Datentausch von Haut zu Haut - wissenschaft.de
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Datentausch von Haut zu Haut

Die phantastischen Visionen der Infobranche: In Zukunft kommuniziert jeder mit jedem: Der Geschäftsmann mit dem Computer in der Firma, der Kühlschrank mit dem Supermarkt und das Auto mit der Werkstatt. Das alles geht schnurlos, ohne daß man sich um Technik und Tarife kümmernmuß. Infos im Internet Personal Area Network: http://www.ibm.com/Stories/1996/11/Is961126-01.html

Eine alltägliche Szene, die sich tausendfach auf Messen und Symposien abspielt: Zwei Menschen treffen sich, begrüßen einander, schütteln sich die Hand. Was niemand ahnt: Kaum berühren sich die Fingerkuppen, fließen Bits und Bytes einer Digitalen Visitenkarte oder gar komplette Firmenprospekte von einer Hand zur anderen. Ein Mikrochip in der Schuhsohle oder in der Armbanduhr speichert die Informationen.

„Personal Area Network“, kurz PAN, heißt der intime Datenverkehr, der das lästige Hantieren mit Visitenkarten überflüssig machen soll. Ersonnen wurde er von Forschern des renommierten Massachusetts Institute of Technology in Boston sowie von Ingenieuren aus drei Dutzend Firmen, darunter IBM. Sie nutzen den natürlichsten „Information-Highway“, den es gibt: die Haut.

Die Haut dient auch als Medium, wenn die digitalen Visitenkarten über einen PAN-Sensor am Computer in die Bürodatenbank geladen werden. Dazu genügt das Antippen der Tastatur oder eines berührungsempfindlichen Bildschirms. Die Streicheleinheit dient dabei gleichzeitig als Paßwort, mit dem der PC die Zugriffsberechtigung des Benutzers überprüft. Ein Prinzip, das sich auch als Sesam-Öffne-Dich für Wegfahrsperren in Autos, das Mobiltelefon oder die Haustür eignet. Sogar als Lebensretter wollen die PAN-Väter ihren jüngsten Kommunikationssproß einsetzen: Bei einem Unfall müßte der Notarzt den Patienten nur noch sanft berühren, um über Blutgruppe, Allergien, chronische Vorerkrankungen und Hunderte anderer medizinisch wichtiger Details im Bilde zu sein.

Herbert Kirchner, PAN-Entwicklungschef bei IBM Deutschland, hat am Gebrauchswert der Zukunftstechnik nicht den geringsten Zweifel: „Ich bin völlig sicher, daß wir das Verfahren irgendwann in Produkten einsetzen.“

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Wie das gehen könnte, hat sich MIT-Forscher Neil Gershenfeld schon vor einigen Jahren überlegt: Werden seine Visionen Realität, so stecken bald Kommunikationschips im Hemdkragen, in der Brille oder im Absatz. Angetrieben durch die Bewegungsenergie beim Gehen, könnten die denkenden Schuhe des MIT-Professors eines Tages im Vorbeigehen den Kühlschrankinhalt speichern und ihren Besitzer beim Besuch eines Supermarkts per Display in der Brille daran erinnern, daß zu Hause Eier und Margarine fehlen.

Daß dies keine Phantasien unterbeschäftiger Wissenschaftler sind, beweist der „Kühlschrank mit Hirn“ des Mediacenters in Friedrichshafen am Bodensee. An Funketiketten jedes Lebensmittels erkennt ein Lesegerät Produktions- und Haltbarkeitsdaten, Gebrauchshinweise und Lagerbedingungen. Über die normale Stromleitung – wie beim Babyruf – überträgt die Kältemaschine alle ermittelten Informationen an einen PC. Dort wird über den Lebensmittelvorrat Buch geführt. Drohen Wurst, Käse oder Joghurt auszugehen, bestellt der Rechner via Modem und Internet Nachschub. Auf Wunsch gibt’s Menüvorschläge per Sprachausgabe. Falls nötig nervt das Gerät mit Alarmmeldungen wie „Temperatur zu hoch“ oder „Tür geöffnet“.

Jenseits des Jahres 2000 wird das Haus Tummelplatz mobiler Kommunikationstechniken sein, glaubt der Leiter des Friedrichshafener Mediacenters, Roland Straub: Sensoren weisen dann im Abwasser Karies und Zahnfleischbluten nach. Der Badezimmerspiegel wird nicht nur als Fernseher dienen, Meßfühler und Kameras sollen auch Temperaturunterschiede im Gesicht als Indiz für den Gesundheitszustand analysieren, Erkrankungen per Augendiagnostik nachweisen oder Puls und Blutdruck messen. Weichen die Werte vom Soll ab, wird der Hausarzt online alarmiert.

Schon heute bietet „intelligente“ Haustechnik einen Vorgeschmack auf die Zukunft. Ein Computer schützt Wohnung oder Eigenheim, während der Eigentümer die schönsten Wochen des Jahres unbeschwert am Urlaubsstrand genießt. Das Managementsystem von Bosch beispielsweise schaltet auf Knopfdruck in das programmierte Szenario „Urlaub“ und aktiviert die Alarmanlage, überwacht technische Geräte, meldet Störungen und simuliert mit der automatischen Licht- und Rolladensteuerung die Anwesenheit von Bewohnern. Selbst die Blumen lassen sich so mit Wasser versorgen. Melden Einbruchsensoren, daß etwas nicht stimmt, setzt das System einen Notruf zur nächsten Polizeidienststelle ab oder alarmiert den Wohnungsbesitzer per Mobiltelefon am Urlaubsstrand. Wer der Haussteuerung am letzten Ferientag seine Rückkehr meldet, betritt auch nach dem Winterurlaub ein wohlig warmes Heim.

Wird eines Tages also die Küchenmaschine Daten mit dem Auto austauschen, die Waschmaschine den Kühlschrank verstehen lernen und der PC den Toaster von lästigen Computerviren befreien müssen? Droht die totale Vernetzung? „Ein großer Teil dieser Visionen wird Wirklichkeit“, glaubt Gerhard Fettweis, der an der TU Dresden neue Kommunikationstechniken erforscht. „Aber nicht alles sollte mit jedem verbunden sein. Die Technik muß gleichzeitig als Wächter fungieren, um eine Flut von Informationen zu verhindern.“

Sicher ist: Bevor die totale Kommunikation Einzug in unseren Alltag hält, müssen die Grenzen zwischen den Netzen verschwinden.

So wie Telekommunikation, Computer- und Fernsehtechnik zur Multimediatechnologie verschmelzen, werden Mobilfunk- und Festnetz, aber auch Kabelnetze, Computernetze und nicht zuletzt das weltumspannende Internet zu einem einzigen Dienstnetz mit gewaltigem Potential zusammenfinden, meint Norbert Niebert, vom Forschungszentrum Eurolab der Ericsson Deutschland GmbH in Herzogenrath.

Dann werden wir nicht mehr „Endgeräte“ – zum Beispiel Telefonapparate oder Faxgeräte – anrufen, sondern Personen. Egal wo sich unser Gesprächspartner befindet, egal welches Kommunikationsgerät er gerade benutzt – das Telefonnetz fungiert als elektronische Sekretärin, ist Pförtner und intelligente Vermittlungsstelle.

Noch sieht die Realität anders aus: Wer heute sein Handy in den USA oder in Japan benutzen will, hat Pech, weil die Mobilfunkwelt in unterschiedliche Empfangsbereiche und -techniken eingeteilt ist und deutsche GSM-Handys für die D-Netze in vielen anderen Ländern nicht funktionieren.

Doch allmählich beginnt sich die starre Trennungslinie zwischen Festnetzen und Mobilfunknetzen aufzulösen. Sogenannte Dual-Mode-Handys, die sowohl die Signale des GSM-Mobilfunknetzes als auch die digitale europäische Norm für Schnurlostelefone (DECT, Digital European Cordless Telecommunications) verstehen, haben die Testphase hinter sich. Vorteil für den Telefonkunden: Zu Hause läßt sich mit dem Handy zum billigen Festnetztarif telefonieren. Doch auch die Preise für Mobilfunk werden purzeln: Unter zehn Pfennig pro Minute hält Gerhard Fettweis in nicht allzu ferner Zukunft für möglich.

Triple-Mode- oder Multi-Mode-Handys, die sämtliche Mobilfunk- und DECT-Netze und sogar Satelliten-Netze verkraften, sind bei den Herstellern mehr als bloße Visionen. Der Kunde soll sich künftig nicht mehr darum kümmern müssen, in welchem Netz er telefoniert. „Sogenannte Triple- oder Multiband-Geräte, die unterschiedliche Frequenzen empfangen und senden können, werden schon zur CeBIT im Frühjahr ein großes Thema sein“, verspricht Peter Meisner, Hauptabteilungsleiter Technik beim Mobilfunkanbieter E-Plus.

Für Gerhard Fettweis ist all das nur ein erster Schritt. Seine Vision heißt „Software-Radio“, ein Handy, das sein gesamtes „Fachwissen“ über Frequenzen und Netztechnik per Funk als Software bezieht. Das Universaltelefon der Zukunft verzichtet auf unterschiedliche Chips für jeden neuen Standard und lädt statt dessen die notwendigen Programme direkt aus dem fremden Funknetz in den eigenen Computer. „Der Anruf bei einer Servicenummer genügt. Schon ist das Handy auf den japanischen Funkstandard umgerüstet und die Reise kann beginnen“, schwärmt Fettweis. Das globale Handy ähnele einem Personal Computer, der sich durch die richtige Software ebenfalls ganz nach Bedarf in eine Schreibmaschine, ein Faxgerät oder ein Nachschlagewerk verwandelt.

Noch hat die Telekommunikationstechnik nicht das atemberaubende Entwicklungstempo der Computerindustrie erreicht. Während diese offene Standards anbietet, die von kleinen Firmen für innovative Produkte genutzt werden, wird das Geschäft mit der Kommunikation von übernationalen Normungsgremien bestimmt. Institutionen wie die International Telecommunications Union (ITU) in Genf oder das europäische Standardisierungsgremium ETSI nahe Nizza planten die Zukunft bislang im Windschatten jahrzehntelanger Monopole.

Die Zeit sei reif für einen Umbruch, denkt Gerhard Fettweis: „Das Netz darf künftig nur noch Hardware sein, neue Techniken müssen sich als Software zum Herunterladen entwikkeln. Jede kleine Firma, jede Arbeitsgruppe an der Universität kann dann die Kunden nach wenigen Monaten mit neuen Produkten oder Dienstleistungen beglücken.“ Erste Betätigungsfelder bietet „General Packet Radio Service“ (GPRS), ein neuer Standard des europäischen Normungsinstituts ETSI. Er funktioniert ähnlich wie der heutige „Short Message Service“ (SMS), bei dem Textnachrichten in den Sprachkanal eingeschmuggelt und an dafür geeignete Handys übertragen werden. Der entscheidende Unterschied: GPRS verfügt über eine zehnmal höhere Datenrate.

Die ersten dieser Multimedia-Handys, die später mit eingebauter Kamera sogar als Bildtelefon fungieren sollen, könnten schon 1999 für unter 100 Mark auf den Markt kommen, hofft Niebert. Doch die Anwendungen wären nicht auf den persönlichen Gebrauch beschränkt: Überall zu Hause:Solche Antennen vermitteln Telefongespräche nach dem DECT-Standard. Vorteil: Man kann das Schnurlostelefon – und damit den Telefonanschluß – überallhin mitnehmen.

Getränkeautomaten würden mit Hilfe der Mobilfunkbausteine automatisch melden, daß sie leer sind. Jedes wichtige Postpaket könnte laufend seinen Standort mitteilen. Statt eines teuren Ausflugs in die Werkstatt ließen sich Autopannen in vielen Fällen per Mobilfunk beheben – eine Technik, die heute noch Formel-1-Boliden vorbehalten bleibt. Sensoren im intelligenten Haushalt erhielten brandneue Software-Versionen aus dem Äther.

Mußten Handys bisher mit einem GPS-Empfänger (Global Positioning System, globales Satelliten-Ortungssystem) kombiniert werden, um den genauen Standort des Funktelefons zu ermitteln, so wird das Mobilfunknetz der Zukunft die exakte Position automatisch bestimmen können.

Verkehrsführungssysteme für Autos würden preiswerter, Navigationssysteme selbst für Radfahrer und Fußgänger erschwinglich.

„Das Handy kennt überall auf der Welt den Weg zum gesuchten Hotel, führt zum nächsten Taxistand oder lotst Polizei und Krankenwagen bei einem Überfall zum Tatort“, sagt Ericsson-Entwickler Niebert und schwärmt vom „Smart Shopping“. Ob in Hongkong oder New York, ein Blick auf das Handy-Display wird genügen, um den preisgünstigsten Jeans-Laden oder das nächstgelegene Restaurant ausfindig zu machen. Eine Riesenchance für pfiffige Unternehmer, völlig neue Dienstleistungen rund um den Mobilfunk anzubieten.

Selbst kleine Firmen könnten schon bald global agieren und das nationalstaatliche Wertesystem aufbrechen. Norbert Niebert ist sich sicher: „Der staatliche Einfluß wird durch die Technik immer mehr zurückgedrängt, dafür werden Unternehmen an Macht gewinnen. Regelungen können zunehmend nur noch auf UN-Level getroffen werden.“ Der Streit um Steuersätze und Freihandelszonen im Internet-Handel zeige die Hilflosigkeit der Politik.

Ungeachtet solcher Schwierigkeiten halten amerikanische Trendforscher noch weitergehende Visionen bereit. Das Internet werde sich, so spekulierte jüngst das US-Magazin Popular Science, zum „LifeNet“ entwickeln. Von der Einführung körpereigener Kommunikationsnetze à la PAN bis zu einer vollkommenen virtuellen Welt sei es nur ein kurzer Schritt. Statt andere Menschen zu treffen, werden wir um das Jahr 2010 nur noch Bits und Bytes vor dem heimischen Computermonitor austauschen.

Träfe diese beängstigende Prognose ein, so wäre der Straßenverkehr fast abgeschafft, würde sich der Gütertransport auf ein Minimum reduzieren. Wer Wochen oder Monate vor dem Rechner verbringe, benötige nur noch 600 Kalorien täglich, schreibt das Magazin. Die Ressourcen der Erde ließen sich schonen, die Dritte Welt würde profitieren.

Im Endstadium dieser Entwicklung bliebe dem menschlichen Körper als einzige Aufgabe, das Gehirn funktionstüchtig zu halten, damit es im weltumspannenden „LifeNet“ den Hunger nach neuen kommunikativen Erlebnissen stillen kann.

Infos im Internet

Personal Area Network: http://www.ibm.com/Stories/1996/11/ls961126-01.html

Der Mikrochip in der Schuhsohle

Das „persönliche Netzwerk“, kurz PAN, nutzt die elektrische Leitfähigkeit der menschlichen Haut zur Übertragung von Daten. Ein Minisender erzeugt dabei ein magnetisches Feld. Das wiederum induziert im Körper einen winzigen Strom von einem milliardstel Ampere. Das ist schwächer als der Strom, den der Körper selbst erzeugt – eine Gesundheitsgefährdung ist ausgeschlossen. Berühren sich zwei Personen, von denen einer mit einem PAN-Sender, der andere mit einem Empfänger ausgerüstet ist, so können Informationen über die Haut übertragen werden. IBM-Forscher erreichen mit dieser Technik bereits eine Übertragungsrate von 2400 Bit pro Sekunde – etwa soviel wie ein einfaches Faxmodem. Theoretisch sind sogar 400000 Bit pro Sekunde möglich.

Peter Frey

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Ars Aman|di  〈f.; – –; unz.〉 Liebeskunst [<lat. ars ... mehr

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