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Den Urahn gab es nicht

Jahrzehntelang waren Paläoanthropologen auf der Suche nach „dem“ gemeinsamen Vorfahren von Menschenaffe und Mensch. Heute müssen sie erkennen: Sie haben ein Phantom gejagt. Der Stammbaum der Hominiden ist in Wahrheit ein verfilztes Gestrüpp.

„Ich wundere mich im nachhinein über mich selbst“, sagt Friedemann Schrenk. „Auch ich habe jahrelang diese Idee des ,Missing Link‘ im Kopf gehabt. Wenn ich das rückblickend analysiere, kommt es mir vor, als wäre ich regelrecht verblendet gewesen.“

Er braucht nicht zerknirscht zu sein. Der 46-jährige Paläobiologe – Professor am Institut für Zoologie der Frankfurter Universität und Leiter der Abteilung Paläoanthropologie am Forschungsinstitut Senckenberg – ist in bester Gesellschaft. Seitdem der Holländer Eugène Dubois 1891 auf Java den ersten Schädel eines Homo erectus fand, waren Generationen von Forschern gedanklich oder bei Grabungsprojekten auf der Suche nach dem Missing Link, dem fehlenden Verbindungsglied der Ahnenreihen von Menschenaffe und Mensch.

Der Gedanke lag verführerisch nahe, dass es „ihn“ – den entfernten gemeinsamen Ahnen – gegeben haben müsse. Denn irgendwann interessiert man sich für die Genealogie der eigenen Familie, und im Geschichtsunterricht muss man sich mit den Dynastien diverser Herrscherhäuser quälen. Zum Beispiel mit den Karolingern. Was haben Pippin und Ludwig der Fromme gemeinsam? Sie sind Söhne von Karl dem Großen – er ist der gemeinsame Stammvater, von dem aus sich die dynastischen Linien in zwei Richtungen gabelten.

Der Schimpanse ist der nächste Verwandte von Homo sapiens. Darauf verwies schon in den siebziger Jahren die Analyse der Blutproteine beider Spezies. Anhand der geringfügigen Abweichungen in den Genen, die für den Zusammenbau dieser Proteine verantwortlich sind, errechneten Molekularbiologen: Vor zirka sechs Millionen Jahren dürften sich die Linie der Hominiden (der „Menschenartigen“) und der Schimpansen auseinander entwickelt haben – aus einer Vorläufer-Population, so die selbstverständlich scheinende Annahme. Wenn man von ihr doch endlich Fossilien fände!

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Einige, die das Glück hatten, aus dem Boden Afrikas versteinerte Hominiden-Reste zu graben, wähnten sich diesem Ziel sehr nah. Aber keiner jubelte so laut wie der Anthropologe Bernard Wood, heute Professor an der George Washington University. Als 1994 in Äthiopien 4,4 Millionen Jahre alte vormenschliche Fossilien ans Licht kamen – später auf den Namen „ Ardipithecus ramidus“ getauft –, sagte Wood hingerissen: „Für mich sieht das entweder wie der gemeinsame Vorfahre aus, oder es ist verdammt nah dran. Wir betrieben Haarspalterei, wenn wir dies nicht als das Missing Link bezeichnen würden!“

Ob dieser forschen Aussage werden Bernard Wood heute die ungespaltenen Haare zu Berge stehen. Denn innerhalb der letzten vier Jahre – so Friedemann Schrenk – „hat sich das Missing Link buchstäblich in nichts aufgelöst“. Neue Fossilfunde haben das ganze Szenario der Menschwerdung auf den Kopf gestellt.

Bisher las sich das so: Die Entwicklung von den Hominiden-Vorläufern in Richtung Mensch habe sich im „Rift Valley“ abgespielt, das sich vom heutigen Äthiopien aus durch ganz Ostafrika bis nach Malawi im Süden zieht. Tektonische Prozesse hatten in dieser Region vor rund zehn Millionen Jahren zwei Bergketten hochgepresst, zwischen denen ein Graben einbrach. Die aus Westen kommende feuchte Luft regnete an den Gebirgszügen ab – westlich der Bergbarriere erhielt sich der tropische Regenwald, in dem die baumbewohnenden Primaten sich in Richtung Affen weiterentwickelten.

Der Grabenbruch hingegen und die Region östlich davon lagen im Regenschatten. Dort wich der Wald allmählich einer offenen Savanne mit einzelnen Baumgruppen. Das habe – so die alte Vorstellung weiter – beginnend vor etwa sechs Millionen Jahren die Ahnen des Menschen im Lauf der folgenden Jahrmillionen gezwungen, sich aufzurichten, um Raubtiere frühzeitig zu erspähen. Durch die Erfindung des aufrechten Gangs bei den vormenschlichen Australopithecinen („Südaffen“) seien die Hände für den Gebrauch und schließlich, vor rund 2,5 Millionen Jahren, auch für die Herstellung von Werkzeugen frei geworden: Die Startlinie der Gattung Homo war damit erreicht.

Heute ist die Rift-Valley-Hypothese Makulatur. Denn neue Funde haben neues Licht auf die Szene geworfen.

• 1995 fiel ein Warnschuss gegen die alten Ideen. Ein Team um Prof. Michel Brunet von der Universität Poitiers entdeckte in Zentralafrika, im wüstenhaften Norden des Tschad, den 3 bis 3,5 Millionen Jahre alten Unterkiefer einer neuen Spezies, „ Australopithecus bahrelghazali“ genannt. Es war das erste Vormenschen-Fossil außerhalb Ost- oder Südafrikas. Noch konnte man diesen Fund als Merkwürdigkeit ohne weiteren Belang abtun.

• 1999 meldete der Geologe Dr. Yohannes Haile-Selassie von der University of California den Fund von Zähnen und Knochen einer neuen Unterart in Äthiopien: „Ardipithecus ramidus kadabba“ – zwischen 5,2 und 5,8 Millionen Jahre alt. Verblüffenderweise ähnelten die Zähne viel stärker denen von deutlich jüngeren Hominiden als denen von fossilen oder heutigen Affen. Und, noch verwirrender: Anhand eines fossilen Zehenknochens schloss Haile-Selassie, das Wesen sei ziemlich sicher bereits aufrecht gegangen. Viel zu früh – nach dem alten Modell.

• 2000 entdeckten die Anthropologen Dr. Brigitte Senut und Dr. Martin Pickford in den kenianischen Tugen-Hügeln die Reste einer bislang unbekannten Vormenschenart: „Orrorin tugenensis“, passend zum Jahr als „Millennium Man“ bezeichnet. „Ganz klar eher menschlich als australopithecinenartig“, meint Senut. Und der 6 Millionen Jahre alte Orrorin sei garantiert aufrecht gegangen.

• 2001 freuten sich Dr. Meave Leakey vom Kenianischen Nationalmuseum in Nairobi und ihr Grabungsteam über einen Fund am Westufer des Turkana-Sees in Kenia: Schon wieder ein neuer Hominide an Bord – „Kenyanthropus platyops“ (flachgesichtiger Kenia-Mensch) – 3 bis 3,5 Millionen Jahre alt. Und wieder knisterte es im traditionellen Stammbaum: Das Flachgesicht verbindet kleine Zähne, die nach Homo aussehen, mit einem Schädel nach Art eines robusten Australopithecus, der erst eine Million Jahre später lebte.

• 2002 schließlich kam der Todesstoß für das Modell von der Menschwerdung im ostafrikanischen Grabenbruch. Da stieß das Team um Michel Brunet erneut im zentralafrikanischen Tschad auf einen Schädel, den es einer neuen Gattung zuwies: Sahelanthropus tchadensis.

Der Schädel des Sahelanthropus sieht aus, als sei er der Fantasie eines Fälschers entsprungen, der die Zunft der Paläoanthropologen auf die Schippe nehmen wollte: Gewaltige Augenwülste, die einem Gorilla gut zu Gesicht stehen würden. Dazu ein unäffisch flacher Gesichtsschädel, der einem nur 1,7 Millionen Jahre jungen Australopithecus gehören könnte. Ein winziger Hinterkopf, der von einem Schimpansen stammen könnte, komplettiert das Unikum aus der tschadischen Wüste. Was aber das Schlimmste für die Rift-Valley-Hypothese ist: Die reichen Begleitfunde von tierischen Fossilien dokumentieren, dass der Sahelanthropus-Schädel aus Zentralafrika stolze 6,5 Millionen Jahre alt ist. Damit liegt er sogar zeitlich früher als der kenianische Orrorin und schlägt in punkto Alter sämtliche Hominiden-Funde aus dem ostafrikanischen Grabenbruch.

Der südafrikanische Paläoanthropologe Prof. Phillip Tobias erfuhr damit eine Bestätigung, die nicht deutlicher hätte ausfallen können. Schon vor mehr als einem Jahrzehnt hatte er – von skeptischen Kommentaren vieler Kollegen begleitet – hartnäckig die Ansicht vertreten: Die Entwicklung der Hominiden war ein „pan-afrikanisches Phänomen“, sie hat in vielen Regionen des Schwarzen Kontinents gleichzeitig stattgefunden.

Heute müssen die Zweifler Phillip Tobias Abbitte tun. „Die Paläoanthropologie ist abhängig von der Fundlage“, kommentiert Friedemann Schrenk. Nur unter speziellen geochemischen Bedingungen haben sich da ein Stück Schienbein und dort ein Unterkiefer erhalten – und werden in ebenso seltenen Glücksfällen auch noch von Paläanthropologen gefunden. „Vor dem Jahr 2000 gab es einfach keine Fossilien von Hominiden aus der Zeit vor sechs Millionen Jahren. Die Funde, die wir bis dahin hatten, haben uns über deren wahre Verbreitung getäuscht.“

Andererseits, räumt der Frankfurter Forscher freimütig ein, hätte man sich’s auch vorher schon denken können, dass die ostafrikanische Missing-Link-Hypothese falsch sein müsse. „In den vielen Hundert Millionen Jahren der biologischen Evolution gab es nie nur eine einzige Wurzel für eine neue Entwicklungslinie, sondern stets mehrere geographische Varianten. Warum hätte das bei der Evolution des Menschen anders sein sollen?“

Schrenk nennt als Beispiel die Besiedlung des Festlandes vor rund 400 Millionen Jahren – die habe mehrmals unabhängig voneinander stattgefunden. Oder die Entwicklung der Vögel aus den Reptilien: „Lange haben die Paläontologen nach dem einen Urvogel Archaeopterix gefahndet“, sagt er. „Bis sie einsehen mussten, dass es viele unterschiedliche Übergangsformen in Richtung Vögel gegeben hat.“ Und so, argumentiert Schrenk, sei auch der aufrechte Gang mit Sicherheit in mehreren Regionen Afrikas etliche Male „erfunden“ worden. Das wahrscheinlichste Szenario sieht so aus:

Vor sieben bis acht Millionen Jahren begann im Lauf eines Klima-Umschwungs der tropische Regenwald zu schrumpfen, der zuvor von West- bis nach Ostafrika gereicht hatte. In einer breiten Randzone dünnte sich der Urwald nach und nach zu einem Flickenteppich aus einzelnen Baumgruppen aus – nicht identisch mit der Savannenlandschaft des alten Modells, sondern ein mit Flussläufen und Seen durchsetztes Feuchtgebiet.

„In dieser Rückzugszone des Regenwaldes war es nicht mehr möglich, sich ausschließlich hangelnd fortzubewegen“, argumentiert Schrenk. Dort seien die zuvor baumbewohnenden Primaten auf den Boden gezwungen worden. Schon die schimpansenartigen Vorläufer hatten sich aufrichten und auf den Ästen kurzzeitig aufrecht laufen können – nun, in den baumlosen Lücken im Regenwaldrand, bot dies viele Vorteile und wurde daher in der Folgezeit verstärkt. So seien in einem breiten Gürtel Innerafrikas, der einem liegenden „U“ gleicht und das ostafrikanische Rift-Tal ebenso einschließt wie die Tschad-Senke (siehe Karte am Anfang dieses Beitrags), vielerorts aufrecht gehende Vormenschen-Varianten entstanden. Sie hätten sich vermischt und vielgestaltige Nachkommen gezeugt, von denen manche ausstarben und andere überlebten.

Für lineare Vorfahr-Nachfahr-Beziehungen à la Karolinger, mit einem dynastischen Urvater an der Wurzel, ist in diesem afrikanischen Mosaik kein Platz. „Daraus lässt sich kein Stammbaum konstruieren“, sagt Friedemann Schrenk. „Das ist ein Stammbusch.“

KOMPAKT

• Die Suche nach dem „Missing Link“, dem letzten gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpanse, ist zu Ende.

• An ihre Stelle tritt, angesichts neuer Fossilfunde, die Erkenntnis: Die Evolution zum Menschen fand in vielen Regionen Afrikas gleichzeitig statt.

Thorwald Ewe

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