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Das Universum ist der ultimative Teilchenbeschleuniger

Gabriele Veneziano, geboren 1942 in Florenz, ist Physik-Professor am Europäischen Kernforschungszentrum CERN. Er hat fast 250 wissenschaftliche Artikel veröffentlicht.

bild der wissenschaft: Sie werden zuweilen als „Großvater der Stringtheorie“ bezeichnet. Nun haben Sie sich vom Reich des Allerkleinsten zu dem des Allergrößten gewandt – zum ganzen Kosmos. Wie kam es dazu?

Veneziano: Ich habe von 1968 bis etwa 1975 im Rahmen der Stringtheorie geforscht, und dann wieder seit 1985. Ich habe mich der Kosmologie zugewandt, weil sie ein Gebiet ist, um die hochenergetischen Theorien zu testen. Das frühe Universum war der ultimative Teilchenbeschleuniger. Man sollte nicht nur fragen, was die Kosmologie von der Stringtheorie erhalten kann, sondern auch umgekehrt.

bdw: Kritiker bemäkeln, dies alles sei mehr Metaphysik als Wissenschaft – mathematisch anspruchsvoll, aber unüberprüfbar spekulativ.

Veneziano: Wenn die Stringtheorie nicht einige interessante Vorhersagen machen kann, sollten wir unsere Sachen packen und gehen. Ich bin ein wenig enttäuscht, dass die meisten Stringtheoretiker sich mit netter und sehr tiefsinniger Mathematik beschäftigen, aber die wirklichen physikalischen Probleme links liegen lassen. Es gibt eine zu große Betonung auf exakten Lösungen. Wir sollten Werkzeuge finden, die zu unseren Problemen passen – und nicht Probleme, die zu unseren Werkzeugen passen.

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bdw: Ihr Szenario steht nicht mehr allein in der Stringkosmologie. Häufig ist jetzt die Rede von Branen – von Paralleluniversen, getrennt durch eine Extradimension. Auf der großen Stringkonferenz 2002 in Cambridge wimmelte es nur so von Vorträgen darüber.

Veneziano: Ich habe nichts gegen Branen, sie verdienen weitere Studien. Aber ich sehe keinen großen Vorteil in ihnen. Sie sind eher eine Denkmöglichkeit, aber ohne dass die Stringtheorie ihre Existenz wirklich fordert. Teilweise sind Branen einfach eine Mode. Denn da gibt es viel zu rechnen – und Doktorarbeiten. Aber es ist unklar, welche großen Probleme damit gelöst werden können. Vieles beim Branen-Konzept ist recht beliebig und schwer zu prüfen.

bdw: Wenn die Stringtheorie widerlegt würde, dann wäre auch das Prä-Big-Bang-Modell verloren?

Veneziano: Ich denke schon. Wenn wir die Stringtheorie besser verstehen und damit so gut rechnen können wie mit dem Standardmodell der Elementarteilchen, werden wir vielleicht herausfinden, ob sie falsch ist oder nicht, und wissen, ob ihr Daten widersprechen. Leider ist unser Kenntnisstand noch nicht so weit.

bdw: Ist die Stringtheorie eine Art Weltformel – die finale Theorie, von der der Physik-Nobelpreisträger Steven Weinberg gesprochen hat?

Veneziano: Nicht eine finale Theorie, aber eine finite Theorie – also eine Theorie ohne die lästigen Unendlichkeiten in der Mathematik, die uns anderswo so viele Schwierigkeiten machen. Ich halte es eher mit dem Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman: Der Aufwand für einen weiteren Fortschritt wird irgendwann so groß sein, dass keiner mehr die Anstrengung auf sich nehmen wird, sondern auf anderen Gebieten forscht.

bdw: Wie stehen momentan die Chancen?

Veneziano: Die Strings sind immer noch höchst erstaunlich für mich. Wer weiß, vielleicht ist alles bloß ein Traum. Es begann mit Beobachtungsdaten, dann ging’s auf und davon. Die Stringtheorie versagte einmal, sie kann wieder versagen. Aber die neue Version, die M-Theorie, ist auf jeden Fall eine der schönsten Konstruktionen der Welt.

Rüdiger Vaas

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