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Allgemein

Der Feldherr und der Träumer

Ramses II. und Echnaton – zwei Pharaonen veränderten die Welt. Echnaton, von seinen Zeitgenossen als religiöser Träumer verabscheut, jagte das alte Ägypten in eine Kulturrevolution ohne Beispiel. Ausgerechnet Ramses, der erste Realpolitiker, vollendete sie. So begann vor Tausenden von Jahren der Einstieg in die Moderne.

Ein starkes Stück: „Ramses II. ist der politische Vollender Echnatons“, sagt, ohne mit der Wimper zu zucken, Dr. Arne Eggebrecht. Die These des Ägyptologen ist umstürzlerisch: Ramses der Große und Echnaton der Ketzer – zwei zusammengehörige Seiten im ägyptischen Geschichtsbuch? Mehr als nur das, meint der scheidende Direktor des Roemer- und Pelizaeusmuseums in Hildesheim: „Hier wurde ein völlig neues Menschenbild entworfen. Das war der Einstieg in die Moderne.“ Bei solchen Sätzen wird so mancher Ägyptologe zusammenzucken. Aber Eggebrecht bekommt Schützenhilfe von seinem Kollegen Prof. Dietrich Wildung, dem Herren über alles Museal-Ägyptische in Berlin, und dessen Frau Sylvia Schoske, der Hüterin der ägyptischen Schätze in München. Beide proklamieren schon für die Zeit um 2000 v. Chr. „die Geburt des Individuums“ im Pharaonenreich: „Das menschliche Individuum begreift sich selbst als verantwortliches Wesen und versteht sich damit als Entscheidungsträger in historischen Abläufen.“ Entsteht hier ein neues Bild vom alten Ägypten? Ramses II. (Regierungszeit 1298 bis 1235 v. Chr.) wird bislang hauptsächlich im Glanz seiner gigantomanischen Bauwerke in Abu Simbel, des Karnak-Tempels und der Theben-Kultstätten gesehen. Er wird diskutiert als der Pharao des israelitischen Exodus aus Ägypten und ist bekannt als der Friedensvertragspartner der Hethiter. Echnaton (Regierungszeit 1372 bis 1354 v. Chr.) ist vor allem als Gatte der schönen Nofretete bekannt. Erst in zweiter Linie wird er als Ketzer auf dem Pharaonenthron wahrgenommen, der den ersten Monotheismus der Weltgeschichte durchzusetzen versuchte. Die Beurteilung seiner Person schwankt zwischen „kühner Revolutionär“ und „religiöser Träumer“, der das ägyptische Weltreich verträumte. In der Kunstgeschichte gilt er als Erfinder der expres- sionistischen Menschendarstellung. Jahrtausendelang war Echnaton, der als Amenophis IV. den Thron bestieg, eine Unperson. Die ägyptischen Annalen hatten ihn so nachdrücklich getilgt, daß nicht einmal die sonst zuverlässigen antiken Quellen etwas von der Existenz dieses Pharaos wußten. Die Forschung der letzten Jahre hat nun die Persönlichkeit des Echnaton aus dem flackernden Licht der Mutmaßungen geholt. Das herausragende Merkmal der nur 18jährigen Echnaton-Herrschaft war zweifellos die Einführung eines neuen Glaubens – von oben verordnet. Es war das erste Mal in der Menschheitsgeschichte, daß eine Religion gestiftet wurde. Der Ketzer-König jagte die altägyptischen Götter in Scharen davon und verfolgte in einem fundamentalistischen Bildersturm besonders den alteingeses-senen Reichsgott Amun. Echnaton setzte Aton, eine modifizierte altägyptische Sonnengottheit, als alleinigen Gott ein – und zwar nicht nur für Ägypten, sondern für die ganze Welt, ausdrücklich auch für Menschen fremder Völker. Damit kratzte er am ägyptischen Selbstverständnis als dem „Reich der Mitte“ und öffnete subversiv die Grenzen Ägyptens nach draußen. Dennoch meint Arne Eggebrecht: „Echnaton hat zunächst nur Vorstellungen, die schon immer in der ägyptischen Mythologie vorhanden waren, gebündelt und auf den Punkt gebracht.“ Neu sei allein die Ausschließlichkeit des Gottesbegriffs – „Es gibt keinen anderen außer ihm“, Echnatons Alleinvertretungsanspruch als Sohn Gottes und einziger Vermittler zu den Menschen, das Negieren einer jenseitigen Welt. Damit forderte Echnaton die Priesterschaft heraus, er beraubte sie ihrer Pfründe und Macht, den Hohenpriester des Amun schickte er als Leiter einer Steinbruchexpedition in die Wüste. Aber auch dem auf Unsterblichkeit fixierten ägyptischen Menschen mutete er Unerhörtes zu: Echnaton nahm ihm das Jenseits, ohne eine überzeugende Lösung für die Zeit nach dem Tod anzubieten. Der Ägyptologe Erik Hornung erinnert in seinem Buch „Echnaton. Die Religion des Lichtes“ daran, daß der Ketzer-Pharao der „einzige Religionsstifter (war), dem alle staatlichen Machtmittel zu Gebote standen, und man darf davon ausgehen, daß er sie rücksichtslos zur Verwirklichung seiner Ideen eingesetzt hat.“ Echnatons Machtdemonstrationen waren zu Beginn seiner Regentschaft durchaus konventioneller Art: Er baute einen riesigen Tempel – natürlich für Aton – im heiligen Bezirk von Theben. Zugleich aber führte er die Volkssprache als Literatur- und Amtssprache ein und löste damit das bis dahin amtliche, seit 500 Jahren aber tote Idiom des Mittleren Reiches ab. Im fünften Jahr seiner Regierung begann Echnaton mit dem Bau seiner neuen Hauptstadt Achetaton, besser bekannt unter ihrem modernen Namen Tell el-Amarna. In der weitläufigen Residenz wohnten das Personal des Aton-Heiligtums sowie die Beamten und Hilfskräfte des Königshauses, „niederes“ Volk gab es nicht. Die Villen und Paläste waren alle aus Lehmziegeln statt aus Steinen erbaut – man hatte es eilig. Bis zu 100000 Menschen füllten die Neugründung. Auf der 40 Meter breiten Hauptstraße entlang des Nils preschte Echnaton mit seinem geliebten Pferdegespann zum Tempel. Dort huldigte er seinem Gottvater Aton – wie immer assistiert von Nofretete. Mit der gleichberechtigten Teilnahme seiner Frau am Kult und öffentlichen Leben brach er abermals massiv mit der Tradition. Im Osten der Stadt lagen die Gräber. 1882 wurde dort auch das Grab des Pharao gefunden – es ist nie bezogen worden. Der Revolutionär bleibt, wie Nofretete, spurlos verschwunden. Nach Echnatons Tod wurde die Stadt aufgegeben, die Gebäude aus den ungebrannten Ziegeln zerfielen, die Stadt des Aton geriet in Vergessenheit. Indes: „Geschichte hinterläßt immer Spuren“, sagt Museumsdirektor Eggebrecht mit einem Rundblick über den Vorderen Orient im 14. und 13. Jahrhundert v. Chr. Das stets unruhige, aber hochinnovative Mesopotamien war zu einer ernstzunehmenden Macht geworden. Die Hethiter saßen noch fest im Sattel und kontrollierten die Ressourcen sowie den Fernhandel von Anatolien bis Afghanistan. Die mykenischen Herrscher Griechenlands hatten das östliche Mittelmeer und die Wege gen Europa in ihrer Hand. Die Stadtkönige in Palästina pendelten zwischen den Mächten. Unruhe brachten die Libyer und erste Vorboten der „Seevölker“, die rund 150 Jahre später den gesamten östlichen Mittelmeerraum ins Chaos stürzten. Eggebrechts Fazit: „In dieser miteinander verzahnten Welt sind Echnatons Ideen nicht ohne Konsequenzen geblieben. Sein Monotheismus hat wahrscheinlich auch in Israel zu Denkanstößen geführt.“ Drehscheibe des Ideen- und Kultur-Austauschs war stets das Nildelta. Hier gründete Ramses II., Stratege und Realpolitiker, seine neue Hauptstadt. Für Dr. Edgar Pusch, den Finder und Ausgräber der Ramses-Stadt, ist klar: „Die Gründung von Pi-Ramesse im Nildelta hatte eindeutig programmatischen Charakter.“ Einerseits bekannte sich Ramses zu seiner Herkunft aus dem Delta. Zum anderen setzte er ein Zeichen der Macht. Aus seiner ebenso langjährigen wie erfolgreichen Grabungsarbeit in der Ramses-Stadt weiß Pusch: Das Nildelta war der kosmopolitische Teil Ägyptens. Viele der seit langem hier ansässigen Ausländer stiegen bei Ramses II. in hohe Ämter auf. Nirgendwo sonst wurden so viele ausländische Götter verehrt – und leicht verfremdet in ägyptische Gottes-Dienste übernommen. In Pi-Ramesse feierte auch der technische Fortschritt Triumphe. Der Hildesheimer Pusch hat in seiner Ramses-Stadt bislang einmalige quasi-industrielle Produktionsstätten für Bronze und Glas gefunden (bild der wissenschaft 12/1998, „Ramses II. – der erste Großindustrielle“). Die Grabungen und ausgedehnte geophysikalische Messungen belegen: Pi-Ramesse war die größte Stadtanlage ihrer Zeit. Ramses der Große bestieg den ägyptischen Thron 56 Jahre und sechs Pharaonen nach Echnaton. Wie die Tradition es verlangte, betätigte er sich zunächst kriegerisch, unter anderem in Syrien gegen die zweite Supermacht der damaligen Zeit, die Hethiter. Die berühmte Schlacht bei Kadesch am Orontes geriet zum Fiasko, was ihn nicht daran hinderte, sich auf allen erreichbaren Tempelwänden in großformatigen Reliefs als Feldherrn und überragenden Sieger darstellen zu lassen. Nach der Heißsporn-Phase des Beginns sind keine weiteren Kriege Ramses‘ dargestellt. „Wenn man genauer hinschaut“, sagt Edgar Pusch, „ kann die zweite Hälfte der Ramses-Regierungszeit als eine der friedlichsten Epochen in Ägypten überhaupt aufgefaßt werden.“ Der Ausgräber hat keine Scheu davor, Ramses II. in dieser Zeit „als eine Art Friedensfürst zu betrachten“. Im Inneren vollendete Ramses die Restauration, die unter Echnatons Nachfolgern langsam eingesetzt hatte, und drehte in Kunst, Innenpolitik und Religion das Rad sogar noch in die Zeit vor dem Ketzer-König zurück: Er zollte dem Reichsgott Amun wieder Respekt und gönnte auch jedem anderen Gott seinen Altar. Indes: Etliches in den 67 Jahren seiner Regierungszeit ist unverkennbar auf Echnatons Kulturrevolution zurückzuführen. Ramses führte Ideen des Verfemten fort oder entwikkelte sie weiter: Er behielt die neu eingeführte Sprache bei. Er ließ sich bei Prozessionen von Frau und Kindern begleiten. Er betrieb forciert die Öffnung Ägyptens für Handel, Waren und Ideen. Seine Schlachtenbilder an den Tempelwänden halten den gegenwärtigen Augenblick fest und sind voll wilder Bewegung. Vor allem aber füllte er gezielt den Reichsgott Amun mit Charakterzügen von so vielen anderen, vornehmlich vorderasiatischen Gottheiten auf, daß daraus ein „ Weltgott“ wurde – als Offenbarung des Einen. Innenpolitisch hatte Ramses sich – diplomatisch geschickt – mit der oberflächlichen Restauration abgesichert. Das gab ihm die Freiheit, überhaupt mit seinem hethitischen Kriegsgegner in Anatolien zu verhandeln. Mit der fortgeführten Echnaton-Idee von dem einen Gott für alle Völker konnte er den ehemaligen Todfeind „Bruder“ nennen. Nach 16jährigen Verhandlungen wurde der Vertrag mit den Hethitern unterschrieben – es war der erste Friedensvertrag der Weltgeschichte.

Michael Zick

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