, Aschkalon, Ashdod, Gat, Ekron – waren einerseits über Häfen in den internationalen Handel des Mittelmeeres eingebunden. Zum anderen lagen sie an den Nord-Süd- und West-Ost-Handelsstraßen, über die sie gewinnbringend den stetigen Warenverkehr von und nach Arabien, Ägypten, Anatolien und Mesopotamien kontrollierten. Die Bewohner des Gebietes waren ab dem 12. Jahrhundert v.Chr. Philister, Versprengte der umwälzenden Seevölker-Invasion, die sich rasch mit den ansässigen Kanaanäern mischten. Sie lebten, von den fünf dominierenden Städten abgesehen, in großen Dörfern. Den biblischen Autoren waren sie verhasst: Sie titulierten sie als die Erzfeinde schlechthin.

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• Das nach Osten angrenzende Hügelland („Schefelah“) hatte noch ausreichende Niederschläge, aber nicht mehr so viele Anbauflächen für Getreide wie das Küstenland. Die Bewohner spezialisierten sich auf Wein-, Oliven- und Obstanbau auf kostspieligen Terrassenfluren. Dazu mussten oft riesige Flächen Wald und Unterholz gerodet werden. Die landwirtschaftlichen Edel-Produkte der Hügel-Bewohner wurden bis nach Ägypten exportiert. Küstenebene und Hügelland ergänzten sich gegenseitig, meist herrschten die Vielen der Ebene über die Wenigen der Schefalah. In der Bevölkerungszusammensetzung jedoch gab es kaum Unterschiede und deshalb auch keine ideologischen Auseinandersetzungen. Die vorherrschende Form der Besiedlung war das Dorf.

• Die Berge hatten noch weniger landwirtschaftlich nutzbare Fläche. Getreide-, Garten- und Obstanbau reichten gerade zur eigenen Versorgung. Aus den Schaf- und Ziegenherden gewannen die Bergbauern Produkte für einen dünnen Handel mit dem Hügelland und der Küstenebene: Sie tauschten Fleisch, Milchprodukte und Bauholz gegen Werkzeuge und veredelte Haushaltsprodukte. Die Menschen lebten bescheiden, es entwickelte sich ein Gemeinschaftsgefühl von Gleichheit unter Armen. Die einzelnen Clans siedelten meist in kleinen Weilern. Die Berge waren eine eigene Welt: Hier konnte man sich gut verstecken, hier war man sicher vor Steuereintreibern, Eroberern und Piraten – den ständigen Heimsuchungen von Küstenebene und Schefelah. Die Bergbewohner entwickelten eine Ideologie der Abgrenzung: Wir hier oben, ihr da unten. Für die da unten waren sie Banditen und Räuber, wild und kaum zu kontrollieren. Hierher floh David vor Saul.

Bei der Fokussierung seiner Untersuchungen auf das Bergland und seine Bewohner („Das waren Bauern, keine Nomaden“) stößt Gunnar Lehmann ab 1300 v.Chr. auf eine zunehmende Besiedlung, zunächst auf den Gipfeln, dann in den Tälern. Es wurden viele Dörfer gegründet, alle fast gleich klein. Eine Hierarchie ist lange Zeit nicht zu erkennen – selbst Jerusalem blieb mit zwei bis vier Hektar eine Mini-Siedlung.

Lehmann kann die Zuwanderung aus dem kanaanäischen Tiefland in die westjordanischen Berge verfolgen, die gleichbleibende Keramik weist den Weg: „Viele Wissenschaftler glauben, dass das schon die Israeliten sind.“ Lehmann tituliert sie vorsichtiger als Proto-Israeliten. Für ihn verkürzen seine Kollegen einen langen historischen Vorgang, denn die Entwicklung zu einem Volk hat ihre Geschichte. Lehmann: „Was ein Deutscher vor 500 Jahren war, ist etwas anderes als ein Deutscher heute.“ Gleiches gelte für die damaligen Einwanderer: „Die kamen auch nicht gleich mit ihrem Jahwe-Glauben in die Berge.“

In einem komplizierten Verfahren rechnen die Geoarchäologen die Bewohnerzahl von Juda in der Zeit um 1000/900 v.Chr. auf 8000 bis maximal 12 000 Menschen hoch. Allein in den fünf großen Philister-Städten der Küstenebene lebten etwa 25 000, im Hügelland noch einmal zwischen 15 000 und 28 000 Menschen. Da erscheint es Gunnar Lehmann „doch sehr zweifelhaft, dass die Judäer ganz Palästina und Südsyrien unterworfen haben“, wie das Alte Testament berichtet. Zumal die Siedlungsspuren klar ausweisen, dass die gesellschaftliche Struktur in Juda (und Israel) von einzelnen Stämmen geprägt war. „Die zusammenwachsenden Gruppen des 10. und 9. Jahrhunderts v.Chr. im zentralpalästinensischen Bergland“, so der Rostocker Nahost-Archäologe Hermann Michael Niemann, „hatten keine gemeinsame Geschichte, aus der sich eine Zusammengehörigkeit hätte entwickeln können.“ Ein ethnisches Zusammengehörigkeitsgefühl setzte in Israel wohl erst Ende des 9. und in Juda, dem immer etwas zurückgebliebenen Teil, Ende des 8. Jahrhunderts v.Chr. ein.

Zuvor waren Verwandtschaftsgruppen und Stammesallianzen die sozialen und ökonomischen Ressourcen, auf die sich David und Salomon stützen konnten. Gunnar Lehmann hat denn auch „starke Zweifel gegenüber einer voll entwickelten Monarchie mit einer komplexen territorialen Staatsorganisation im Hügelland während des 10. Jahrhunderts v.Chr.“. Die biblische Geschichte passe nur dann, wenn man „diese Könige als Führer von vorübergehenden Stammes- und Dorfkoalitionen interpretiert“. Sicher war vor allem David, so er denn aus der Bibel einmal in die Geschichte tritt, eine charismatische Persönlichkeit, getrieben vom Willen, diese zurückgebliebenen Clans unter seiner Führung zu vereinen. Wie macht man das bei so störrischen Älplern? Lehmann: „Das berichtet die Bibel doch ganz unverhohlen: David hat sie erpresst.“ David habe 30 „Helden“ um sich gesammelt und den Stämmen Geschenke gebracht. „Die Familien-Clans waren nicht sehr groß und wenn da einer mit 30 Totschlägern kam“, spinnt der Archäologe die Geschichte weiter, „dann wussten die Stammesältesten schon, was er wollte – auch wenn er nur Geschenke brachte. Die haben sich die Gaben angesehen und die 30 Pistoleros – und dann haben sie die Geschenke genommen.“

Auf diese Weise könnten David und Salomon geherrscht haben, „ aber eben nur auf diese Weise“. Israel-Juda war kein Staat, sondern eine „personengebundene Herrschaft, die nach Salomon sofort wieder in die Stammesgesellschaft Israel und Juda zerbricht“. Das ist zwar alles Bibel, meint Landschaftsarchäologe Lehmann, „passt aber ganz hervorragend zu den Ergebnissen der Siedlungsarchäologie“. ■

Michael Zick

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