Das war 1997 - wissenschaft.de
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Allgemein

Das war 1997

Die Höhepunkte eines ereignisreichen Forschungsjahres. Radspuren auf dem Mars, ein geklontes Schaf mit Fragezeichen, fälschende Forscher, ein Jahrhundert-Komet und der El Niño des Jahrhunderts: bild der wissenschaft stellte zusammen, was Schlagzeilen machte – und fragte Top-Forschungsmanager nach Favoriten.

Stürmisches Christkind

Naturkatastrophen weltweit: Ein Wirbelsturm peitscht über Mexikos Prominenten-Seebad Acapulco. Waldbrände lodern im australischen Busch. In Indonesien brennt so viel Regenwald, daß in den dichten Qualmwolken Schiffe kollidieren und Flugzeuge abstürzen. In Peru verwandeln sich Felder in Schlammwüsten, in Neuguinea verdorrt die Ernte und verhungern Menschen. An allem ist „El Niño“, das Christkind, schuld. Und 1997 war es so schlimm wie noch nie seit Menschengedenken.

Das ungestüme Klimaphänomen entspringt in den Weiten des tropischen Pazifik. Im Rhythmus von zwei bis sieben Jahren – stets um die Weihnachtszeit – sorgt es für ungewöhnlich warmes Oberflächenwasser im Ostpazifik. Die gewaltige Wärmequelle läßt die Passatwinde einschlafen – und bringt am Ende das Wetter weltweit aus dem Tritt. Dann gießt es in der knochentrockenen Atacama-Wüste Chiles in Strömen, und im sonst so sonnigen Kalifornien erfrieren plötzlich die Orangen auf den Bäumen.

In diesem Jahr hat sich ein Jahrhundert-El Niño zusammengebraut, wahrscheinlich stärker noch als der Super-El-Niño vom Jahreswechsel 1982/83.

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Schon damals richteten Unwetter Schäden von mindestens acht Milliarden Dollar an und starben Hunderte von Menschen. Aufgeschreckte Politiker hatten daraufhin erhebliche Mittel zur Erforschung des Übels bereitgestellt – eine Investition, die sich offenbar gelohnt hat: Klimaforscher konnten erstmals die drohen-den Wetterkapriolen zuverlässig vor-hersagen. Schon im November des vergangenen Jahres hatten sie für 1997 Alarm geschlagen. „So sicher wie die Wettervorhersage für die nächsten Tage“ sei inzwischen die rechnergestützte Vorhersage eines El Niños über die kommenden sechs Monate, sagt Spezialist Dr. Mojib Latif vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Soviel Prognose-Sicherheit – gestützt auf Daten von Satelliten, Schiffen, Bojen und Flugzeugen – ist ein großer Erfolg der Klima-Modellierer.

Sollten die Prognosen der Hamburger Forscher auch weiterhin zutreffen, wird der Spuk bis zum Frühjahr 1998 anhalten. Der weltweite Katastrophen-Alarm bleibt also. Erst im Sommer sollen sich die Elemente wieder halbwegs beruhigt haben. Die Nachwehen könnten allerdings noch einige Jahre lang für me-teorologische Unruhe sorgen. Ungeklärt ist, ob die Verstärkung der „Niños“ mit dem weltweiten Klimawandel zu tun hat – mit dem von Menschen gemachten Treibhauseffekt. Hier endet auch die Urteilskraft der Experten.

RAUMFAHRT

Rückkehr zum Roten Planeten

Nach einer Serie von Fehlschlägen in den vergangenen Jahren erlebten die Marsforscher im Sommer 1997 endlich einen Erfolg: Mit der US-Sonde „Pathfinder“ landete erstmals seit mehr als 20 Jahren ein irdischer Kundschafter auf dem Roten Planeten.

Zum Star der Mission avancierte „Sojourner“, ein sechsrädriges Marsmobil – das erste Fahrzeug, das sich je auf einem fremden Planeten auf Erkundungstour begab. Wochenlang kroch das Vehikel im Schneckentempo durch die eisige Wüstenlandschaft und zog Spuren in den staubigen Marsboden.

Sojourner dockte an Felsbrocken an, um ihre chemische Zusammensetzung zu bestimmen. Ein Achtungserfolg auch für die deutsche Wissenschaftsszene: Forscher des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz hatten das Spektrometer dazu entwickelt.

Überhaupt wurde die Marsmission zu einem gewaltigen Medienspektakel. Millionen Menschen verfolgten die Abenteuer von Sojourner am Fernsehschirm oder im Internet. Die eigens eingerichtete Homepage klickten weltweit täglich bis zu 40 Millionen Mars-Enthusiasten an.

Für die beeindruckenden Bilder vom Roten Planeten nahm Dr. Horst Uwe Keller vom Max-Planck-Institut für Aeronomie in Katlenburg-Lindau, dessen Team das „Herz“ der Pathfinder-Kamera gebaut hat, im Oktober den „Goldenen Löwen“ des Fernsehsenders RTL entgegen. Ein Fernsehpreis für Planetenforscher: Pathfinder und Sojourner haben es fertiggebracht, Menschen in aller Welt in den Bann des Abenteuers Weltraumfahrt zu ziehen.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Mission nehmen sich dagegen eher bescheiden aus. Am meisten staunten die Forscher über „Barnacle Bill“, einen eher unscheinbaren pockennarbigen Stein, der sich als überraschend erdähnlich erwies.

Daß die Felsbrocken im Area Vallis wie die Zeugen einer längst versiegten Sintflut wirken, hat die Experten hingegen kaum erstaunt – hatten doch die NASA-Planer gerade diese Landeregion gewählt, weil sie schon aus der Satellitenperspektive verblüffend an ein ausgetrocknetes Flußtal erinnerte.

BIOWISSENSCHAFTEN

„Bitte klonen Sie meinen Vater“

Die Welt erregte sich noch über das Klon-Schaf Dolly, da standen bei dem schottischen Wissenschaftler Prof. Ian Wilmut schon Interessenten auf der Matte, die ihren Vater (todkrank) oder ihre Tochter (tödlich verunglückt) dupliziert haben wollten. Das berichtete die Nachrichtenagentur Reuter im Juni 1997.

Wilmut hatte der Öffentlichkeit am 23. Februar mit „Dolly“ das erste Säugetier vorgestellt, das – nach seinen Angaben – aus einer ausgewachsenen Körperzelle geklont war. Das galt bis dahin als unmöglich: Man glaubte, die dazu notwendigen Entwicklungsprogramme seien in erwachsenen Zellen stillgelegt. Das Klonen aus embryonalen Zellen dagegen ist in der Tierzucht längst Standard.

Daher hatte die Nachricht von Dolly wie eine Bombe eingeschlagen. Läßt sich also aus jeder beliebigen Zelle eine Kopie des Spenderkörpers züchten – auch von Menschen? Die Vision von vervielfältigten Nobelpreisträgern und Olympiasiegern machte die Runde.

Jenseits aller wirren Spekulationen haben derzeit Pharmaunternehmen das Hauptinteresse an der Klon-Forschung. Sie wollen aus der Milch genetisch umprogrammierter Tiere Medikamente gewinnen. Das war auch der Antrieb Wilmuts und seines Geldgebers – des schottischen Unternehmens PPL Therapeutics -, Dolly zu erschaffen. Bis heute ist allerdings nicht geklärt, ob es den Schotten wirklich gelungen ist, Dolly aus einer ausgewachsenen Zelle zu ziehen. Der Verdacht wurde nie ausgeräumt, daß die Forscher bei ihrem Versuch versehentlich eine embryonale Schafszelle erwischt hatten. Bisher hat niemand auf der Welt den Versuch mit Erfolg wiederholt.

Für eine andere mögliche Anwendung – die Zucht menschlicher Organe für Transplantationen – scheint die Klontechnik inzwischen gar nicht mehr nötig zu sein. Der britische Biologe Prof. Jonathan Slack von der Universität Bath hat im letzten Oktober Frosch-Embryonen ohne Gehirn hergestellt. Er ist davon überzeugt, daß er in naher Zukunft auf die gleiche Weise menschliche Embryonen ohne Kopf züchten kann – als lebende Organreserve.

Kältepol im All aufgespürt:

Schwedische und US-Astronomen entdeckten den bislang kältesten Ort im Universum. Die Gase im Bumerang-Nebel (Bild) liegen mit minus 270 Grad Celsius nur drei Grad über dem absoluten Nullpunkt.

Elektronische Küchenschabe gebaut:

Japanische Forscher von den Universitäten Tokio und Tsukuba haben sich vorgenommen, Robot-Insekten zu konstruieren – beispielsweise zur Inspektion enger Rohrsysteme. Erstmals stellten die Wissenschaftler eine Küchenschabe mit eingepflanztem elektronischem Schaltkreis vor. Durch elektrische Impulse soll sie dazu gebracht werden können, nach Wunsch ihrer Lenker vorwärts zu laufen oder umzukehren.

Gammastrahlen-Blitze

aus dem Weltall (im Bild: Röntgenaufnahme des Himmels) verwirrten seit drei Jahrzehnten die Astronomen. Jetzt ist mit dem italienisch-niederländischen Satelliten BeppoSAX der Nachweis gelungen, daß sie – zumindest teilweise – aus weit entfernten Galaxien stammen. Der Satellit registrierte 1997 zwei Gamma-Ausbrüche und bei einem davon die Quelle.

Geschwindigkeitsrekord aufgestellt:

In der Black-Rock-Wüste im US-Bundesstaat Nevada durchbrach der britische Luftwaffenmajor Andy Green erstmals mit einem Landfahrzeug die Schallmauer. Für das düsengetriebene Auto wurde eine Geschwindigkeit von 1229,78 Kilometer pro Stunde registriert.

PHYSIK

Das Vakuum kocht

Stellen Sie sich zwei Taschenlampen vor, deren Lichtstrahlen aufeinander gerichtet sind. Dort, wo sich die Strahlen treffen, rieselt plötzlich Materie herab. Dieses völlig verrückt klingende Experiment haben Physiker am Linearbeschleuniger in Stanford, USA, ausgeführt – allerdings nicht mit Taschenlampen, sondern mit einem intensiven Laserstrahl.

Daß Energie und Materie zwei Seiten derselben Medaille sind, wissen die Physiker, seit Albert Einstein seine berühmte Formel E = mc2 aufstellte. Darin sind Energie (E) und Masse (m) über das Quadrat der Lichtgeschwindigkeit verknüpft. Während die direkte Umwandlung von Materie in Energie in Kernreaktoren Alltag ist, gelang der umgekehrte Weg bisher nur indirekt: In Beschleunigern schießen die Forscher Teilchen aufeinander und erzeugen in dem heißen Energieblitz sogenannte virtuelle Photonen. Aus ihnen kristallisieren „massive“ Partikel.

Die Stanforder Physiker benutzten statt dessen die realen Photonen eines Laserstrahls. Sie konzentrierten die gigantische Leistung von einer halben Billion Watt – den Leistungsbedarf der Vereinigten Staaten – in einen Lichtimpuls von einer millionstel millionstel Sekunde. Um die Photonen in dem Laserpuls zur Kollision zu bringen, schickten sie dem Laserimpuls einen fast lichtschnellen Strahl aus Elektronen entgegen. Die Elektronen wirkten wie die Keule eines Baseballspielers, der den Ball des Gegners zurückschlägt. Mit zusätzlicher Energie geladen, prallten die zurückgeschleuderten Photonen auf ihre nachdrängenden Artgenossen. In diesem winzigen Urknall fing das Vakuum buchstäblich zu kochen an und gebar neue Teilchenpaare.

Mit ihrem Experiment wollen die Teilchenforscher die Quanten-Elektrodynamik überprüfen – eine der fundamentalen Theorien der Physik. Sie besagt, daß das ganze Universum von virtuellen Teilchen angefüllt ist, die sich in extrem starken Feldern plötzlich materialisieren können. Die Wissenschaftler vermuten, daß solch höllische Zustände auch auf der Oberfläche von Neutronensternen herrschen.

FORSCHUNG & GESELLSCHAFT

Ein Betrug und seine Folgen

Im Mai 1997 kam der bislang größte Fälschungsskandal in der Wissenschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland ans Tageslicht. Der Krebsforscher Prof. Friedhelm Herrmann (47) und seine ehemalige Mitarbeiterin Prof. Marion Brach (36) wurden beschuldigt, in ihren Veröffentlichungen absichtlich falsche Ergebnisse vorgelegt zu haben. Beide arbeiteten in der biomedizinischen Forschung, in der nach Äußerungen von Insidern derzeit „eine Goldgräberstimmung herrscht wie in keinem anderen Wissenschaftsgebiet“.

Aufgeflogen waren die Betrügereien durch Äußerungen von Brach, der früheren Arbeits- und Lebenspartnerin von Herrmann. Insgesamt ging es um mindestens 35 Arbeiten aus der Berliner Forschungstätigkeit und 12 Arbeiten aus der Freiburger Zeit von Herrmann. Ein Großteil dieser Arbeiten ist unter der Mitautorenschaft von Brach erschienen.

Während Brach einige der ihr zur Last gelegten Fälschungen eingestanden hat, beteuert Herrmann nach wie vor seine Unschuld. Seit Juni vom Dienst suspendiert, verklagte er die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) wegen „unwahrer Tatsachenbehauptungen“ auf Schadenersatz von zehn Millionen Mark. Auch Marion Brach ist nicht mehr im Amt: Sie hat mit Wirkung zum 1. Oktober 1997 ihrer Entlassung zugestimmt.

Der Schaden, den die deutsche Forschung durch den Betrug genommen hat, wird inzwischen weniger dramatisch eingestuft als unmittelbar nach Bekanntwerden des Falls. Die Kommentierung in internationalen Wissenschaftsjournalen wie „Science“ und „nature“ war fair und stellte die Seriosität der deutschen Wissenschaft nicht pauschal in Frage. Gleichwohl reagierte die Deutsche Forschungsgemeinschaft als prominente wissenschaftliche Förderorganisation prompt und berief eine zehnköpfige internationale Untersuchungskommission unter Vorsitz des DFG-Präsidenten Prof. Wolfgang Frühwald ein.

Ziel dieser Kommission ist es, die teilweise verkommenen Publikationssitten wieder strenger zu fassen. So ist es nach Informationen aus der DFG inzwischen fast an der Tagesordnung, ein und dasselbe Experiment in vielen Journalen zu publizieren, um die Veröffentlichungsliste zu verlängern. Auch soll die Zahl der Doktoranden eines Professors auf ein überschaubares Maß reduziert werden.

Um abhängige Wissenschaftler vor Pressionen ihrer Vorgesetzten zu schützen, ist in der Diskussion, Ombudsleute – Vertrauensleute aus dem juristischen Bereich – zu berufen, an die sich Forscher bei entsprechendem Verdacht wenden können. Da praktisch alle guten Hochschulforscher Deutschlands am Tropf der Deutschen Forschungsgemeinschaft hängen (jährliches Fördervolumen: rund zwei Milliarden Mark), stehen die Chancen gut, daß die von der Frühwald-Kommission vorgelegten Empfehlungen auch umgesetzt werden.

ASTRONOMIE

Der Komet des Jahrhunderts

Im Wortsinn für Aufsehen sorgte im Frühjahr 1997 der Komet Hale-Bopp, den bereits im Juli 1995 zwei amerikanische Amateur-Astronomen entdeckt hatten. Mit seinem gelblich-weißen Staub- und dem bläulichen Ionenschweif schmückte er – für jeden leicht sichtbar – mehrere Wochen lang auch den deutschen Abend- und Morgenhimmel. Am 22. März durchlief er in einer Entfernung von 197 Millionen Kilometern den erdnächsten Punkt seiner Bahn. Zum Vergleich: der Abstand zwischen Erde und Sonne beträgt 150 Millionen Kilometer.

Trotz dieser großen Distanz war Hale-Bopp heller als alle anderen Kometen in diesem Jahrhundert – der am längsten mit bloßem Auge beobachtbare Schweifstern aller Zeiten. Ursache seiner spektakulären Erscheinung war, daß Massen von Staub und Eis von der Oberfläche des – mit rund 40 Kilometer Durchmesser ungewöhnlich großen – Kometenkerns ins All stoben.

Auch für die Wissenschaftler bot Hale-Bopp Überraschendes: Sie fanden rund drei Dutzend verschiedene, teilweise nie zuvor bei Kometen gefundene Moleküle, einen dritten Schweif aus Na- trium-Atomen sowie eine 100 Millionen Kilometer große Hülle aus Wasserstoff. Sie machte den Jahrhundertkometen vorübergehend zum größten Objekt im Sonnensystem. Wie 1996 beim Kometen Hyakutake gelang auch diesmal der Nachweis von Röntgenstrahlung, die wahrscheinlich durch die Wechselwirkung des Sonnenwindes mit der Koma (Gashülle) des Kometen erzeugt wurde.

Hale-Bopp ist der meistbeobachtete und -fotografierte Schweifstern aller Zeiten. Im Internet sind mehrere tausend Bilder (http://www.jpl.nasa.gov/comet/) (http://galileo.ivv.nasa.gov/comet/) zu besichtigen. In natura wird er von der Erde aus erst wieder im Jahr 4377 zu sehen sein.

Jupitermond Europa

ist von einem Eispanzer bedeckt. Auf Bildern, die die Raumsonde Galileo 1997 zur Erde funkte, beeindruckt ein Muster aus einander kreuzenden Bruchlinien. Nach Ansicht der Planetenforscher muß der Jupiter- Trabant bis vor kurzem Eisverschiebungen durchgemacht haben.

Unter kilometerdickem Eis dürfte ein Matsch aus Schnee und Stein sowie ein Ozean aus flüssigem Wasser liegen. Spekulation: Enthält Europas Ozean Lebensspuren?

Der erste Atomlaser

begeisterte seine Schöpfer am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Unter der Leitung des deutschen Physikers Wolfgang Ketterle zwangen die Forscher ultrakalte Natrium-Atome, genau in Phase zu schwingen (im Bild) – wie Lichtwellen beim optischen Laser. Es winken Anwendungen in Halbleiter- und Nanotechnik.

Speere aus der Altsteinzeit

entdeckten Archäologen vom Institut für Denkmalpflege in Hannover in einem Braunkohlen-Tagebau bei Schöningen. Auf 400000 Jahre datiert, sind die sorgfältig gearbeiteten Fichtenholz-Speere die ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Menschheitsgeschichte.

Wissen unserer Zeit 1997

heißt die Jahrgangs-CD-ROM, auf der das ganze Forschungsjahr dokumentiert ist: sämtliche Ausgaben von bild der wissenschaft – ergänzt durch Videos, Bilder und Hyperlinks. Das Bestellformular finden Sie auf Seite 98.

Künstliches Chromosom

aus der Retorte der Biotechnologen: Forschern von der Case Western Reserve University in Cleveland/Ohio gelang es erstmals, ein extern zusammengefügtes Paket aus menschlichem Erbgut (Kreis) in eine Krebszellkultur zu schleusen.

MEDIZIN

Bewiesen: Rinderwahnsinn ist übertragbar

Seit Oktober 1997 kann es keinen vernünftigen Zweifel mehr geben: Der Rinderwahnsinn BSE ist durch den Verzehr von infiziertem Fleisch auf den Menschen übertragbar und verursacht dort eine neue Form der tödlich verlaufenden, unheilbaren Creutzfeldt-Jakob-Krankheit des Gehirns (nCJD).

Forscher am Institut für Tiergesundheit in Edinburgh haben bewiesen, daß BSE und nCJD die gleichen Merkmale aufweisen. Sie infizierten dazu Mäuse mit Erregern aus Rinderhirnen und aus gestorbenen nCJD-Patienten. Dann verglichen sie den Krankheitsverlauf und die Veränderungen im Gehirn der Mäuse.

Wissenschaftlern um John Collinge am Londoner Imperial College gelang es zudem, Mäuse, deren eigenes Prion-Gen zuvor durch das Prion-Gen des Menschen ersetzt worden war, mit BSE zu infizieren. Krankheitsverlauf und Symptome waren mit denen von nCJD identisch. Prionen sind Proteine, die bei allen Säugetieren vorkommen, und zwar in zwei Formen: in der normalen, deren Funktion man bisher nicht kennt, und in der krankmachenden, die der normalen in einem katalytischen Prozeß ihre eigene Form aufzwingt. Für die Entdeckung dieses zuvor noch nie beobachteten Krankheitsmechanismus erhielt der Amerikaner Stanley Prusiner den Nobelpreis für Medizin 1997.

An der neuen Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit sind bisher, soweit bekannt, 21 Menschen gestorben: 20 in Großbritannien, einer in Frankreich. Sie trifft offenbar vor allem junge Menschen. An der schon seit Jahrzehnten beobachteten, „klassischen“ Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (kCJD) erkranken meistens Menschen jenseits des 60. Lebensjahres, die im allgemeinen innerhalb von sieben Monaten sterben. Die Opfer der nCJD hingegen waren durchschnittlich knapp 30 Jahre alt, und der Tod trat bei ihnen erst nach 14 Monaten ein.

Wie viele Menschen noch am Rinderwahnsinn sterben werden, kann bisher niemand sagen. Weder kennt man die genaue Zeit, die zwischen Infektion und Krankheitsausbruch vergeht, noch weiß man, wie viele Menschen vom Fleisch infizierter Rinder, die seit Mitte der achtziger Jahre auf den britischen Weiden standen, gegessen haben. Erst im vergangenen Herbst wurde in Deutschland wieder Rindfleisch von der Insel beschlagnahmt, das ungeachtet aller Verbote auf den Kontinent importiert worden war.

ANTHROPOLOGIE

Das Glück von Gran Dolina

Aus jeweils hundert aufeinanderfolgenden Generationen von Vor- und Frühmenschen verfügen die Paläoanthropologen – die Erforscher und Chronisten der Menschwerdung – im Mittel nur über ein einziges fossiles Individuum. Fossilfunde sind seltene Glücksfälle.

Die „Gran Dolina“-Höhle nahe Burgos in Nordspanien entpuppte sich seit Grabungsbeginn 1994 für die Anthropologen José Maria Bermudez de Castro, Juan Luis Arsuaga und Eudald Carbonell als wahre Fundgrube. Achtzig menschliche Fossilien aus dem Unteren Pleistozän Spaniens, 780000 Jahre alt, kamen seitdem ans Licht – aus einer Epoche, die ein weißer Fleck auf der Evolutions-Landkarte war.

Im Fachblatt „Science“ präsentierten die stolzen Spanier am 30. Mai 1997 ihre Auswertung. Die Fossilien wiesen eine einzigartige Kombination von Merkmalen auf – beispielsweise primitive Zähne, die an den vor 1,6 Millionen Jahren in Afrika lebenden „Homo ergaster“ (lateinisch: Handwerker) erinnern, und den modernen mittleren Gesichtsschädel des Homo sapiens. Die Forscher sehen ihren Fund als neue Spezies und schlagen dafür den Namen „Homo antecessor“ vor.

Der Name ist Programm. Denn die Ausgräber sagen nicht nur, dies seien die ältesten, sicher datierten frühmenschlichen Fossilien auf europäischem Boden. Sie deuten ihren „Antecessor“ (lateinisch: Vorgänger) auch als gemeinsamen Vorfahr von Neandertaler und modernem Menschen.

Das ist ein kleiner posthumer Trost für den vor 35000 Jahren ausgestorbenen Neandertaler. Zwar hat eine DNA-Analyse des Münchener Genetikers Matthias Krings ihn 1997 hochkant aus der Ahnenreihe von Homo sapiens sapiens katapultiert. Aber wenigstens einen gemeinsamen Stammvater hat man ihm zuerkannt.

Pannen und Posaunen

markierten das Raumfahrtjahr 1997. Für die russische Raumstation MIR brachte der 25. Juni 1997 die folgenreichste unter mehreren Pannen: Bei einem mißglückten Andock- manöver rammte eine „Progress“-Versorgungskapsel das Forschungsmodul „Spektr“ – Sonnensegel fielen aus, die Bordenergie wurde knapp. Aufatmen konnten hingegen die Arianespace-Manager: Im zweiten Anlauf, nach dem Fehlstart 1996, gelang der neuen Trägerrakete Ariane 5 der Jungfernflug.

Das Ende des Superphenix

ist eingeläutet. Bei seiner Regierungserklärung am 19. Juni 1997 gab Frankreichs neuer Premierminister Lionel Jospin bekannt, der Schnelle Brutreaktor in Creys-Malville werde aufgegeben. Damit hat diese Technologie – mehr Kernbrennstoff wird erzeugt als verbraucht – nach dem Aus für das Kalkar-Projekt einen weiteren Schlag erlitten.

32,8 Kilogramm Plutonium

hatte die Raumsonde Cassini im Stromerzeugungssystem an Bord, als sie am 15. Oktober zum Saturn startete. Es war die größte Menge, die je ins All geschossen wurde. Das 3,4 Milliarden Dollar teure Projekt gefährdet die Menschheit, sagen Kritiker: Bei einem Beschleunigungsmanöver im August 1999 kommt Cassini der Erde sehr nahe. Die NASA hält das Risiko für gering.

Ralf Butscher / Klaus Jacob / Jürgen Nakott / Bernd Müller / Wolfgang Hess / Rüdiger Vaas / Thorwald Ewe

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Fors|tung  〈f. 20; unz.〉 das Forsten

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